Nach Machtübernahme in Afghanistan

Taliban wenden sich mit Forderungen direkt an Deutschland - Merkel stellt aktuelle Position klar

Die Taliban richteten sich nun mit offenen Forderungen an Deutschland. Merkel und Laschet wollen verhandeln. Der News-Ticker.

  • Die Taliban* stellen Forderungen an Deutschland und wollen „starke und offizielle diplomatische Beziehungen“ (siehe Erstmeldung).
  • Merkel und Laschet wollen mit den Taliban verhandeln (siehe Update vom 5. September, 16.36 Uhr).
  • Die US-Generalstabschef rechnet derweil mit Bürgerkrieg in Afghanistan (siehe Erstmeldung).
  • Dieser News-Ticker zur Lage in Afghanistan* wird fortlaufend aktualsiert.

Update vom 6. September, 7.21 Uhr: Die Taliban haben nach eigenen Angaben die letzte Bastion des Widerstands in Afghanistan eingenommen. Das Pandschir-Tal sei nun „vollständig erobert.“ Das erklärte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid am Montag. „Mit diesem Sieg ist unser Land vollständig aus dem Sumpf des Krieges befreit.“ Kurz zuvor hatten die Widerstandskämpfer noch einen Waffenstillstand vorgeschlagen.

Die Taliban waren am Wochenende weiter im Pandschir-Tal vorgerückt. Sie meldeten schwere Kämpfe und Gebietsgewinn in der Provinz nördlich von Kabul. Wie die Nationale Widerstandsfront (NRF) am Sonntagabend mitteilte, wurden bei den Kämpfen auch ein bekannter Sprecher sowie ein General der Widerstandsgruppe getötet.

Update vom 5. September, 16.36 Uhr: Angela Merkel und Armin Laschet haben sich nun dafür ausgesprochen Verhandlungen mit den Taliban aufzunehmen. „Was die Taliban anbelangt, ist es so, dass wir natürlich mit ihnen reden müssen, weil sie jetzt diejenigen sind, die man ansprechen muss“, sagte Merkel am Sonntag bei einer Pressekonferenz in Hagen am Rande des Ruhrgebiets.

Man wolle, dass Menschen, die insbesondere für deutsche Entwicklungsorganisationen gearbeitet hätten und sich gefährdet fühlten, noch außer Landes gebracht werden könnten. Hilfsorganisationen müssten in der Lage sein, die notleidende Bevölkerung zu versorgen. Die Bundeskanzlerin begrüßte es als „gutes Signal“, dass der Flughafen in der afghanischen Hauptstadt Kabul wieder anfliegbar sei. Es gebe Dürre und Hunger in Afghanistan, internationale Hilfsorganisationen könnten hier helfen.

Auch NRW-Ministerpräsident Laschet vertrat die Meinung, es sei erforderlich, mit den Taliban zu sprechen. Dabei müssten dann klare Bedingungen der internationalen Gemeinschaft formuliert werden, unter denen eine Kooperation möglich sei.

Die Außenminister der EU-Staaten hatten sich am Freitag auf Bedingungen für eine beschränkte Zusammenarbeit mit den militant-islamistischen Taliban in Afghanistan verständigt.

Update vom 5. September, 15.49 Uhr: Die radikalislamischen Taliban sind am Wochenende weiter in die letzte Bastion des Widerstands in Afghanistan vorgerückt. Die neuen Machthaber am Hindukusch meldeten schwere Kämpfe im Pandschir-Tal und nahmen Berichten zufolge das Dorf Anabah sowie weitere Gebiete der Provinz nördlich von Kabul ein.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid

US-Generalstabschef Mark Milley hält angesichts der unübersichtlichen Lage im Land den Ausbruch eines Bürgerkriegs für „wahrscheinlich“. Die Taliban, deren Regierungsbildung immer noch ausstand, forderten unterdessen von Deutschland diplomatische Anerkennung und finanzielle Hilfen (siehe Ursprungsmeldung).

Afghanistan: FDP warnt Bundesregierung vor Erfüllung von Taliban-Forderungen

FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff warnte hingegen die Bundesregierung, Forderungen der Taliban zu erfüllen. „Wir müssen mit den Islamisten im Moment ausschließlich über die Rettung weiterer Schutzbedürftiger reden, mehr aber nicht“, sagte er den Funke-Zeitungen.

US-Außenminister Antony Blinken will in der kommenden Woche in Deutschland mit Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) ein virtuelles Ministertreffen von 20 Ländern zu Afghanistan und dem Umgang mit den Taliban leiten.

Taliban fordern von Deutschland diplomatische Anerkennung und finanzielle Hilfen

Erstmeldung vom 5. September: Kabul - „Wir wollen starke und offizielle diplomatische Beziehungen“: Die militant-islamistischen Taliban fordern von Deutschland* überdies finanzielle Hilfen. Das sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid der Welt am Sonntag (WamS). Die Deutschen seien in Afghanistan* immer willkommen gewesen.

Schon zu Zeiten des Königreichs vor etwa einhundert Jahren hätten die Deutschen in Afghanistan viel Gutes bewirkt, sagte Mudschahid. „Leider haben sie sich dann den Amerikanern angeschlossen. Aber das ist jetzt vergeben“, erklärte der Sprecher, der als künftiger Informationsminister der neuen afghanischen Regierung gehandelt wird.

Die neue Regierung der Taliban wünsche sich von Berlin ebenso wie von anderen Ländern neben Geld überdies humanitäre Hilfe und Kooperation bei Gesundheit, Landwirtschaft und Bildung, erklärte der Taliban-Vertreter.

Afghanistan - Taliban-Forderungen an Deutschland

Deutschland ist auf Gespräche mit den Taliban angewiesen, weil es nach dem Ende der militärischen Evakuierungsaktion die Ausreise weiterer Schutzsuchender* aus dem Land ermöglichen will.

Bundesaußenminister Heiko Maas hatte vor wenigen Tagen gesagt: „Wenn es politisch möglich wäre und wenn die Sicherheitslage es erlaubt, dann sollte auch Deutschland in Kabul wieder eine eigene Botschaft haben.“ Der SPD-Politiker betonte aber auch, dass eine diplomatische Vertretung keine Anerkennung einer Taliban-Regierung bedeute.

Taliban-Kämpfer stehen nach dem Abzug der USA in Kabul im Inneren des internationalen Flughafens Wache.

Die Bundesregierung hatte nach dem Siegeszug der Taliban die Botschaft in Kabul geschlossen. Botschafter Markus Potzel wurde ins katarische Doha entsandt, um dort Gespräche mit den Islamisten zu führen. In der Hauptstadt des Golfemirats haben die Taliban ihr politisches Büro, das quasi als Außenministerium fungiert.

Afghanistan-Krise: US-Generalstabschef rechnet mit Bürgerkrieg in dem Land

Allerdings sind schon die ersten Taliban-Vertreter aus Doha nach Afghanistan zurückgekehrt. Daher gibt es die Überlegungen, wie man den kurzen Draht zu den neuen Machthabern aufrechterhalten kann.

US-Generalstabschef Mark Milley hat sich unterdessen besorgt darüber geäußert, dass Afghanistan nun in einen Bürgerkrieg abgleiten könnte. „Ich weiß nicht, ob die Taliban in der Lage sein werden, ihre Machtstellung zu festigen und eine Regierung zu etablieren“, sagte Milley dem Sender Fox News am Samstag. „Meine militärische Einschätzung ist, dass sich die Lage wahrscheinlich zu einem Bürgerkrieg auswachsen wird.“ (dpa/AFP/frs) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Rahmat Gul/AP/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare