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Die Erkenntnisse des deutschen Philosophen Karl Marx (1818-1883) bestimmen das politische Denken der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht.

Analyse

Wagenknecht & Co. schöpfen mit ihrer Kritik an der neuen Linken aus Marxschen Quellen

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In vielen westlichen Ländern laufen Wähler aus der klassischen Klientel der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien zu der Rechten über. Orthodoxe Marxisten glauben den Grund dafür zu kennen: Die Linksparteien kümmern sich nicht mehr um die Probleme der Massen, sondern machen nur noch Minderheitenpolitik. Eine Analyse von Politikchef Dr. Dieter Sattler.

Was haben Sahra Wagenknecht, der slowenische Philosoph Slavoj Zizek und der österreichische Buchautor Robert Pfaller gemeinsam? Nun, alle drei sind stramm links, aber vor allem scheinen für sie Grüne wie Robert Habeck fast schlimmer als Donald Trump zu sein. Was auf den ersten Blick als absurd erscheint, ist es auf den zweiten gar nicht mehr so sehr.

Denn die orthodoxen Linken verabscheuen zwar die Populisten, wollen aber deshalb deren Wähler nicht beschimpfen. Wagenknecht & Co. sind als an Marx orientierte Linke der Meinung, dass die Populisten nur Nutznießer des Umstandes sind, dass die eher kulturell orientierte neue Linke um Grüne und „vergrünte“ Sozialdemokraten die Wähler nach rechts treibt, weil sie die öknomischen Interessen ihrer Klientel vernachlässigt. Stattdessen kümmere man sich, so der Vorwurf, fast ausschließlich um Zuwanderer und andere Minderheiten. Weil sie auch ihrer eigenen Linkspartei diesen Vorwurf macht, hat Wagenknecht die linke Sammlungsbewegung „Aufstehen“ gegründet, die aber bisher nicht so recht in die Gänge kommt.

Pfaller argumentiert in seinem interessanten Pamphlet „Erwachsenensprache“ streng marxistisch, wenn er Haupt- und Nebenwidersprüche unterscheidet. Bei Marx war der Hauptwiderspruch letztlich der von Lohnarbeit und Kapital. Alles andere waren Nebenwidersprüche. Ein Beispiel dafür wäre heute die Diskussion um korrekt gegenderte Sprache, die jetzt in Hannover für die Umstellung der Amtssprache sorgt.

Entsprechende Debatten werden seit der Trump-Wahl und dem Brexit auch im angelsächsischen Raum geführt. Beide Ereignisse werden von gewerkschaftsnahen Politikern auch auf die Arroganz der neuen Linken zurückgeführt, für die der „Hauptwiderspruch“ von Arbeit und Kapital fast keine Rolle mehr spielt. Er sei durch das Engagement zunächst für den Internationalismus und dann für Minderheitenbelange völlig überlagert worden.

Aus diesen Kreisen wird ähnlich wie von Wagenknecht, Pfaller und Zizek gerne positiv auf den US-Demokraten Bernie Sanders, Jeremy Corbyn, Chef der britischen Labour-Party, und den französischen Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Melenchon verwiesen, die mit klassisch linker Politik recht erfolgreich sind. Es sei ja nicht so, heißt es, dass das Engagement für Internationalismus und Randgruppen falsch sei. Das dürfte aber nicht den Blick auf die anhaltende Diskriminierung der Unterschicht verstellen.

Aber gerade das passiert: Die Fokussierung auf intellektuelle Trends hatte die stark akademisch geprägte neue Linke im Vorfeld von Trump-Wahl und Brexit übersehen lassen, was sich da zusammenbraut. Die Vernachlässigung klassischer Soziologie zugunsten von Modethemen zeigt sich sogar dann, wenn Chancengerechtigkeit und Diskriminierung an den Hochschulen selbst untersucht wird.

Als Beispiel dafür mag eine Studie zur Diversifikation an den Universitäten gelten, die kürzlich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ besprochen wurde. Dabei wurde festgestellt, dass der Anteil von Frauen sowie Schwulen und Lesben an den Universitäten gemessen am Bevölkerungsanteil überproportional hoch ist. Aber dass der Anteil von Unterschichtsangehörigen extrem niedrig ist (vor allem mit Migrationshintergrund), scheint kaum noch jemanden zu beschäftigen. Philosoph Zizek beschreibt in Büchern und Zeitungskolumnen immer wieder, dass die universelle Moral der Intellektuellen vor allem deren Selbsterhöhung und Wohlbefinden gelte. Die Klientel, für die die Linke ursprünglich kämpfte, sei ihnen gar nicht wichtig, ja manchmal sogar peinlich, weil sie nicht auf der gleichen Moral-höhe sei.

in der Sonnenblume Grünen-Chef Robert Habeck.

Ein böser Befund des an Nietzsche geschulten Marxisten, der aber teilweise sicher zutrifft. Man muss nicht der Meinung der drei Autoren sein und kann Wagenknechts Blinken nach rechts sogar für gefährlich halten, muss aber auch konstatieren, dass in der Sozialdemokratie viel zu wenig darüber diskutiert wird, warum gerade die altehrwürdige Arbeiterpartei in armen Städten wie Duisburg, Essen, Mannheim oder Pforzheim massenweise Stimmen an die AfD verliert. Und Umfragen zeigen, dass die Neigung, rechts zu wählen, auch andernorts bei Gewerkschaftern nicht gerade gering ausgeprägt ist. Der französische Philosoph Didier Eribon hat in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ Ähnliches aus Frankreich beschrieben. Manche Viertel, in denen früher fast geschlossen links gewählt wurde, sind heute fest in der Hand des rechten Front National.

Man kann natürlich darüber streiten, ob der klassische marxistische Ansatz noch trägt und nicht, wie Grünen-Chef Habeck oft betont, heute der Hauptwiderspruch zwischen Freiheit und Unfreiheit, liberaler Gesinnung und Abschottung verlaufe. Aber man muss angesichts der Wählerwanderungen schon fragen, ob das Hochschrauben der linksliberalen Ansprüche nicht das Abwandern von Traditionalisten nach rechts begünstigt und so die Demokratie schwächt. Bei hohen Zuwanderungsquoten sind es sicher nicht die Wohlhabenden, Gutqualifizierten und Vielsprachigen, die mit Migranten um Wohnraum und einfache Jobs konkurrieren müssen.

Die Gräben zwischen klassischen und kulturellen Linken sind tief. Das zeigte sich etwa, als neulich in einer Talkshow Wagenknecht und Habeck über Sanktionen für junge Arbeitsverweigerer diskutierten. Habeck will diese ja bekanntlich streichen. Wagenknecht argumentierte klassisch links, indem sie sagte, das könne man Leuten, die das mit ihrer Arbeit finanzieren müssten, nicht antun. Man müsse vielmehr durch bessere Schulbildung verhindern, dass Leute sich überhaupt zu Leistungsverweigerern entwickeln. Darin steckt noch der Bildungsansatz der Aufklärung, die Fähigkeiten und Chancen der Menschen verbessern wollte, statt die Ansprüche abzusenken. Die Grünen wollen, wie auch der geforderte Verzicht auf Schulnoten in Hessen zeigt, vor allem den Druck aus dem System nehmen, im Sinne der 68er-Revolte gegen das Leistungsprinzip.

So weit die Lager also auch voneinander entfernt sind, ist doch klar, dass beide allein zu schwach sind, etwas gegen die von ihnen bemängelten Fehlentwicklungen der kapitalistischen Globalisierung zu bewirken. Deshalb muss man den libertären Linken empfehlen, wieder mehr auf den ökonomischen Befund der klassischen Marxisten zu hören. Und diesen wiederum, sich nicht komplett von neuen Entwicklungen abzukoppeln. Sonst könnten sie trotz aller intellektuellen Brillanz bald im Sektierertum enden.

Zum Weiterlesen

Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Fischer. Broschiert. 256 Seiten, 14.99 Euro

Sahra Wagenknecht: Couragiert gegen den Strom, Westend Verlag, 221 Seiten, 18 Euro

Slavoj Zizek: Ärger im Paradies. Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus. Fischer 368 Seiten, gebunden , 24.99 Euro.

Slavoj Zizek: Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror. Ullstein Verlag, 96 Seiten, gebunden, 8 Euro.

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