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Das Logo der Deutschen Börse ist am 27.02.2017 in Eschborn (Hessen) vor dem Firmensitz auf einem Zaun aus Glas dargestellt. Der geplante Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange (LSE) steht vor dem Aus. Hintergrund ist die Weigerung des Londoner Börsenbetreibers, den Mehrheitsanteil an der italienischen Anleihen-Handelsplattform MTS zu veräußern. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Börsenfusion: An die Wand gefahren

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„Die Deutsche Börse ist auch allein sehr gut aufgestellt, um im globalen Wettbewerb mit anderen Börsenbetreibern bestehen zu können“, erklärte Börsenchef Carsten Kengeter gestern nach der Hiobsbotschaft aus Brüssel.

„Die Deutsche Börse ist auch allein sehr gut aufgestellt, um im globalen Wettbewerb mit anderen Börsenbetreibern bestehen zu können“, erklärte Börsenchef Carsten Kengeter gestern nach der Hiobsbotschaft aus Brüssel. Wie bitte? Man traut seinen Ohren nicht. Hatte der smarte Endvierziger doch bis zuletzt gebetsmühlenartig wiederholt, die Deutsche Börse müsse wachsen, um überleben zu können. Nur die Fusion mit der Londoner LSE könne eine feindliche Übernahme durch eine der potenten US-Börsen oder einen erstarkten asiatischen Konkurrenten verhindern. Der deutsche Börsenkonzern werde im internationalen Wettbewerb weiter zurückfallen, malte Kengeter als Schreckensszenario an die Wand.

Doch nachdem Brüssel die Fusion untersagt hatte,gab sich Kengeter in seiner Argumentation erstaunlich wendig. Plötzlich skizzierte er eine durchaus erfolgreiche Zukunft des deutschen Börsenbetreibers. Obwohl ihm der Fusionsplan als Nukleus seiner Zukunftsstrategie um die Ohren geflogen ist, erwartet er jährliche Wachstumsraten von zehn bis 15 Prozent. Respekt, Herr Kengeter, für soviel Chuzpe!

Will er sich damit seinen Job sichern? Oder ist es der Versuch, die Niederlage im Fusionspoker zu überspielen?

Weder das eine noch das andere passt so richtig zu Carsten Kengeter. Der ehemalige Investmentbanker gilt als ein Macher, der entschlussfreudig und mutig Projekte durchzieht. In dieser Welt ist Scheitern nicht vorgesehen. Doch die Fusionspleite muss sich der Börsenchef zu einem großen Teil auf die eigene Fahne schreiben. Denn er hat einen unverzeihlichen (Denk-)Fehler gemacht: Er hat es nämlich versäumt, die hessische Landespolitik sowie die Finanzplatzakteure in Frankfurt mit ins Boot zu holen, sie von seiner Herzensangelegenheit zu überzeugen. Stattdessen hat er in einer Art von Übermut die Landesregierung vor vollendete Tatsachen gestellt. Das Personaltableau der neuen Superbörse war ebenso festgezurrt wie die Frage des Hauptsitzes und der Gesellschaftsform. Dass sich schnell Widerstand gegen den „Verkauf der Frankfurter Börse nach London“ formierte, wunderte eigentlich nur das Management in Eschborn. Selbst der überraschende Ausgang des EU-Referendums der Briten ließ die Alarmglocken in Frankfurt noch immer nicht läuten. Wie blauäugig kann man nur sein, zu glauben, die deutsche Börsenaufsicht werde im Brexit-Fall einen Unternehmenssitz außerhalb der EU erlauben? Kengeter muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Fusion damit selbst an die Wand gefahren zu haben.

Wie geht es weiter? Ist ein Manager vom Schlage Kengeters die richtige Besetzung, um die Deutsche Börse mit einer anderen Strategie, einem Plan B, sicher in die Zukunft zu führen? Die Herausforderungen sind gewaltig. Digitalisierung und Blockchain lauten die Stichworte, die die Börsenwelt im kommenden Jahrzehnt umpflügen werden. Ist dafür ein Dealmaker wie Kengeter erste Wahl? Oder sollte er als Gescheiterter, der seinen wichtigsten Job verpatzt hat, besser zurücktreten und Platz machen für einen Manager mit mehr technischem Verständnis und einer ruhigen Hand? Diese Entscheidung werden Aufsichtsrat und Aktionäre zu treffen haben. Dabei sollten sie aber bedenken, dass in Zukunft Innovationskraft viel wichtiger sein wird als schiere Größe.

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