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Kommentar zum Brexit: Nur ein Zwischenzustand

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„Technische Einigung“ – was für ein Begriff! Wie wenig die Trennung Großbritanniens von der Europäischen Union mit einem geregelten System gemein hat: Das hat die Welt gelernt, seit David Cameron

„Technische Einigung“ – was für ein Begriff! Wie wenig die Trennung Großbritanniens von der Europäischen Union mit einem geregelten System gemein hat: Das hat die Welt gelernt, seit David Cameron das Thema ein für allemal erledigen wollte, vor allem in seiner eigenen Partei – und mit dem Referendum das exakte Gegenteil erreichte. Nein: Der Rückzug des Vereinigten Königreichs (UK) ist hoch politisch von Anbeginn; und wird es bleiben – weit über den 29. März 2019 hinaus.

Insofern ist die Aufregung über die „Technische Einigung“ vielleicht verständlich, zumindest jenseits des Ärmelkanals. Denn genau genommen schreibt das 500-Seiten-Werk nur einen Zwischenzustand fest. Dieses „In-Between“ aber erzürnt die Hardliner-Brexiteers, die von Anbeginn vor allem groß waren im lautstarken Protest. In Brüssel und in den Hauptstädten der verbleibenden 27 kann man das Papier dagegen gelassen zur Kenntnis nehmen. Denn die wirklichen Verhandlungen über die Zukunft der Beziehung EU – UK beginnen ja frühestens am Samstag, dem 30. März.

Das Königreich – selbst aus Perspektive des Kontinents darf das nicht vergessen werden – hat vor allen anderen die Folgen der Scheidung zu tragen. Die Finanz- und sonstige Großwirtschaft mit all ihrem internationalen Intelligenz-Potenzial hat das rasch begriffen. Und ihre Auswege längst konstruiert oder schon beschritten. Den britischen Arbeitnehmern aber bleibt bislang allein die Hoffnung, dass der rosarote Himmel, den die Boris Johnsons und Nigel Farrages ihnen versprachen, sich nicht als graues Elend entpuppt.

Niemand weiß, ob damals wirklich die Mehrheit der Briten das wollte, was sich jetzt abzeichnet. Ganz sicher aber sind inzwischen viele von dem Hin und Her nur noch genervt. Zumal kein Vertrag eines ihrer Probleme lösen wird: das seit ewigen Zeiten kränkelnde Gesundheitssystem, die marode Infrastruktur – und die torie-typisch knappen Sozialleistungen.

Dass alle Welt sich mehr für das Schicksal von Theresa May interessiert als für das der anderen 66 Millionen – das ist nur eine von ungezählten Ungereimtheiten. Aber Top oder Hop durchschaut sich eben viel leichter als der Zusammenhang des irischen Friedens mit dem Verbleib des UK in der Zollunion.

Am Ende wird entscheiden, was May und ihr Labour-Kontrahent Jeremy Corbyn, was die Soft- und die Hardliner, die es in beiden großen Parteien gibt, mehr fürchten: den Vorwurf der Wähler, der EU nicht genug abgetrotzt zu haben – oder das Chaos eines Abgangs ohne Vertrag.

Politisch betrachtet hat, so oder so, vor allen anderen May eine harte Zeit vor sich. Technisch allerdings könnten EU und UK – getrennt und vielleicht nicht nur hier, sondern auch dort mit neuem Personal – sich auf ihre neue Zusammenarbeit verständigen.

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