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China: Lage von Menschen mit Behinderung im Paralympics-Gastgeberland schwierig – „Nicht der richtige Ort“

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Von: Sven Hauberg

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Behindertes Ehepaar in der südchinesischen Stadt Nanchang
Behindertes Ehepaar in der südchinesischen Stadt Nanchang: Hürden im Alltag gibt es viele. © Peng Zhaozhi via www.imago-images.de

Am Freitag beginnen in Peking die Winter-Paralympics – ausgerechnet in einem Land, in dem Menschen mit Behinderung fast unsichtbar sind. Der falsche Ort, findet einer der bekanntesten Dissidenten des Landes.

München/Peking – Auf Menschen mit Behinderung trifft man in China* vor allem im Massagesalon. Blinde Masseure gelten als geschickt, ihnen wird nachgesagt, dass sie Verspannungen besonders gut ertasten und behandeln können. Das geht so weit, dass in manchem Salon, der mit einer „Blindenmassage“ wirbt, in Wirklichkeit Menschen ganz ohne Sehbehinderung arbeiten.

Im bevölkerungsreichsten Land der Erde dürften mehr Menschen mit Behinderung leben als sonst irgendwo. Laut Angaben des chinesischen Staatsrats* vom vergangenen Jahr gibt es in China „mehr als 85 Millionen Menschen mit Behinderung“. Wobei schon elf Jahre zuvor ein landesweiter Zensus zum exakt gleichen Ergebnis kam, und die Bevölkerung des Landes seitdem deutlich gealtert ist. Nimmt man Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zum Maßstab, nach denen etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung eine Behinderung haben, käme man für China auf mehr als 200 Millionen Betroffene.

Man sieht sie nur kaum. Nicht auf den Straßen von Peking*, Shanghai* oder Chengdu*, nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder in den Kinos. „Chinesische Behinderte stehen immer noch am unteren Ende der sozialen Leiter und führen ein schwieriges Leben mit geringen Entwicklungschancen“, sagt der blinde chinesische Menschenrechtsaktivist und Dissident Chen Guangcheng zu Merkur.de*. Als Anwalt setzte sich Chen über viele Jahre für Benachteiligte und Arme ein, bis er 2012 auf spektakuläre Weise aus China floh. Seitdem lebt er in den USA. Zwar habe die chinesische Regierung in den vergangenen Jahren Programme auf den Weg gebracht, um die Lage von behinderten Menschen zu verbessern; insgesamt aber habe sich „nicht viel geändert“, glaubt Chen.

China: Größtes Paralympics-Team in der Geschichte des Landes

Dennoch darf Peking die Paralympics abhalten, das wichtigste Sportereignis für Menschen mit körperlicher Behinderung. Am Freitag (4. März) werden die Spiele in Peking eröffnet, 50 Länder werden teilnehmen. Russland und Belarus hingegen wurden wegen des Ukraine-Kriegs wenige Tage vor der Eröffnungsfeier ausgeschlossen*. China wird mit 96 Sportlerinnen und Sportlern in Peking antreten – dem größten und jüngsten Team seiner Paralympics-Geschichte.

Chinesische Paralympics-Athleten befahren die Hügel während des offenen Trainings für Skilanglauf und Biathlon am 3. März 2022 im Zhangjiakou National Biathlon Centre während der Paralympischen Winterspiele 2022 in Peking
Chinesische Paralympics-Athleten trainieren in der Wettkampfstätte von Zhangjiakou. © Lillian Suwanrumpha/AFP

Während in Deutschland ARD und ZDF ankündigten, für die Paralympics nur halb so viel Sendezeit wie noch vor vier Jahren zur Verfügung zu stellen, berichten die Hauptnachrichten im staatlichen chinesischen Fernsehsender CCTV seit Tagen über das Sportereignis. Es geht dabei um die Wetterbedingungen an den Austragungsorten, um die Eröffnung eines neuen Medienzentrums und um den Fackellauf. Die Renmin Ribao, das Sprachrohr der Kommunistischen Partei*, dichtete unlängst auf der Titelseite über Menschen mit Behinderung: „Sie haben das Pech, körperlich behindert zu sein, aber in ihren Herzen blühen wunderschöne Blumen. Sie erleben die Irrungen und Wirrungen des Lebens, aber ihre Füße jagen immer in die Richtung ihrer Träume.“

Menschenrechtsanwalt Chen findet, dass die Paralympics nicht in Peking stattfinden sollten. „China ist nicht nur ungeeignet, die Paralympischen Spiele auszurichten, es ist sogar ungeeignet, überhaupt eine internationale Veranstaltung auszurichten“, sagt er. Um solche Bedenken zu zerstreuen, weist man in Peking darauf hin, dass es in China mehr als 80 Gesetze und 50 Verwaltungsvorschriften gebe, die die Rechte von Menschen mit Behinderungen schützten.

China: Xi Jinping legt die Zivilgesellschaft lahm

Die Nachrichtenagentur Xinhua bemühte gar eine rührselige Anekdote aus den Siebzigern, die zeigen soll, wie behindertenfreundlich der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping* ist. Als der damals 22-Jährige im Jahr 1975 das Städtchen Liangjiahe verließ, in das er während der Kulturrevolution zum Arbeiten geschickt worden war, habe Xi unter den Abschiedsgästen einen behinderten Mann mit Krücken gesehen. Xi „ging sofort auf ihn zu, nahm seine Hand und füllte seine Augen mit Tränen“, heißt es in dem Text.

Für andere steht Xi Jinping hingegen für ein „Klima der Angst“, das sich seit seinem Amtsantritt vor rund zehn Jahren in der Gesellschaft ausgebreitet habe. Die Zivilgesellschaft sei „weitgehend stillgelegt“ worden, sagte der China- und Behindertenrechtsexperte Stephen Hallett der BBC. Das bekämen auch Organisationen zu spüren, die sich für behinderte Menschen engagierten. Xi, so der Menschenrechtler Chen Guangcheng, stehe für eine „Verschärfung der Kontrolle über die behinderten Menschen“.

Für Andrew Parsons, den Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), ist Peking dennoch der richtige Ort für die Spiele. Die Paralympics 2008 in Peking hätten „die Art und Weise, wie Menschen mit Behinderungen in China wahrgenommen werden, für immer verändert“, sagte Parsons in Interview mit der Deutschen Welle. „Selbst die chinesische Regierung hatte zuvor in ihren offiziellen Berichten Behinderte meist mit Bettlern auf der Straße gleichgesetzt. Seit den Spielen 2008 werden behinderte Menschen eher als Sportler wahrgenommen, vom Basketballspieler bis zum Judoka. Jetzt haben wir eine zweite Chance, diese Wahrnehmung für eine neue Generation von Chinesen zu verstärken.“

Paralympics in Peking: Vieles hat sich verbessert seit 2008

Auch Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, glaubt, dass sich die Lage von behinderten Menschen in China „seit den Paralympics 2008 entscheidend gebessert hat“. Er könne allerdings nicht beurteilen, „inwieweit das wirkliche Teilhabe ist“, sagte Beucher der Nachrichtenagentur dpa.

Tatsächlich hat sich manches getan seit den Spielen von 2008. So wurden in den letzten drei Jahren nach Regierungsangaben alleine in Peking mehr als 330.000 Orte barrierefrei umgebaut. Und IPC-Chef Parsons verweist darauf, dass sich die Zahl der behinderten Wintersportler in China in fünf Jahren von 10.000 auf 300.000 vervielfacht habe. Auch die UN-Behindertenrechtskonvention wurde 2008 von Peking unterzeichnet. Und seit Kurzem ist es Regelschulen gegen hohe Geldstrafen verboten, behinderte Kinder abzuweisen. Behinderten Schülerinnen und Schülern muss außerdem der Zugang zur landesweiten Aufnahmeprüfung für die Universitäten gewährleistet sein – etwa durch Prüfungsbogen in Braille-Schrift oder Rollstuhlrampen.

Vor allem auf dem Land aber ist von diesen Fortschritten wenig zu spüren – und das, obwohl hier die meisten behinderten Menschen zu Hause sind. Laut Yang Lixiong vom Forschungszentrum für soziale Sicherheit an der chinesischen Renmin-Universität leben 70 Prozent der Menschen mit Behinderung auf dem Land; in der Gesamtbevölkerung sind es nach Zahlen der Weltbank nur rund 40 Prozent. Warum das so ist, ist unklar. Möglicherweise werden behinderte Kinder, die in Städten zur Welt kommen, von ihren Eltern zu den Verwandten aufs Land geschickt, wo das Leben günstiger ist und wo sich die Großeltern besser um ihre Enkelkinder kümmern können als deren berufstätige Eltern.

China: Viele Menschen mit Behinderung sind von Armut betroffen

Auf dem Land aber droht vielen behinderten Menschen die Armut. Denn dort fehlt es an Rehabilitations-, Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Vor allem in landwirtschaftlichen Haushalten, so ein Anfang März veröffentlichter Bericht von chinesischen Sozialwirtschaftlern, sei Armut unter behinderten Menschen weit verbreitet. Hinzu kommt, dass die Infrastruktur oftmals deutlich schlechter ausgebaut ist als in den großen Ostküstenmetropolen.

Behinderte Bettlerin in Peking
Menschen mit Behinderung sind in China oft von Armut betroffen. © IMAGO / Heike Schreiber-Braun

Die chinesische Regierung hat erkannt, dass Behinderung und Armut oftmals zusammenfallen. „Es besteht ein hohes Risiko, dass Menschen mit Behinderungen in die Armut zurückkehren“, heißt es in einem Bericht des chinesischen Staatsrats. „Eine beträchtliche Anzahl von Familien mit niedrigem Einkommen, in denen Menschen mit Behinderungen leben, ist nach wie vor in Schwierigkeiten.“ Gleichzeitig verweist die Regierung in Peking darauf, dass auch behinderte Menschen von den Anstrengungen der letzten Jahre profitiert hätten. Im vergangenen Jahr erklärte China die extreme Armut im Land offiziell für beendet – auch sieben Millionen behinderte Menschen hätten sich von den Fesseln der Armut befreit, hieß es. Anderseits ist die Analphabetenquote unter Menschen mit Behinderung in China deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung.

Der Begeisterung für die Paralympischen Winterspiele tut das in China keinen Abbruch. Shuey Rhon Rhon, das laternenförmige Maskottchen der Paralympics, ist ein Star in den sozialen Medien. Und bei Weibo, dem größten sozialen Netzwerk Chinas, trendet seit Tagen ein Hashtag ganz oben. Frei übersetzt bedeutet er: „Die Paralympischen Winterspiele werden genauso spannend wie die Olympischen Winterspiele.“ Anders sieht das der Dissident Chen Guangcheng. Die Spiele dienten vor allem dazu, die chinesische Regierung zu feiern. Xi Jinping, sagt er, nutze die Paralympics, „um sich selbst zu verherrlichen“. (sh) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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