Enttäuschung für Johnson?

Der Brexit ist da - britische Krawallblätter reagieren auf irritierende Weise

  • Florian Naumann
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Für Großbritannien geht mit dem Brexit eine Zeit heftiger Streits zu Ende. Da ist auch den Kommentatoren der Londoner Boulevardblätter klar - doch ihre Reaktion fällt unerwartet aus.

  • Nach jahrelangem Tauziehen wird der Brexit am 31. Januar Realität.
  • Die Reaktion der britischen Boulevardmedien fällt überraschend aus.
  • Einen düsteren Vergleich zieht hingegen ein polnisches Blatt.

London/München - Wortspiele am Rande des guten Geschmacks, Hitlervergleiche und markige Ansagen: Üblicherweise machen gerade britische Boulevardmedien mit kräftigem Rabatz Auflage und Klicks. Ausgerechnet der Tag des Brexit scheint aber eine Ausnahme von dieser Regel zu bilden...

Stunden vor dem finalen Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU scheinen sich die inhaltlich teils diametral gegenüberstehenden Blätter von Sun bis Mirror ausnahmsweise in einem einig zu sein: Zu hämischen oder wild polternden Zeilen wollte sich niemand hinreißen lassen - möglicherweise wegen der ohnehin aufgeheizten Stimmung im Land. Selbst Boris Johnson wohlgesonnene Blätter verzichteten darauf, den Premier als Helden zu feiern. 

Für den Abend waren nicht nur in London Kundgebungen von Brexit-Befürwortern und -Gegnern angekündigt. Auch wenn der Brexit final ist, scheint der Streit noch nicht ausgestanden. In Schottland scheinen gar größere Verwerfungen zu drohen.

Brexit: Sogar die „Sun“ bleibt zahm - „Mirror“ beklagt tiefe Gräben

„Unsere Zeit ist gekommen“, schrieb die Brexit-freundliche Sun am Freitag vergleichsweise zahm - „heute um 23 Uhr wird das große Volk des Vereinigten Königreiches endlich den Brexit erledigt haben“, erklärte das Blatt in Anspielung auf eine Lieblingsphrase von Premierminister Boris Johnson*, „get Brexit done“. Es sei schwer, das Ausmaß des Schritts zu überschätzen, jubilerte die Sun. Allerdings ohne ausfällig zu werden.

Die Konkurrenz des Mirror schien das Thema am Freitagnachmittag sogar mehr oder minder zu ignorieren: Der Aufmacherbereich der Homepage gehörte beinahe vollständig dem Coronavirus. Mit Blick auf eine eigens in Auftrag gegebene Umfrage warnte das Boulevardblatt jedoch vor tiefen Gräben zwischen den politischen Lagern in Großbritannien. In der Erhebung sahen 74 Prozent der Befragten das UK weiter zwischen „Leave“ und „Remain“ gespalten.

Pressestimmen zum Brexit: „Fesseln der EU abgestreift“ - oder doch vom Regen in die Traufe?

Auf eine allzu plakative Parteinahme verzichtete auch die sonst selten um eine harte Schlagzeile verlegene Daily Mail. Großbritannien gehe es am besten, wenn es „vereint“ zusammenstehe, hieß es in einem Kommentar. Im Text ließ das Blatt dann aber doch eine Richtung durchblicken: Zum ersten Mal seit 47 Jahren sei das Land „wirklich souverän“, lautete das Urteil. Man habe „die Fesseln der EU abgestreift“.

Anders die Stimmungslage bei der Times: Die Rede vom Befreiungstag sei eine „selbsterfüllende Fantasie“, rügte der Kommentator des Blattes. Man wolle offenbar den Erfolg des Brexit nicht an den Auswirkungen auf die britische Wirtschaft, sondern an der Loslösung vom „Joch“ der EU messen. Eine Karikatur des Blattes zeigte zudem Premier Boris Johnson beim freudigen Sprung aus einer mit den EU-Sternen verzierten Pfanne auf das flammende Haupt von US-Präsident Donald Trump.

Brexit: Polnische Zeitung zieht Parallelen zur Zeit der Weltkriege

Konsterniert zeigte sich auch der Evening Standard. Nicht einmal die Freunde des Brexit seien in wahrer Feierlaune, der Austritt werde lediglich mit „einer Gedenktasse und einem Teehandtuch“ gefeiert, beschied die Zeitung. Nicht nur die „Remain“-Seite auch die „Leave“-Befürworter seien gescheitert: „Sie wissen ebenfalls, dass sie die Nation nicht überzeugt haben.“

Zu klareren Worten griffen da schon die Blätter im EU-Ausland: Die polnische Gazeta Wyborcza etwa fühlte sich angesichts des Brexit an dunkle Tage erinnert. „Der Brexit ist eine Antwort, die man so verstehen muss wie den Faschismus und Bolschewismus als Antworten auf die Krise in Europa nach dem Ersten Weltkrieg“, hieß es in dem linksliberalen Blatt. „Aber das waren falsche Antworten mit tragischen Konsequenzen.“

Welche Auswirkungen wird der Brexit auf Deutschland haben? Mehr erfahren Sie bei Merkur.de*. Nachlesen können Sie dort auch, wie es für Deutschland und seine Bürger nach dem EU-Abgang der Briten weitergeht.

In München ist ein Dachauer wegen des Brexits verstimmt. Für ihn Grund genug, mit einer Online-Petition ein Münchner Wahrzeichen umbenennen zu lassen, wie *tz.de berichtet. Währenddessen trifft der Brexit ein kleines Land besonders hart - die karibische Insel Anguilla.

fn

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Rubriklistenbild: © dpa / Dominic Lipinski

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