Analyse wirft Fragen auf

Schwere Vorwürfe: Inzidenz 118 statt 200 - Manipuliert ein Landkreis seine Corona-Werte?

  • Christoph Stadtler
    VonChristoph Stadtler
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Stimmen die Inzidenzwerte im Landkreis Vorpommern-Greifswald nicht? Die örtlichen Grünen vermuten das. Sie haben große Abweichung bei den Corona-Zahlen entdeckt.

Greifswald - Es sind schwere Vorwürfe, denen sich die Verwaltung im Landkreis Vorpommern-Greifswald ausgesetzt sieht. Sie soll Corona-Neuinfektionen absichtlich zu spät melden, um den Inzidenzwert niedrig zu halten. Damit könnten Schulen und Kitas geöffnet bleiben, im Einzelhandel könnten Maßnahmen gelockert werden. Die schweren Vorwürfe stammen vom örtlichen Kreisverband der Grünen.

Zuerst hatte die Ostsee-Zeitung über die Anschuldigungen berichtet, auch der NDR hat sich mittlerweile des Themas angenommen. Die Grünen fordern eine Untersuchung und Strafen für die handelnden Personen. Harry Glawe, CDU-Politiker und Gesundheitsminister von Mecklenburg-Vorpommern, hat bereits angekündigt, den Vorwürfen nachgehen zu wollen.

Manipulierte Inzidenz-Werte? Behörde massiven Vorwürfen ausgesetzt

Den Stein ins Rollen gebracht hatte Hannes Damm. Der Physiker und Landtagskandidat der Grünen in Vorpommern-Greifswald hatte die Zahlen des Landkreises untersucht und war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Sieben-Tage-Inzidenz zu niedrig liege. Der Kreis soll die Meldung von Neuinfektionen bewusst und systematisch verzögern, „damit sie nicht mehr in die Inzidenzberechnung der letzten sieben Tage hereinfallen“, wie er dem NDR erzählte.

Auch die Ostsee-Zeitung hatte mit einem Verweis auf Damm von fehlerhaften Inzidenzwerten berichtet. So soll die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis am 25. März nicht bei 118, sondern schon bei über 200 gelegen sein. Analysen von Wissenschaftlern hätten diesen „neuen“ Wert ergeben. Dadurch würde der Landkreis als Hochrisikogebiet gelten, Schulschließungen inklusive.

Landkreis soll Zahlen absichtlich geschönt haben, um kein Hochrisikogebiet zu werden

Landrat Michael Sack - zugleich auch CDU-Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen - wies die Vorwürfe zurück. Er sieht den Grund für die abweichenden Corona-Zahlen in der Verwendung verschiedener Softwaresysteme, mit denen die Daten an die Gesundheitsämter und das Robert-Koch-Institut (RKI) übermittelt werden. Auch die angespannte Personalsituation bei den Behörden sprach Sack an. Viele Sachbearbeiter hätten „mittlerweile enorme Überstunden“ angehäuft, sagte er dem NDR.

Die Vorwürfe sind jedoch nicht ganz neu. Bereits Mitte Februar hatte ein Team aus Wissenschaftlern - zu ihnen gehört auch Grünen-Politiker Damm - die Zahlen angezweifelt. Die Diskrepanz zwischen tatsächlicher Inzidenz und gemeldeten Fällen soll bei mittlerweile 170 Prozent liegen. Laut Damm gibt es keine ersichtlichen Gründe für die stark abweichenden Zahlen.

Landrat Michael Sack unter Druck - gleichzeitig prüft er rechtliche Schritte gegen Grüne

Mit einer Ausnahme: Aufgefallen sei den Beobachtern in dieser Zeit allein „die Führungsebene dieser zuständigen Corona-Kontaktmeldung -und Nachverfolgung“, so der Grünen-Politiker weiter. Diese sei vom Gesundheitsamt herausgelöst worden und neu als Stabstelle beim Landratsamt aufgehängt worden.

Auch diese Darstellung Damms wies Landrat Sack zurück: „Die Stabsstelle gibt es schon seit dem Herbst letzten Jahres. Daran liegt es sicherlich nicht.“ Man behalte sich ob der schweren Vorwürfe der Grünen juristische Schritte vor, erklärte Sack dem NDR: „Wir werden uns das in der nächsten Woche anschauen. Ich kann das noch nicht genau sagen. Wir werden das mit dem Rechtsamt prüfen, wie wir weiter vorgehen. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen.“

Rubriklistenbild: © Soeren Stache

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