Martin Luther war Mönch und Reformator, bisweilen aber auch eindeutig Antisemit.
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Martin Luther war Mönch und Reformator, bisweilen aber auch eindeutig Antisemit.

Reformation

Die boshafte Seite des Martin Luther

  • Dieter Sattler
    vonDieter Sattler
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Im Jahr des Reformationsjubiläums wird Martin Luther gern als mutiger Ahnherr der modernen, freien Welt gefeiert. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Der große Reformator hatte nämlich auch eine widerwärtige Seite.

Mit seinem Thesenanschlag vor 500 Jahren in Wittenberg forderte Martin Luther (1483-1546) den katholischen Dogmatismus heraus. Sein Ausspruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ steht gewissermaßen für das moderne Individuum, das sich aus der Tradition gerechtfertigten Macht- und Herrschaftsansprüchen widersetzt. Deshalb wird vom mutigen Luther, der unter höchster Lebensgefahr Reichstag und Papstkirche trotzte, gerne eine direkte Linie zur Aufklärung und zur Demokratie gezogen.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Es gibt nicht nur jenen redlichen Luther, der wie auch Heinrich Heine in seiner „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ schrieb, den Deutschen den Weg der Vernunft geebnet hat. Sondern es gibt bei ihm auch eine boshafte, von „plebejischer Rohheit“ (Heine) geprägte Seite. Luther war in einer Zeit des Übergangs vom Mittelalter in die Neuzeit nicht nur Vorbote der Freiheit, sondern teilweise auch Hassprediger. Deshalb nannte ihn Heine „grandios und widerwärtig“. Derselbe Mann, der sich gegen päpstlichen Prunk und Macht wandte und sich auf die lautere Wahrheit der Bibel rückbesinnen wollte und mit deren Übersetzung aus dem Lateinischen gleichsam unsere Sprache schuf, vergaß die christliche Barmherzigkeit, wenn er gegen aufständische Bauern, Muslime und vor allem die Juden polterte.

Die Bauern, die vor allem in Person ihres Anführers und frühen Luther-Anhängers Thomas Müntzer große Hoffnung in den Mann setzten, der die kirchliche Obrigkeit 1521 unter anderem mit seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ herausgefordert hatte, strafte Luther seinerseits mit Hass und Verachtung. In der Streitschrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ forderte Luther 1525 die gnadenlose Niederwerfung des Aufstandes: „Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“

Was den Islam anbetrifft, sprach sich Luther zwar gegen Kreuzzüge aus, er war aber überzeugt, dass die Türken eine Strafe Gottes sind – eine „Zuchtrute“. Wenn er zunächst scheinbar anerkennend feststellte, dass die Türken mehr beten als die Christen, dient ihm gerade diese Beobachtung dazu, den Islam zu schmähen. Denn der Anschein von Frömmigkeit entspreche der Strategie des Teufels, sich in einen Engel des Lichts zu verwandeln. In der ostentativen Werkgerechtigkeit, die der Islam fordert und praktiziert, sah Luther Parallelen des Islam zum bekämpften Rom – und schmähte beide: „Wie der Papst der Antichrist ist, so ist der Türke der leibhaftige Teufel.“

Dagegen war Luthers Verhältnis zum Judentum anfangs sogar recht positiv. Luther sprach ihnen in der Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) ausdrücklich die menschliche Würde zu. Er warf den Vertretern der Papstkirche vor, sie seien so mit den Juden umgegangen, dass ein guter Christ eher Jude geworden wäre als ein Jude Christ. Trotz späterer verbaler Ausfälle gegen die Juden wirkten diese freundlichen Äußerungen so sehr nach, dass das dem Protestantismus nahe stehende Reformjudentum um den Philosophen Franz Rosenzweig (1886-1929) Luther fast verklärte.

Hier wurde übersehen, dass der frühe Luther zwar für die gesellschaftliche Integration der Juden warb, aber auch für ihre Missionierung. Und das war der Haken und letztlich Ursache für den späteren Hass. Die Juden sollten zum Christentum bekehrt werden und Jesus als den von den Propheten des Alten Testament erwarteten Messias anerkennen. Als dieses Ansinnen sich als nicht so einfach durchführbar erwies, begann Luther gegen Juden zu hetzen. In seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) meinte er, er habe es aufgegeben, die Juden zu bekehren. Disputationen zur Bibelauslegung bestärkten die Juden nur in ihrem Glauben und darin, Christen „an sich zu locken“. Also müsse man „die schwachen Christen vor den Juden“ und ihrem „verdammten Glossieren“ (fälschendes Auslegen) schützen.

Wenn man will, kann man in dieser Angst vor dem intellektuellen Wettstreit eine leise Ahnung dessen herauslesen, dass es hier nicht um wahren oder falschen Glauben gehen könnte, sondern um zwei konkurrierende Wahrheitsansprüche, die einander ausschließen. Luther bezeichnete die Juden jetzt als „blutdürstig, rachsüchtig“ und das „geldgierigste Volk“.

Auch griff er nun zu den berüchtigten Legenden von Brunnenvergiftung und ähnlichem, die er früher noch abgelehnt hatte. Er forderte, die Obrigkeit müsse die Christen vor den „teuflischen Juden“ schützen. Gelinge es nicht deren „Umtriebe“ einzuschränken, müssten sie wie „tolle Hunde“ verjagt werden.

Wegen dieser heftigen Ausfälle des späten Luthers konnte er leicht von den modernen Antisemiten in den Dienst genommen werden. Da ging es ihm ähnlich wie dem

200 Jahre nach seinem Tod geborenen Philosophen Friedrich Nietzsche, den die Nazis ebenfalls posthum wegen gewisser antisemitischer Ausfälle für sich reklamierten.

Aber natürlich sind Luther und Nietzsche, obwohl sie beide Wutbürger-Anteile hatten, nicht darauf zu reduzieren, sondern müssen in ihrer ganzen Ambivalenz als Repräsentanten ihrer jeweiligen Zeit gesehen werden. Sie waren ihr voraus, aber dennoch von ihr geprägt.

dfg f dgh tg

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