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Das Vereinigte Königreich am Scheideweg

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Von: Christiane Warnecke

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Die Herausforderungen für Charles III. könnten nicht größer sein

Großbritannien hat seine Ikone verloren - und die Welt eine bedeutende Zeitzeugin. Niemand sonst auf der Welt verkörperte die Werte und das Lebensgefühl seines Volkes so sehr wie die britische Monarchin. Über Generationen hinweg hat sie ihrem Land Beständigkeit gegeben. Auch in Zeiten tiefster Krisen war auf sie stets Verlass. Sie hat einen Weltkrieg miterlebt und ihr Volk wie auch ihre Familie durch tiefe politische und persönliche Krisen gelotst. Ausgerechnet jetzt, in einer Zeit, in der das Vereinigte Königreich nach dem Brexit noch immer tief gespalten ist, Corona das Land erschüttert hat und jetzt auch noch eine schwere Wirtschaftskrise aufzieht, verlieren die Briten ihre Jahrhundert-Königin.

Die Herausforderungen für Charles III. könnten nicht größer sein, die Nachfolge seiner Mutter würdig anzutreten. Viele Briten hatten dem früheren Prince of Wales lange nicht verziehen, dass er die Prinzessin der Herzen ins Unglück gestürzt hat. Entsprechend schwer hatte es auch Charles’ zweite Frau Camilla, die nun als Königsgemahlin gefordert ist, die Herzen der Briten zu erobern. Doch im Lauf der Jahre gelang es Charles und Camilla, sich aus dem Schatten der Vergangenheit zu lösen. Sie überzeugten bei öffentlichen Auftritten mit Bescheidenheit und Fleiß. So ist der Übergang dann doch nicht so dramatisch wie er noch vor einigen Jahren gewesen wäre. Wegen der körperlichen Schwäche der Queen hat Charles längst schon viele Auftritte für seine Mutter übernommen, sogar die Eröffnungsrede vor dem britischen Parlament. Zudem wirkt Charles nach seiner schwierigen Kindheit und der unglücklichen Ehe mit Diana geläutert - und zugleich gelöst. Mit Camilla an seiner Seite strahlt er erstmals in seinem Leben Glück aus. Doch an die Beliebtheit seiner Mutter kommt er längst nicht heran.

Politisch wird sich Charles als König stärker zurücknehmen müssen als in der Vergangenheit. Sein langjähriges Engagement für den Umweltschutz und die Rettung des Planeten dürften ihm aber gerade bei der jüngeren Generation vielleicht sogar eine besondere Popularität verschaffen. Während Charles mit diesen Themen jahrzehntelang belächelt wurde, trifft er damit nun den Puls der Zeit.

Was dem neuen Königspaar im Alter von über 70 Jahren allerdings schwerfallen dürfte, ist, den Glanz der Monarchie zu verkörpern. Doch diese Rolle beherrschen William und Kate perfekt. Wenn es Vater und Sohn gelingt, sich gegenseitig zu ergänzen, haben sie eine Chance, die Monarchie in die Zukunft zu führen. Das ist jedoch kein Selbstläufer. Ist die königliche Familie mit ihrem teuren Pomp doch längst nicht mehr unangefochten in Großbritannien wie auch in den anderen Staaten des Commonwealth. Es wird großer Anstrengungen bedürfen, die Menschen immer wieder vom Nutzen der Monarchie zu überzeugen.

Charles und William stehen nun zunächst vor der Aufgabe, die Menschen über den großen Verlust der Königin hinwegzutrösten. Zugleich aber muss es ihnen gelingen, aus dem Schatten von Elizabeth II. herauszutreten und die „Firma“ zu modernisieren, wie Prinz Philip die Familie einst genannt haben soll. Der neue König wird daran gemessen werden, ob es ihm gelingt, der Monarchie eine moralische Legitimität einzuhauchen. Damit könnte er einen Beitrag dazu leisten, das Land am Scheideweg wieder zu einen.

Politisch ist dabei zuvorderst die neue Premierministerin Liz Truss gefragt, der es selbst noch an Legitimität fehlt, da sie bislang nur von ihrer konservativen Partei gewählt wurde, nicht aber vom Volk. Doch wie auch immer ihre Regierungszeit verlaufen wird, die Bilder von ihrer Vereidigung werden noch in Jahrzehnten durch die Welt gehen. Sind es doch die letzten Fotos von der legendären Queen .

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