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Burnout-Expertin Mirriam Prieß.

Die Krankheit "Bournout"

„Bis nichts mehr geht“

Dr. Mirriam Prieß ist Medizinerin und Expertin für Burnouts. Dieter Hintermeier sprach mit ihr über die Ursachen dieser Krankheit und wie sie Betroffene an den Abgrund führt.

Der verstorbene Profitrainer Sascha Lewandowski litt an einem Burnout-Syndrom. Was darf sich ein Laie unter dieser Krankheit vorstellen?

MIRRIAM PRIESS: Burnout ist eine ausgeprägte Erschöpfung. Menschen, die unter einem Burnout leiden, leiden unter einer massiven Erschöpfung mit unterschiedlichen körperlichen Symptomen. Obwohl diese Erkrankung nach wie vor weiter steigt und mittlerweile auch junge Menschen betroffen sind, existiert die Diagnose nach dem ICD 10 noch nicht. Letzten Endes ist ein Burnout eine ausgeprägte Erschöpfungsdepression. Der einzige Unterschied zu einer klassischen Depression ist: Jeder der ein Burnout hat, ist depressiv, aber nicht jeder der depressiv ist, hat diese ausgeprägte Erschöpfung. Hinzu kommen massive psychosomatische Symptome, die sich irgendwann auch körperlich manifestieren – Burnout ist, wenn voll ausgeprägt, eine ernstzunehmende Erkrankung die auf allen Ebenen zum Zusammenbruch führt.

Mit welchen Symptomen beginnt die Krankheit ?

PRIESS: Ein Burnout entsteht niemals über Nacht, sondern immer über eine längere Zeit. Das Problem ist, dass dieses Thema nach wie vor mit einem Tabu behaftet ist und dementsprechend vom Umfeld wie von den Betroffenen selbst solange verdrängt wird, „bis nichts mehr geht“. Dabei kann der Erschöpfung vorgebeugt werden, wenn rechtzeitig reagiert wird.

Welche Phasen eines Burnouts kennen Sie?

PRIESS: Ein Burnout entwickelt sich über vier Phasen – die Alarmphase, die Widerstandsphase, die Erschöpfung und der Rückzug – und zwar auf vier verschiedenen Ebenen: Das heißt, Sie haben auf allen Ebenen Symptome: Körperlich, emotional, gedanklich und auf der Verhaltensebene. Mit jeder Phase nehmen die Symptome bis zum Zusammenbruch zu. Es beginnt mit einer inneren Unruhe, leichten Konzentrationsstörungen, Nervosität, über wachsende Anspannung, Aggressivität, Betriebsamkeit, dann beginnen die Symptome sich zu chronifizieren, Tinnitus, Rückenschmerzen, Herzrythmusstörungen, hoher Blutdruck, massive Schlaf- und Konzentrationsstörungen, wachsende Antriebslosigkeit und Überforderungsgefühle, Selbstzweifel und Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, sozialer Rückzug und Isolation.

Wie verhält sich der Betroffene gegenüber seiner Umwelt während seiner Krankheit?

PRIESS: In der zweiten Phase versuchen die Betroffene „gegenzusteuern“, sie kompensieren durch mehr Arbeit und greifen zu Suchtmitteln – um sich und der Umwelt zu beweisen, dass alles gut ist. Sie müssen es sich so vorstellen: nach außen wird alles dafür getan um die Fassade aufrechtzuerhalten und dahinter verfällt der Mensch, bis am Ende der Gang zum Supermarkt „zu viel“ ist.

Wann erkennt man, dass jemand ernsthaft erkrankt ist ?

PRIESS: Das ist ja genau das Problem. Psychosomatische Erkrankungen, alles, was mit „Psyche“ zu tun hat, ist bei uns nach wie vor ein Tabuthema – genauso wie der grundsätzliche Umgang mit Grenzen. Und so wird auch erst dann erkannt, dass etwas nicht stimmt, wenn jemand ernsthaft erkrankt ist. Wann wollen wir diesem Thema endlich offen auf Augenhöhe begegnen, damit niemand erst zusammenbrechen muss, um zu erkennen, „dass da etwas nicht stimmt“?

Kann man ein Burnout verheimlichen. Oder ist es etwa schon eine „Modekrankheit“ ganz nach dem Motto „Ich arbeite zu viel“?

PRIESS: Einen Burnout zu verheimlichen ist nicht mehr möglich, aber der Weg dorthin, den kann man verheimlichen und dies ist auch ein klassisches Merkmal derjenigen, die tatsächlich an einem Burnout erkranken. Bis zum bitteren Ende um jeden Preis die Fassade aufrechtzuerhalten. Um dies zu erkennen, erfordert es ein sensibles Umfeld, was dazu in der Lage ist, hinter Fassaden zu blicken – und dies ist nur möglich, wenn es nicht selbst den Schein und Anspruch auf Perfektion und Superlativ vertritt. Burnout ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Natürlich gibt es auch „sogenannte Trittbrettfahrer“: Wer durch die Flure rennt und jedem erzählt, dass er ein Burnout hat, der hat sicherlich ein Problem, aber kein Burnout. Tatsächlich Betroffene schweigen bis zum bitteren Ende.

Sind Sportprofis wie Lewandowski für solche Krankheiten besonders anfällig?

PRIESS: Es gibt aus meiner Sicht keine unnormalen Kranken. Krankheit fragt nicht nach Status oder Position, sondern nur nach „Person“. Menschen, die ausbrennen beziehungsweise anfällig für einen Burnout sind, weisen folgendes Merkmal auf: Jeder der ausgebrannt ist, befindet sich in konfliktreichen Beziehungen oder besitzt keine soziale Kontakte mehr – und – dies ist entscheidend – jeder hat die Beziehung zu sich selbst verloren. Wer die Beziehung zu sich selbst verloren hat, der kennt sein Maß nicht und kann nicht an der richtigen Stelle Ja und Nein sagen. Er versucht sich häufig durch den Superlativ zu definieren, weil „er selbst fehlt“ – dies wirkt sich auch auf die Fähigkeit aus, der Umwelt ein starkes Gegenüber zu bieten. Wenn Sie sich also in einem Umfeld bewegen, wo der Superlativ dominiert, dann können Sie dort nur erfolgreich leben, wenn Sie die innere Stärke der eigenen Person besitzen.

Unter welchem, besonderen Druck stehen diese Sportler?

PRIESS: Unter einem massiven. Gewinnen zu müssen, nicht versagen zu dürfen – und dies nicht nur als eine Erwartung der Vereine, der Mannschaftskollegen, sondern auch der gesamten Öffentlichkeit – einzig und allein an der Leistung gemessen zu werden – dies erfordert eine stabile, innere Persönlichkeit, die diesen Erwartungen ein ruhiges Gegenüber bieten kann und sich nicht unter diesem Erfolgsdruck hilflos zu verlieren.

Viele Profis stehen unter starkem Leistungsdruck. Was können die Vereine tun, damit ihr Personal nicht in die Burnout-Falle tappt?

PRIESS: Indem sie eine Kultur des Dialoges auf Augenhöhe leben. Das heißt, die Fähigkeit, dem was ist, offen auf Augenhöhe zu begegnen. Nicht nur im Sinne der Menschlichkeit, sondern, um auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen. Sie brauchen Augenhöhe, um zu erkennen, was tatsächlich ist. Das heißt, aufzuhören, sich am Superlativ zu orientieren und die Fähigkeit entwickeln, das Bestmögliche aus dem Möglichen zu machen. Das bedeutet die Stärke zu entwickeln mit Schwächen offen umzugehen, anstatt sie zu verdrängen oder zu verleugnen – nur so gibt es eine Weiterentwicklung. Dies würde sich nicht nur auf die Dunkelziffer der Burnout-Rate, sondern auch auf die Doping-Rate auswirken. Und noch eines, wer gewinnen muss, der wird früher oder später verlieren – wer aber mehr ist, als der Sieg, der kann unverkrampft seine Bestes geben, und wird am Ende immer gewinnen.

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