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Kuss statt Kuß und dass statt daß: Das Archivbild zeigt Schüler einer 6. Klasse aus Frankfurt (Oder), welche die neue Rechtschreibung üben.

Vor 20 Jahren ging die neue Rechtschreibung an den Start

„Einfach und logisch“

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Die neue Rechtschreibung hat vor zwei Jahrzehnten viel Kritik einstecken müssen. Doch die Befürchtungen waren unbegründet. Im „Alltagsgeschäft“ macht die Reform nämlich eine gute Figur.

Kevin versteht die ganze Debatte überhaupt nicht. „Die Diskussionen um die neue Rechtschreibung kommt mir vor wie das Gezeter bei der Einführung fünfstelliger Postleitzahlen in Deutschland“, sagt er. Zugegeben: Die Diskussionen um die fünfstellige Postleitzahl zu Beginn der 1990er Jahre kennt Kevin Bettin nur aus Erzählungen seiner Eltern. Der Usinger ist nämlich erst 19 Jahre alt und studiert derzeit im Studienfach Wirtschaftsingenieur an der TU in Darmstadt.

Dafür kennt sich Kevin aber umso besser mit der neuen Rechtschreibung aus, die vor 20 Jahren beim Deutschen Philologen-Verband und in manchen Zeitungsstuben für kontroverse Diskussionen sorgte. Kevin ist mit der neuen Rechtschreibung aufgewachsen. Sie hat ihn in der Grundschule und später auf dem Gymnasium, der Usinger Christian-Wirth-Schule, begleitet. Probleme hat er mit ihr keine. „Sie ist einfach und logisch“, sagt Kevin, der Deutsch, ähnlich wie Latein und Griechisch, als „sehr präzise Sprache“ schätzt. Und eines hat ihm bei der neuen Rechtschreibung besonders gefallen, wie er im Gespräch verrät: „Ich fand es toll, dass alle Adjektive klein geschrieben werden. Man brauchte sich in der Schule also keine Gedanken machen, wie das Adjektiv geschrieben wird. Bei der alten Rechtschreibung war das nicht so.“ Aufreger waren bei der Einführung der neuen Rechtschreibung beispielsweise auch der Wegfall des Wortes „daß“, das durch das Wort „dass“ ersetzt wurde, oder aber neue Worttrennungen. Für Kevin alles kein Problem. „In meiner Schulzeit habe ich nicht mehr als drei Worte getrennt“, erinnert er sich. Für den Studenten sind deshalb die Diskussionen um die neue Rechtschreibreform sinnlos und ein Problem von betagteren Zeitgenossen, die sich von der alten, deutschen Rechtschreibung nicht trennen können oder wollen.

Katja Illing, Deutschlehrerin an der Wehrheimer Limes-Grundschule, musste sich während ihres Studiums in Gießen wohl oder übel mit der neuen Rechtschreibreform auseinandersetzen. „Ich war mit der alten Rechtschreibung aufgewachsen und musste mich umstellen“, berichtet die 45-jährige Pädagogin. Am Anfang sei sie beim „Umlernen“ noch verunsichert gewesen, das hätte sich dann aber nach und nach gelegt.

„Vieles, was mit der neuen Rechtschreibung eingeführt wurde, ist für Kinder sinnvoll. Ich denke zum Beispiel an das Wort ,Schifffahrt‘. Auch wenn es mit drei ,f‘ geschrieben wird und für Menschen, die mit der alten Rechtschreibung aufgewachsen sind, gewöhnungsbedürftig ist, erkennen die Kinder die Logik bei dieser Schreibweise“, sagt die Lehrerin.

Positives an der neuen Rechtschreibung hat Katja Illing auch bei der Herleitung von Wörtern und Worttrennungen entdeckt. „Hier fällt mir das Wort Stängel ein, das früher mit ,e‘ geschrieben wurde, obwohl es vom Wort ,Stange‘ abgeleitet wurde. Auch die Worttrennungen sind nicht mehr so kompliziert“, zählt sie auf.

Dass die neuen Medien wie Twitter & Co. Einfluss auf die Sprache haben, will die Pädagogin nicht abstreiten. Sie glaubt aber nicht, dass das massenhafte Versenden von Kurznachrichten dazu führt, dass Jugendliche die deutsche Sprache nicht mehr beherrschen. „Durch meine eigenen Töchter weiß ich, dass sie sprachlich umschalten können“, sagt Illing.

„Umschalten“ kann auch Kevin Bettin. „Wenn ich eine Whatsapp-Nachricht schreibe, fliegen die Finger nur über die Tasten. Dann schlägt Schnelligkeit die Orthografie. Aber im richtigen Leben weiß ich, was zählt.“

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