Brennpunkt der Corona-Pandemie

Mehr als zwei Millionen Corona-Infizierte in Brasilien - doch Bolsonaro lässt massive Lockerungen zu

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  • Manuel Almeida Vergara
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Brasiliens Präsident Bolsonaro hatte verkündet, dass er sich die „kleine Grippe“ Sars-CoV-2 eingefangen habe. Gut eine Woche später war ein erneuter Corona-Test wieder positiv. Außer ihm haben sich im Land noch über zwei weitere Millionen Menschen infiziert.

  • Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hat sich mit dem neuartigen Coronavirus* angesteckt.
  • Ähnlich wie US-Präsident Donald Trump* spielt er die Gefahr das Virus herunter und nimmt es mit der Maskenpflicht* nicht so genau.
  • Im TV mimt er jetzt weiter den von der Pandemie* gänzlich unbeeindruckten Staatschef.
  • Mehr als eine Woche nach Bekanntgabe seiner Infektion viel bei ihm nun wieder ein Corona-Test positiv aus.

Update vom 17. Juli, 9.15 Uhr: Wie das Gesundheitsministerium in Brasília am Donnerstag bekannt gab, ist die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Personen in Brasilien auf über zwei Millionen gestiegen. Insgesamt sind bereits über 76.000 Menschen in dem Land an Covid-19 gestorben. Lediglich die USA verzeichnen höhere Todes- und Infektionszahlen. 

Coronavirus in Brasilien: Zahlen vermutlich sogar noch deutlich höher als gedacht

Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge sind die Infektionszahlen in Brasilien vermutlich sogar noch deutlich höher, da im Land sehr wenige Tests durchgeführt werden. Demnach wird vermutet, dass sich mindestens siebenmal so viele Personen mit dem Coronavirus infiziert haben wie bisher angenommen, doppelt so viele wie erfasst sollen daran verstorben sein. 

Der Präsident von Brasilien, Jair Bolsonaro, der verkündete, sich selbst mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, hatte die Pandemie zuvor nicht ernst genommen. Maßnahmen, welche die Ausbreitung von Covid-19 verhindern könnten, verweigerte Bolsonaro, der nun aber selbst über Folgen seiner Corona-Erkrankung klagte. Viele Einschränkungen, die Gouverneure und Bürgermeister eingeführt hatte, wurden bereits wieder gelockert. Rio de Janeiros Bürgermeister Marcelo Crivella ließ am Donnerstag die Wiederöffnung touristischer Attraktionen zu. Auch Mannschaftssport darf ab Freitag, dem 17. Juli, wieder an den Stränden ausgeführt werden.

Update vom 16. Juli, 7.06 Uhr: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ist eigenen Angaben zufolge erneut positiv auf das Coronavirus getestet worden. „Gestern Morgen habe ich den Test gemacht, gestern Abend kam das Ergebnis, dass ich noch immer positiv bin“, teilte Bolsonaro in einem Twitter-Video am Mittwochabend (Ortszeit) mit. Der Staatschef hatte zuvor am Dienstag vergangener Woche bekannt gegeben, dass er sich mit dem Coronavirus infiziert habe. Seine Amtsgeschäfte führt er seitdem aus der Präsidentenresidenz in Brasília.

Corona in Brasilien: Fast zwei Millionen Infizierte und über 75.000 Tote

Brasilien ist neben den Vereinigten Staaten derzeit einer der Brennpunkte der Corona-Pandemie. In dem größten und bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas haben sich bislang fast zwei Millionen Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit Covid-19 sind mehr als 75.000 Menschen gestorben. Da in Brasilien nur wenig getestet wird, gehen Experten davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen noch deutlich höher liegen. 

Update vom 9. Juli, 10.14 Uhr: Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hat sich mit dem Coronavirus infiziert und schluckt seitdem das umstrittene Medikament Hydroxychloroquin. In einem Facebook-Video präsentierte der Regierungschef, wie er die Pille einnimmt. „Ich nehme jetzt die dritte Dosis Hydroxychloroquin“, sagte er dazu, „Mir ging es nicht so gut am Sonntag, schlecht am Montag, aber heute fühle ich mich viel besser als am Samstag. Mit Sicherheit funktioniert dieses Ding hier also.“

Brasiliens Präsident Bolsonaro feiert sich und seine Regierung in der Corona-Pandemie

In einem weiteren Post feiert Bolsonaro sich und den Umgang der brasilianischen Regierung mit der Pandemie. Kein Land der Welt habe so reagiert wie Brasilien. Ohne Panik zu verbreiten seien Leben und Arbeitsplätze gerettet worden. Hinsichtlich des Malaria-Medikaments, welches Bolsonaro als Corona-Gegenmittel anpreist und auch selbst einnimmt, schrieb er: „An alle, die gegen Hydroxychloroquin wettern, aber keine Alternativen anbieten, es tut mir leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass es mir mit der Einnahme sehr gut geht und ich mit der Gnade Gottes noch lange leben werde.“

Während Bolsonaro sein Handeln verteidigt, sprechen die Zahlen der Johns Hopkins Universität nicht für einen idealen Umgang mit der Pandemie. Mit mehr als 1,7 Millionen (Stand: 9. Juli, 9.45 Uhr) registrierten Fällen und knapp 68.000 Toten liegt Brasilien auf Platz zwei der am stärksten betroffenen Länder. Noch mehr Fälle gibt es nur in den USA*. Dort wurden mittlerweile mehr als drei Millionen Fälle bekannt.

Brasilien-Präsident Bolsonaro verkündet Reportern seine Corona-Infektion - und sorgt dann für Eklat

Erstmeldung vom 8. Juli: 

Brasilia - „Schaut mir in‘s Gesicht, mir geht‘s prima!“ Die Art, wie Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro seine Sars-Cov2-Infektion bekannt gegeben hat, sorgt für einige Irritationen. Denn in seinem Gesicht sollte, sofern er auf Menschengruppen stößt, eigentlich ein Mund-Nasen-Schutz sitzen - den er sich vor Journalisten herunterriss. Folgender Clip zeigt die Szene, bei der die Reporter kaum eine Armlänge von ihm entfernt standen:

Ein Corona-Test sei positiv ausgefallen, sagte der ultrarechte Staatschef am Dienstag in einem Fernsehinterview in Brasília. Es gehe ihm aber „bestens“. Er weise keine schweren Symptome auf. Bolsonaro hatte die Gefahr durch die Corona-Pandemie wiederholt kleingeredet.

Bolsonaro hatte sich erneut über eine in der Hauptstadt Brasília geltende Maskenpflicht hinweggesetzt. Bei Treffen mit Anhängern trug er keinen Atemschutz. Auch missachtete er das Abstandsgebot, indem er Anhänger umarmte und ihnen die Hände schüttelte.

„Ich bin gerne unter den Menschen“, sagte der Präsident. Er habe schon früher damit gerechnet, sich das Virus vielleicht unbemerkt eingefangen zu haben. Über das Testergebnis sei er nicht überrascht. Noch am Samstag hatte Bolsonaro Fotos im Internet veröffentlicht, die ihn ohne Maske zusammen mit mehreren Ministern und dem US-Botschafter bei einem Essen zur Feier des US-Nationalfeiertags zeigten.

Coronavirus in Brasilien: Bolsonaro setzt auf Malaria-Medikament

Die Ärzte hätten ihm Hydroxychloroquin und das Antibiotikum Azithromycin gegeben, „danach fühlte ich mich besser“. Ebenso wie US-Präsident Donald Trump* (der unterdessen eine TikTok-Sperre erwägt) hat Bolsonaro wiederholt für Hydroxychloroquin im Kampf gegen die Pandemie geworben. Der Einsatz des als Malaria-Medikament bekannten Mittels gegen das Coronavirus ist jedoch umstritten. 

Bolsonaro kündigte an, er werde jetzt so viel wie möglich per Videokonferenz arbeiten. Er fühle sich „gut und ruhig“, erklärte der Präsident - und nahm wie zum Beweis vor Journalisten seine Maske ab. „Das Leben geht weiter. Wir werden uns besonders um alte Menschen und Menschen mit Krankheiten kümmern, die ein Risikofaktor sind“, fügte er hinzu. Die „Kollateralschäden“ des Virus dürften jedoch nicht schlimmer sein als die Krankheit selbst.

Brasiliens Präsident Bolsonaro hat sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert.

Corona in Brasilien: WHO wünscht Bolsonaro alles Gute - trotz „Ideologie“-Kritik

Der Staatschef hatte sich in den vergangenen Monaten bereits drei Mal auf das Coronavirus testen lassen. Im Mai wurde er vom Obersten Gericht dazu gezwungen, die Resultate dieser Tests offenzulegen. Sie waren negativ ausgefallen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wünschte Bolsonaro am Dienstag eine rasche Genesung. „Kein Land ist immun, kein Land ist geschützt und kein Mensch kann geschützt sein“, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Bolsonaro hatte im Juni mit dem Austritt seines Landes aus der WHO gedroht. Er warf der Organisation „ideologische Voreingenommenheit vo“" und kritisierte unter anderem, dass sie die klinischen Studien für Hydroxychloroquin zur Behandlung von Covid-19 ausgesetzt hatte.

Corona: Bleibt Covid-19 für Bolsonaro eine „kleine Grippe“?

Brasilien ist nach den USA das am zweitstärksten von der Corona-Pandemie betroffene Land der Welt. Laut offiziellen Angaben wurden in dem lateinamerikanischen Land 1,6 Millionen Infektionsfälle und mehr als 65.000 Todesopfer verzeichnet.

Dennoch hatte Bolsonaro die von brasilianischen Bundesstaaten und Bezirken verhängten Corona-Restriktionen immer wieder harsch kritisiert. Vergangene Woche legte der Staatschef zudem sein Veto gegen eine vom Parlament beschlossene Maskenpflicht ein. Die von dem Erreger Sars-CoV-2 ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 bezeichnete er in der Vergangenheit als „kleine Grippe“, die ihm als ehemaligem Athleten nichts anhaben könne.

Seit Bolsonaros Wahl hat die politische Polarisierung in Brasilien massiv zugenommen. Die Nachricht seines positiven Testergebnisses heizte die Debatte in den Online-Netzwerken weiter an. Unter dem Hashtag #ForçaBolsonaro wünschten viele Twitter-Nutzer dem Präsidenten Durchhaltevermögen. Ebenso populär war jedoch der Slogan #ForçaCorona, mit dem die Genesungswünsche ins Gegenteil verkehrt wurden.

Bolsonaro will trotz seiner Corona-Infektion die Amtsgeschäfte weiterführen. Laut der Tageszeitung „Folha de São Paulo“ werde er mit Video-Konferenzen weitermachen und auch Papiere unterzeichnen.  (AFP/dpa/frs/lml) *Merkur.de  gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

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Rubriklistenbild: © AFP / EVARISTO SA

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