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Viele ältere Menschen müssen jeden Cent zweimal herumdrehen: Der Paritätische Wohlfahrtsverband schlägt Alarm.

Studie

Die Angst vor der Altersarmut

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Altersarmut ist bereits heute für viele Menschen Alltag, so das Ergebnis einer Erhebung. Die Studie des größten deutschen Sozialverbands weist darauf hin, dass sich das Problem in Zukunft drastisch verschärfen wird. Grund sind geringe Löhne.

Immer mehr Menschen in Deutschland sind im Alter von Armut bedroht. Eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands schlägt Alarm. Bereits jetzt sei fast jeder sechste Rentner betroffen. Das heißt, die staatliche Rente der Betroffenen liegt unterhalb der Armutsgrenze von 942 Euro bei einem Alleinstehenden. „Altersarmut ist kein drohendes Problem am Horizont, sondern heute bereits bittere Realität“, sagt Joachim Rock, Rentenexperte des Paritätischen Gesamtverbands. Den Grund dafür verorten die Forscher vor allem darin, dass seit zehn Jahren immer mehr Menschen immer weniger verdienen. Private Vorsorge ist für viele unmöglich.

Dies bestätigt auch der aktuelle Alterungssicherungsbericht der Bundesregierung. Fast die Hälfte der Beschäftigten mit einem Einkommen bis zu 1500 Euro verfügt über keinerlei zusätzliche Altersvorsorge. Auch die Einkommensgruppen bis 2000 Euro haben oft nicht die finanziellen Mittel, um ausreichend in eine zusätzliche Alterssicherung investieren zu können. Das hat Folgen.

In Hessen sind aktuell knapp 48 000 Menschen im Rentenalter auf eine Grundsicherung angewiesen. Und der Trend zeigt eine deutliche Zunahme. In Mittelhessen zum Beispiel stieg die Zahl von 14,1 Prozent im Jahr 2010 auf 17,1 Prozent im Jahr 2015, im Rhein-Main-Gebiet im selben Zeitraum um fast ein Drittel von 10,5 auf 13,1 Prozent.

Ein Grund darin sieht der Wohlfahrtsverband in der steigenden Zahl an Menschen, die in ihrem Job zu wenig verdienen, um davon leben zu können. Denn immer mehr Menschen arbeiten in Minijobs oder 450-Euro-Jobs. 7 506 000 Euro waren es im September 2017. Der Beitrag, den die Arbeitgeber in so einem Beschäftigungsverhältnis pauschal an die Rentenversicherung zahlen, ist gering. Mini-Jobber können sich sogar davon befreien lassen.

Unabhängig davon reicht zum Beispiel der gesetzliche Mindestlohn von aktuell 8,84 Euro laut Studie nicht aus, um Rentenansprüche oberhalb der Grundsicherungsschwelle zu erreichen. Weil das Rentenniveau in den vergangenen Jahren abgesunken ist – von 52,6 Prozent im Jahr 2005 bis auf aktuell 47,6 Prozent –, seien immer höhere Einkommen notwendig, um Renten jenseits der Grundsicherung zu erreichen, heißt es in der Studie.

Der Wohlfahrtsverband kritisiert, ein durchgängiges Arbeitsleben mit Mindestlohn führe direkt in die Altersarmut. „Lange Zeit war das Armutsrisiko älterer Menschen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung unterdurchschnittlich. Die Menschen konnten darauf hoffen, dass sie im Alter in der Regel einigermaßen abgesichert sind“, sagt Rentenexperte Rock. „Dies hat sich in den vergangenen zehn Jahren drastisch verändert.“

Der Verband verlangt deshalb ein „energisches Einschreiten des Staates“ und fordert, die gesetzliche Rentenversicherung wieder zu stärken. Das Rentenniveau solle dazu wieder auf 53 Prozent angehoben werden. Die gesetzliche Rente sei für die meisten Menschen „die wichtigste, leistungsfähigste und verbreitetste Säule im System der Alterssicherung.“

Wolfgang Decker, arbeitspolitischer Sprecher der hessischen SPD-Landtagsfraktion sagt: „Es hat sich ein Arbeitsmarkt breitgemacht, den wir so nicht wollen.“ Es könne nicht sein, dass Busfahrer für die Fahrtzeiten bezahlt werden, für die Standzeiten jedoch nicht. Oder, dass der Mindestlohn dadurch gedrückt werde, dass die Beschäftigten für den gleichen Lohn länger arbeiten müssten. Zudem reiche der aktuelle Mindestlohn bei weitem nicht aus, um eine halbwegs ausreichende Rente zu erhalten. „Wir müssen jetzt handeln, um das Rentenniveau zu stabilisieren.“

Ein SPD-Vorschlag ist die sogenannte Solidarrente, die aus Steuergeldern finanziert wird und bei denen die Rente aufstocken soll, deren Rentenanspruch trotz langer Berufstätigkeit nicht zur Deckung des eigenen Lebensunterhalts ausreicht.

Matthias Zimmer, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Frankfurt, stellt fest: „Der Mindestlohn ist nicht armutsfest, aber er ist auch nicht dafür gedacht.“ Zimmer spricht sich dafür aus, das Rentenniveau nicht zu stark absinken zu lassen. Das sei eine Aufgabe für die aktuelle Legislaturperiode.

Zimmer sagt aber auch: „Wir haben eine sehr gute wirtschaftliche Lage, so dass sich das Rentenniveau derzeit von selbst stabilisiert.“ Frühere Prognosen, die ein noch stärkeres Absinken der Alterssicherung voraussagten, hätten sich nicht bestätigt.

Einer der Rentner, die dennoch in Armut leben, ist der Frankfurter Rudolf Zeretzki. Er war als Elektroinstallateur irgendwann nicht mehr gefragt und bekam keinen Job mehr.

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