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Kommentar

Aussichtsloses Pilotprojekt

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Die Pilotenvereinigung Cockpit sieht die Gespräche mit der Lufthansa für gescheitert an, die Zeichen stehen erneut auf Streik. Doch die Flugzeugführer sollten Kompromissbereitschaft zeigen.

Dass über den Wolken die Freiheit grenzenlos scheint, wusste schon Hobbyflieger Reinhard Mey zu besingen. Auch dass alle Ängste, alle Sorgen darunter verborgen blieben und was dort unten groß und wichtig erscheint, einem Flugzeugführer dort oben offenbar nichtig und klein vorkommt.

Diesem Trugschluss muss in den vergangenen Jahren wohl auch die große Mehrheit der Lufthansa-Piloten und ihre schlagkräftige Interessen-Vertretung, die Vereinigung Cockpit (VC), zum Opfer gefallen sein – zumindest was die Nöte ihres Arbeitgebers anbelangt: Dass sich die ertragsschwache Lufthansa in ihrer bisherigen Aufstellung auf der Kurz- und Mittelstrecke gegen Low-Cost-Airlines wie Ryanair und Easyjet ebenso wenig behaupten kann wie auf der Langstrecke gegen die Golf-Airlines aus dem Nahen Osten, ist da allzu lange nicht ins Bewusstsein der Piloten gerückt. Jedenfalls nicht so weit, als dass sie bereit gewesen wären, substanzielle Abstriche an ihrem überaus üppig ausgestatteten Konzerntarifvertrag (KTV) zu machen. Und viel zu lange haben sich frühere Lufthansa-Chefs aus Furcht vor ausufernden Piloten-Streiks durch teure Zugeständnisse den Hausfrieden erkauft – nicht nur mit Geld, sondern auch mit ungewöhnlicher Einflussnahme der Piloten auf das fliegende Geschäft des Unternehmens. So haben sich die Flugzeugführer in ihrer Illusion bestätigt gesehen, in der die Sorgen und Ängste des Managements nur vorgeschoben waren, um die Aktionäre mit höheren Dividenden zu erfreuen.

Nun, da die Piloten diese Illusionen endlich aufgegeben haben, ist es zu spät, um an den Eurowings-Plänen des im Sommer 2014 angetretenen Lufthansa-Chefs Carsten Spohr zu rütteln. Von Anfang an hatte dieser seine Bereitschaft deutlich gemacht, den Konzern gegen alle Widerstände der VC umzukrempeln, damit Europas größter Airline-Konzern keine Bruchlandung hinlegt. Und schon seit Jahresbeginn kennen die Piloten die detaillierten Pläne Spohrs zur Errichtung der Billigflug-Plattform Eurowings, auf die abseits der Drehkreuze Frankfurt und München nicht nur der gesamte Europaverkehr, sondern auch Teile der Langstrecke verlagert werden sollen. Auch dass die Flotte der Kernmarke Lufthansa nur wachsen wird, wenn die Personalkosten dort sinken, hatte die Konzern-Führung schon im Februar klargestellt.

Aber das alles hat die VC offenbar nichts ernst genommen. Dass ausgerechnet Spohr – ein ausgebildeter Kapitän, einer von ihnen – an die Pfründe der vermeintlichen Elite will, wollten sie nicht glauben. Erst im Juli hat die Realität soweit in den Köpfen der Piloten Einzug gehalten, dass sie angemessen auf das entsprechende Angebot zum „Bündnis für Wachstum und Beschäftigung“ eingegangen sind. Da können sie sich wahrlich nicht darüber beklagen, dass Spohr in der Zwischenzeit Fakten geschaffen hat, er die „Eurowings Europe GmbH“ dem Einflussbereich der VC entzog, indem die Gesellschaft in Wien angesiedelt worden ist.

Die Piloten müssen endlich einsehen, dass ihr Kampf gegen die Eurowings längst verloren ist. Die Billig-Gesellschaft, deren Personalkosten um 40 Prozent unter dem Niveau des KTV liegen, wird wie geplant im Oktober starten. Was den Flugzeugführern bleibt, ist nun, in ihrem eigenen Interesse mit entsprechender Kompromissbereitschaft dazu beizutragen, dass der Lufthansa-Konzern künftig nicht nur über Eurowings, sondern auch mit der klassischen Kernmarke Lufthansa wachsen kann.

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