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Tütenkontrolle vor dem Flüchtlingsheim in Ellwangen: Wachmänner überprüfen, was die Bewohner ins Haus bringen. Alkohol ist verboten!

Alkohol in Flüchtlingsunterkünften

Asylbewerber und Alkohol: „Mein Vater würde mich umbringen“

Offiziell sind Bier und Schnaps in vielen Unterkünften von Flüchtlingen tabu. Doch Langeweile, Enge und Ungewissheit lassen immer mehr Flüchtlinge ihre Sorgen mit Alkohol runterspülen. Schon gab’s Prügeleien im Suff, wiederholt musste die Polizei anrücken. Droht ein Flüchtlings-Problem der ganz anderen Art?

In einer Unterkunft für Asylbewerber in Mörfelden-Walldorf prügelten sich unlängst drei Männer um ein 15-jähriges Mädchen. Die Polizei nahm sie erst einmal mit: Alle drei hatten ordentlich einen gebechert.

In Flieden im Kreis Fulda randalierten mehrere Männer verschiedener Nationalitäten in ihrer Unterkunft, Polizeibeamte mussten für Ruhe sorgen. Drei der Schläger wurden in Gewahrsam genommen: Sie waren total betrunken.

Bei einer Schlägerei in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Bensheim wurden fünf Menschen verletzt. Ein Eritreer hatte mit der Prügelei angefangen, dann mit einem Messer um sich gestochen. Der Mann stand, so hieß es im Polizeibericht, erheblich unter Alkoholeinfluss . . .

Drei Fälle aus Hessen, die bekannt wurden – in Wahrheit aber sind’s bestimmt noch viel mehr: Alkohol unter Flüchtlingen wird zunehmend zu einem ernsthaften Problem. Die alltägliche Langeweile, dazu oftmals drückende räumliche Enge, und über allem die schier unerträgliche Ungewissheit, wie es nun weitergeht: Da ist die Gefahr, Sorgen und Zukunftsängste mit Alkohol zu ertränken, natürlich groß.

Nico Pointner, Reporter bei der Deutschen Presse Agentur, hat sich in einer Flüchtlingsunterkunft im schwäbischen Ellwangen umgeschaut. Auszug aus seinem Bericht:

„Ali Shan trinkt gerne. Am Wochenende geht der 19-Jährige meist mit Freunden los, sie kaufen sich zwei oder drei Flaschen Wodka, manchmal Rum, dazu meist Hühnchen und Chips. Dann setzen sie sich an die Bahnstation in Ellwangen und trinken. ,Aber nur am Wochenende‘, sagt Ali in gebrochenem Englisch.

Seit eineinhalb Monaten lebt der Asylbewerber in der Flüchtlingsunterkunft im schwäbischen Ellwangen. Hat er in seiner pakistanischen Heimat auch Alkohol getrunken? ,Nein!‘, ruft Ali Shan entsetzt. ,Mein Vater würde mich umbringen, wenn er das wüsste‘.

In der Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea) Ellwangen trinke rund ein Drittel der derzeit 900 Flüchtlinge täglich Alkohol, schätzt Sicherheitsmann Norman Schmidt, der dort mit seinem Team für Ruhe und Ordnung sorgen soll. ,Denen ist langweilig, und sie haben Probleme‘. Größeren Ärger, sagt der Sicherheitsmann auch, gebe es deswegen aber selten.

Mit Alkohol könne man sein Trauma eben kurzfristig ausknipsen, sagt Lea-Leiter Berthold Weiß: ,Vielleicht trinken sie aus dem gleichen Grund wie die Leute hier auch trinken – weil man vergessen will‘.

Die Flüchtlinge kaufen sich Schnaps im Shop der Tankstelle oder im Supermarkt, nur wenige Hundert Meter die Straße runter. ,Schlimm ist es, wenn es Taschengeld gab, dann gehen sie los und kaufen ein, von der Dose Bier bis zum Wodka‘, berichtet Schmidt. Rund 140 Euro bekommt ein allein reisender Flüchtling im Monat.

Viele trinken am Kreisverkehr, auf der Wiese, in der Stadt. Denn im Flüchtlingsheim ist Alkohol absolut tabu. Immer wieder versuchen Asylbewerber aber, Getränke reinzuschmuggeln. Schmidt kennt die Tricks. Wodka-Flaschen werden über den Zaun geworfen, Rum unter dicken Jacken versteckt, Schnaps in leere Sprudelflaschen umgefüllt . . .“

Die Situation, die der Reporter aus Ellwangen beschreibt, ist auch in Hessen anzutreffen: Alkohol in den Flüchtlingsunterkünften werde zunehmend zu einem ersthaften Problem, heißt es in den zuständigen Landesbehörden. Gesagt wird das nur hinter vorgehaltener Hand, laut darüber reden will niemand. „Vor Ort“ hingegen ist man offener, wenigstens ein bisschen:

Die Bad Vilbeler Sozialdezernentin Heike Freund-Hahn (FDP) räumt noch ein: „Wir registrieren immer wieder Bierdosen oder Schnapsflaschen im Umfeld der Unterbringungseinrichtungen.“

Allerdings, sagt sie dann auch, habe es wegen des Alkohols noch keine ernsthaften Auseinandersetzungen gegeben. Bei der Wetterauer Polizei heißt es dazu: „Auf Grund von Alkohol kommt es allenfalls zu Rangeleien. Aber wenn wir kommen, ist schon alles wieder vorbei“, so Polizeisprecher Erich Müller.

Ähnlich die Lage im Main-Taunus-Kreis: Man habe es bisher nur vereinzelt mit alkoholisierten Flüchtlingen zu tun bekommen, so Polizei-Pressesprecher Daniel Kalus-Nitzborn. Und Johannes Latsch, der Sprecher der Kreisverwaltung, ergänzt, es gebe einige wenige Probleme mit Einzelpersonen, die zum Beispiel alkoholkrank seien. Auch würden junge Leute mal eine Party feiern. Von einem flächendeckenden Problem aber „kann nicht die Rede sein“.

„Jedes Studentenwohnheim hat im Durchschnitt mehr Probleme mit Alkohol als wir hier“, sagt Robert Wiehler, Leiter des Flüchtlingsheimes in Grävenwiesbach. Alkohol gehöre zwar „gelegentlich zu den Anlässen, an denen sich Streitereien entzünden“. Doch bewege sich alles „im normalen Rahmen“.

So versuchen alle, die an der „Flüchtlings-Front“ unterwegs sind, das Thema Alkohol nicht hochkochen zu lassen, sondern zu versachlichen. „Wenn so viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, sind Streitigkeiten und Reibereien nicht zu vermeiden“, sagt zum Beispiel Siegfried Schlott von der Polizei im Hochtaunuskreis. Da müsse aber nicht immer der Alkohol daran schuld sein.

In der Großunterkunft in Frankfurt auf dem früheren Neckermann-Gelände sei Alkohol grundsätzlich verboten, versichert Nicole Ohly-Müller vom zuständigen Regierungspräsidium Darmstadt. Wenn Alkohol gefunden werde, bewahre man ihn auf, müsse ihn aber auf Wunsch aushändigen – „außerhalb der Einrichtung können wir Alkoholkonsum nämlich nicht verbieten“. Erkennbar alkoholisierte Personen würden im dritten Stock, wo es keine Wohnräume gebe, unter der Aufsicht des Sicherheitsdienstes einquartiert, bis sie wieder nüchtern seien.

Ähnlich sieht’s in Langen und Neu-Isenburg aus, wo Peter Steinfadt die Flüchtlingsunterkünfte leitet: „In den Einrichtungen selbst ist es so gut wie ausgeschlossen, dass Alkohol konsumiert wird.“ Es gebe aber Einzelfälle, dass Flüchtlinge im Supermarkt Alkohol kaufen. Wenn einer alkoholisiert in der Unterkunft erscheine, „wird ihm der Einlass verweigert, bis er ausgenüchtert ist, oder er wird auf die Isolierstation gebracht.“

Dabei gibt’s, sagen Fachleute, ein Problem hinter dem Alkoholproblem. Es gebe keine spezifischen Beratungsangebote für Flüchtlinge zum Thema Alkohol, bemängelt Ingo Schäfer, Geschäftsführer des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. Die Betroffenen seien noch nicht im deutschen Suchthilfesystem angekommen, die Kostenübernahme etwa für Dolmetscher sei häufig ungeklärt.

Asylbewerber, sagt Schäfer, seien besonderen Risiken ausgesetzt, in einen riskanten, missbräuchlichen oder abhängigen Konsum zu geraten. „Sie hatten in der Jugend nicht die Chance, einen ausgewogenen Umgang mit Alkohol zu lernen – und treffen hier auf massenhafte Verfügbarkeit.“

Flüchtlinge und Alkohol: Das Problem wird zunehmen, sagen alle Experten. Sicherheitsmann Schmidt vom Flüchtlingsheim in Ellwangen hat es erkannt: „Die Deutschen gehen in die Kneipe und saufen sich voll. Nur hier fällt es auf, weil es verboten ist.“ red

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