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Horst Seehofer räumt auf der Pressekonferenz ?Kritikwürdiges? ein ? das ist für seine Verhältnisse schon Selbstzerfleischung.

Große Seehofer-Show

CSU-Chef Seehofer gesteht bei Berlin-Auftritt Fehler ein

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Ein bisschen Demut, ein bisschen Ernst und ein bisschen mehr Ironie: Wenn man Horst Seehofer fragt, darf es so für ihn in Bayern und Berlin ewig weitergehen.

. Möglicherweise wäre es das Gescheiteste, Horst Seehofer einfach ein paar Tage lang zu ignorieren. So zu tun, als gäbe es ihn gar nicht. Und als käme die CSU auch ohne Vorsitzenden ganz gut zurecht. Seehofer selbst hat ja auch so getan, als ginge die CSU ihn nichts an. Während des Wahlkampfs. Er ist kaum aufgetreten. Und in einem fort hat er gesagt, er sei nicht zuständig für diese Wahl. Und für ihr Ergebnis.

Das ist ungefähr so, als würde der Vorstandschef von VW behaupten, ihn ginge die Malaise nichts an, in der Audi steckt wegen des Diesel-Betrugs – denn Audi arbeite in Ingolstadt und er aber in Wolfsburg. Martin Winterkorn hat etwas in der Art versucht – und dann ziemlich rasch gehen müssen.

Horst Seehofer aber ist weiter da. Nach dem 37,2-Prozent-Debakel der CSU hat niemand laut seinen Rücktritt gefordert – bis Dienstagmorgen. Da meldet sich der Vorstand des Kreisverbands Kronach und verlangt, nach der Regierungsbildung, die höchstens vier Wochen dauern darf, „einen Parteitag mit dem Ziel, Horst Seehofer abzulösen“. Indes: Auch wenn der Kronacher Kreischef wieder im Landtag sitzt – der untere Frankenwald liegt aus Münchner Sicht auf dem Mond.

Falls Seehofer an diesem Dienstag an die Kronacher denkt und an ihren Beschluss, dann sagt er es nicht. Im Übrigen allerdings ist er in bester Plauderlaune. Er hat einen Soloauftritt vor der Bundespressekonferenz – und er liebt es, daraus die große Seehofer-Show zu machen. Auch darin ist er der vollkommene Gegensatz zu Angela Merkel. Die Kanzlerin geizt mit jedem Satz – aus Seehofer strömt es nur so heraus. Ein Stichwort genügt. Hinterher kann eine nachtschwarze Welt schon mal taghell geredet sein.

Aktuell ist die Seehofer-Welt von indifferentem Grau. Sein Status ist Parteichef und Bundesminister – aber niemand weiß, wie lange noch. Er will bleiben. „Es macht Spaß.“ Es gibt aber andere Mächtige, die ihn sehr gern sehr schnell sehr endgültig los wären. Markus Söder etwa. Und die Kanzlerin. Mit Söder und der CSU hat Seehofer am Montag ein Stillhalteabkommen geschlossen. Merkel und der ganzen Bundesregierung trägt er nun eine Art Waffenstillstand an.

Ja, sagt er zunächst, „über Stil, Ton muss man immer bereit sein, als Politiker, zu reden und auch nachzudenken und auch einzuräumen, dass da durchaus Kritikwürdiges dabei gewesen ist“. Für Seehofer-Verhältnisse ist das Selbstzerfleischung. Später wird er beteuern, dass er diesen – den Berliner, den nicht-bayerischen Stil – „länger durchhalten“ werde; und „länger heißt: auf Dauer“.

Seehofer weiß: In der Union, auch in der Bundesregierung warten nicht wenige auf eine sehr kurzfristige Abrechnung mit ihm. Er kann solche Auseinandersetzungen besser stehen als viele; er hat unzählige hinter sich. Aber er hat auch verstanden: Viele davon werden nicht mehr kommen. Und sollte ihn die CSU als Chef absetzen, wird es auch fürs Ministeramt eng.

Er will nicht dastehen als einer, der am Posten klebt. Obwohl er es natürlich tut. Der den Krieg mit der Kanzlerin führt „als Therapie für seine persönlichen Probleme“, wie im „Spiegel“ zu lesen war. Einerseits ist Horst Seehofer – der Politik seit je mit weitaus größerer Risikofreude und größerem Einsatz als die meisten betreibt – außer mit üppiger Selbstgewissheit auch mit einer beträchtlichen Menge Selbstironie gesegnet.

Andererseits ist er in seiner allerletzten Phase der Macht berührbarer geworden. Man kann auch sagen: dünnhäutiger. Dem „Spiegel“ hat er den Titel „Der Gefährder“ so übel genommen, dass er sich Luft machen muss: „Das ist ja schon ein Hammer… also ich bin ein potenzieller Terrormensch.“

Er lacht dazu sein ewiges kehliges Seehofer-Lachen. Damit er immer noch wirkt wie der härteste Nehmer. Er ist ja auch im Austeilen groß. Mit dem CSU-Vorstand hat er vereinbart, die Vorsitz-Frage irgendwann zwischen Mitte November und Dezember zu beantworten, vielleicht auf einem Sonderparteitag. Dass er mehr Glück hat als Erwin Huber und Günther Beckstein, deren Rücktritt er selbst erzwang 2008 nach ihrer Wahlniederlage, weist er zurück. Es würden schon noch andere als die Kronacher laut werden gegen ihn. „Da mach’ ich mir keine Illusionen.“

Und dann verrät er noch etwas. Dreimal habe er seinen Rücktritt angeboten: zweimal Markus Söder – gleich nach der Bundestagswahl und vor dem Parteitag im Dezember. Und dann in der Nacht des 1. Juli. Die ganze Republik erinnert sich, wie er selbst vom Rücktritt zurücktrat. Horst Seehofer aber kann das wunderbar ignorieren

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