Konflikt in Afghanistan - Proteste für Frauenrechte in Kabul
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Zwei Taliban-Kämpfer stehen während einer Anti-Pakistan-Demonstration in der Nähe der pakistanischen Botschaft Wache, während afghanische Frauen vor der Botschaft protestieren und Slogans rufen.

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Die zwei Taliban und ihr Konkurrenzkampf um Afghanistan

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Die Kluft zwischen der internationalen Führung der Taliban in Afghanistan und ihren einfachen Kämpfern war nie so groß wie jetzt.

  • Die Taliban haben die Macht in Afghanistan übernommen.
  • Bislang geben sich die neuen Machthaber liberaler als während ihrer letzten Herrschaft.
  • Doch die einfachen Taliban-Kämpfer schlagen bereits ganz andere Töne an.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 18. August 2021 das Magazin „Foreign Policy“.

Seit die Taliban* die Kontrolle über Afghanistan übernommen hat, häufen sich im ganzen Land Berichte über Plünderungen und Hinrichtungen*. Afghanen in Kabul berichteten Freunden im Ausland von Taliban-Bodentruppen, die auf der Jagd nach Journalistinnen und Ärztinnen Häuser durchsuchen.

Die Führung der Taliban hat sich wiederum stark bemüht, eine andere Botschaft zu vermitteln. Sie drängten ihre Bodentruppe zu einem zurückhaltendem Vorgehen, um alle Afghanen von ihren guten Absichten zu überzeugen. Die Taliban-Führung erklärte eine Generalamnestie für alle, die für das frühere Regime gearbeitet haben; sie forderte Regierungsbeamte und Journalisten – einschließlich Frauen – auf, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, und sie wandte sich sogar an Minderheitengruppen, um deren Bedenken auszuräumen.

Machtübernahme in Afghanistan: Die zwei Gesichter der Taliban

Die Spitze der Taliban-Hierarchie, von denen viele während des kürzlich beendeten Krieges Jahre im Ausland verbracht haben, will sich offensichtlich als gütige und reformierte Herrscher darstellen, die sich nach Legitimität gegenüber den Afghanen und Anerkennung durch die internationale Gemeinschaft sehnen. Deutlich weniger klar ist allerdings, ob die Taliban-Mitglieder, die jetzt ganz Afghanistan regieren, dasselbe wollen – und schon gar nicht, wie und auf wessen Kosten die daraus resultierenden Spannungen innerhalb der Taliban gelöst werden sollen.

Einen Tag nach dem Einmarsch in Kabul gab der führende Sprecher der Gruppe, Zabiullah Mujahid, eine lange Pressekonferenz in der Stadt, in der er erklärte, die Taliban seien nicht auf Rache aus und würden niemanden hinrichten, der sich ihnen zuvor widersetzt habe. Er beteuerte auch den Schutz der Frauenrechte innerhalb eines islamischen Rahmens, die Bildung einer inklusiven Regierung sowie ununterbrochenen Schutz für ausländische Botschaften.

Taliban-Ankündigung in Afghanistan nur ein PR-Gag?

Viele Afghanen und Experten, die die Gruppe seit ihrer Gründung verfolgt haben, sind aber der Meinung, dass diese Zusicherungen kaum mehr als eine PR-Aktion sind. Einige von ihnen wiesen darauf hin, dass Mujahid in derselben Pressekonferenz forderte, die Medien zu verpflichten, bei ihrer Berichterstattung das islamische Recht zu achten, und dass er anzudeuten schien, dass Frauen nur noch in einigen wenigen ausgewählten Berufen würden arbeiten können.

Es ist auch fraglich, ob die politische Führung der Taliban bereit ist, mehr Zugeständnisse zu machen, als ihre Bodentruppen bereit sind, einzuräumen. Es gibt bereits Berichte, wonach einfache Taliban-Kämpfer auf Demonstranten schossen* und öffentliche Bilder von Frauen übermalt wurden.

Diesen Monat erklärte ein Taliban-Kämpfer in Kandahar gegenüber Foreign Policy, dass die Taliban niemals Wahlen in ihrem Land zulassen würden. „Wahlen funktionieren nicht“, erklärte er unter der Bedingung, anonym zu bleiben, da es ihm nicht erlaubt war, mit der Presse zu sprechen. „In den letzten 20 Jahren hatten wir Wahlen, aber erreicht wurde damit nichts. Wir werden unsere eigenen Wege gehen.“ Der offizielle Sprecher der Gruppe in Doha, Suhail Shaheen, widersprach dieser Ansicht jedoch und gab an: „Wir sind offen für alle vorgebrachten Ideen“ – einschließlich der Durchführung von Wahlen.

CIA-Experte über Taliban: „Fabelhaft medienkompetent“

Douglas London, ehemaliger Leiter der CIA-Terrorismusbekämpfung in Süd- und Südwestasien, erklärte, die Taliban seien „fabelhaft medienkompetent“ geworden. Diese neu erworbene Raffinesse könnte die Gruppe davon abhalten, offen Völkermord zu begehen, wie sie ihn in der Vergangenheit an der Hazara-Minderheit verübt hat. Aber nichts davon deutet darauf hin, dass die Gruppe nicht auch weiterhin grundlegende Menschenrechte missachten oder stillschweigend Terroristen unterstützen wird. „Sie werden unter dem Deckmantel der religiösen Angemessenheit wieder Frauen unterdrücken, den Kontakt zum Westen begrenzen, die Demokratie unterdrücken und die Menschenrechte missachten“, so London. „Terroristische Gruppen werden sie nicht einschränken, sondern sie lediglich auffordern, unauffällig zu agieren.“ Die Taliban haben bereits eine Reihe bedeutender Al-Qaida-Kämpfer auf dem indischen Subkontinent freigelassen, die von den afghanischen Behörden in einer Hafteinrichtung auf dem Luftwaffenstützpunkt Bagram festgehalten worden waren.

Afghanistan quo vadis?

Foreign Policys* Gespräche mit Taliban-Vertretern auf verschiedenen Hierarchiestufen unterstreichen, dass die Taliban planen, das autoritäre Regime wiederaufleben zu lassen, dass dessen berüchtigte Grausamkeit jedoch möglicherweise gemäßigter ausfallen wird. Manche glauben, dass die Taliban eine strengere Version der in anderen islamischen Ländern wie Iran und Saudi-Arabien bereits bestehenden Regierungsform anstreben. Dies würde in der Tat auf ein gemäßigteres und zurückhaltenderes Regime hinauslaufen, als es die Taliban in ihrer letzten Regierungszeit führten. Der Vergleich mit dem Iran legt nahe, dass es sich um ein unverhohlen religiöses Regime handeln wird, das jedoch nach einer organisierten religiösen Hierarchie und nicht ad hoc mit fundamentalistischer Brutalität geführt wird. „Der Iran will, dass die Taliban so werden wie sie – ein islamisches Land, das von Klerikern geführt wird“, sagte mir Rahmatullah Nabil, Präsidentschaftskandidat bei den letzten Wahlen und ehemaliger Leiter des Nationalen Sicherheitsdienstes, des wichtigsten Geheimdienstes Afghanistans, nur wenige Tage bevor die Taliban Kabul einnahmen.

Die Taliban-Führer in Doha, Quetta und Kabul debattieren derzeit über den Umfang der sozialen Freiheiten, die sie der städtischen Bevölkerung des Landes zugestehen wollen, die seit der letzten Machtübernahme der Gruppe gewachsen und weniger konservativ geworden ist. Ihr Ziel wird es sein, Kritiker im Ausland zum Schweigen zu bringen und gleichzeitig die Basis ihrer Anhängerschaft intakt zu halten.

Habib Agha, Sohn des ranghohen Taliban-Führers Sayed Akbar Agha, behauptet, mit der Taliban-Führung in Doha und Quetta sowie mit den Fußsoldaten der Gruppe in Kabul in Verbindung zu stehen. Er berichtete Foreign Policy von den politischen Plänen der Gruppe: „Mädchen werden zur Schule und sogar zur Universität gehen dürfen, wenn sie wollen“, erklärte der jüngere Agha in Urdu. „Sie können Ärztinnen werden, weil Frauen weibliche Ärztinnen brauchen, aber ich denke, es könnte schwierig für sie sein, Journalistin oder Anwältin zu werden.“

Afghanistans Frauenrechte durch Taliban ausgelöscht?

Habib fügte hinzu, dass Frauen möglicherweise nicht gesetzlich gezwungen werden, einen Vollschleier zu tragen, solange sie einen Hijab tragen und ihr Haar bedeckt halten. Er fügte hinzu, dass die Taliban wahrscheinlich aufhören werden, unterhaltsame Fernsehsendungen auszustrahlen, da diese „die jungen Leute vom Lernen ablenken und die Zeit der Älteren vergeuden“, aber es könnte etwas Raum gelassen werden, um „gute Musik“ zu hören. Überwacht würde all dies jedoch vom Ministerium für die Förderung der Tugend und die Verhütung des Lasters, bei der es sich unter den Taliban zuvor um eine drakonische Einrichtung handelte. Agha räumte ein, dass einige Menschen von den Taliban im Süden hingerichtet wurden – aber nur „die Räuber“, wie er sagte – sowie, dass einige Hausdurchsuchungen durchgeführt wurden, aber nur bei Personen, die „Waffen versteckten oder Staatsgüter wie Fahrzeuge besaßen“.

Ahmed Rashid, Journalist und Autor eines maßgeblichen Buches über die Ideologie der Gruppe, erklärte, dass die Taliban versuchen würden, das grundlegende Wirtschaftssystem des Landes aufrechtzuerhalten, um ihren eigenen Zugang zu den staatlichen Vermögenswerten zu schützen, aber dass das Gleiche nicht für die Menschenrechte gelten würde. „Sie glauben nicht an Demokratie –wie sollen sie dann zum Beispiel einen Führer wählen? Viele Fragen sind unbeantwortet“, so Rashid. „Ich denke, sie werden sich bemühen, sich in die internationale Gemeinschaft zu integrieren, um anerkannt zu werden. Aber all das Gerede über Frauenrechte ist ein Lippenbekenntnis. Es wird eine harte Linie verfolgt werden von einer ganz neuen Generation von Fanatikern, die aus Gefängnissen in Afghanistan befreit wurden und Zeit in Guantánamo verbracht haben, [die] schlechte Erfahrungen mit dem Westen gemacht haben. Die jüngere Generation der Taliban-Kämpfer führten die meisten Kämpfe. Sie werden ihre Forderungen stellen und jeglichen Zugeständnissen an Liberalismus und Modernismus ausweichen.“

Russland, China und natürlich auch Pakistan haben bereits ihr Vertrauen in die Rückkehr zur Macht der Taliban bekundet. Vielen im Westen fällt es jedoch schwer, die neue Selbstdarstellung der Gruppe als Widerstandskraft gegen die US-Besatzung zu akzeptieren, ohne dass diese ihre eigene Geschichte der Grausamkeit und des Terrors im eigenen Land anerkennt. So schaut die Welt zu und fragt sich, ob die Taliban die Chance auf Herrschaft verdienen, die sie so leicht ergriffen haben. Die Afghanen halten derweil den Atem an und fragen sich, ob es noch sicher ist, ihre Häuser zu verlassen.

von Anchal Vohra

Anchal Vohra lebt in Beirut und ist Kolumnist für Foreign Policy sowie freiberuflicher TV-Korrespondent und Kommentator für den Nahen Osten.Twitter: @anchalvohra

Dieser Artikel war zuerst am 18. August 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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