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Weirich am Montag

Eintrachts großes Hauptstadt-Kino

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Wer als Kolumnist zum Wochenanfang einen Blick für das Wesentliche hat, kommt an der rauschenden Ballnacht der Frankfurter Eintracht beim DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund nicht vorbei,

Wer als Kolumnist zum Wochenanfang einen Blick für das Wesentliche hat, kommt an der rauschenden Ballnacht der Frankfurter Eintracht beim DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund nicht vorbei, zumal der G7-Gipfel vom Wochenende dank Donald Trump außer Spesen nichts gewesen ist. Die Fußball-Diva vom Main gab bei ihrer unglücklichen 1:2-Niederlage gegen die Mannen vom Pott eine imponierende Vorstellung, war in der ersten Halbzeit überlegen und spielte bis zur letzten Minute auf Augenhöhe.

Als Ex-Frankfurter und Neu-Berliner hatte ich ein Heimspiel. Drei Tage habe ich die Eintracht bei ihrer Sympathiewerbung für den Fußball in der Hauptstadt begleitet, von der Party ihrer Anhänger in der „Frankfurter Botschaft“, der ehemaligen Heeresbäckerei, über das Fest mit tausenden Fans auf dem Alexanderplatz bis zum Spiel und dem anschließenden Bankett mit Prominenten wie Ex-Außenminister Fischer, Bundesbankpräsident Weidmann, OB Feldmann und seiner Vorgängerin Petra Roth. Alle waren sich einig: Die Eintracht und auch ihre über 20 000 Fans haben sich optimal verkauft.

Berlin erlebte mit den in orangefarbenes Tuch gehüllten Besuchern des Evangelischen Kirchentages, dem „Eintracht-Meer“ aus rot-schwarz-weißen Fahnen und Schals sowie dem gelb-schwarzen Wespenschwarm der Dortmunder Borussen in farbenfrohes, sonnenhelles Bilderbuchwochenende. „Wir werden Berlin rocken“, hatte Eintrachtpräsident Peter Fischer prophezeit. Was die einfallsreiche Dramaturgie rund um den Titelkampf und die ideenreiche Choreographie im Stadion anging, boten die Frankfurter großes Kino. Berlin schien am Samstag am Main zu liegen, vertraute Laute tönten aus Gaststätten, die sich in Bembelbars verwandelt hatten, die U-Bahn-Station am Alexanderplatz wurde für einen Tag in Alex-Meier-Platz umgetauft, der Graffiti-Künstler Klar Kent versprühte sein Kunstwerk, die Frankfurter Rapper begeisterten ebenso wie der Eintracht verbundene Discjockeys. Mit diesem „Sound of Frankfurt“ schien der Klub Anspruch auf die „deutsche Party-Meisterschaft“ zu erheben.

Für Niko Kovac, den in Berlin aufgewachsenen Trainer, war es ein Wiedersehen mit der alten Heimat. Die Eintracht-Anhänger, die von der Geräuschkulisse her mit den Borussen locker mithalten konnten, waren allerdings bei ihrer Rückenstärkung auf sich allein gestellt, denn die „neutralen“ Berliner waren Mitgewinner des Pokals, hat die „alte Dame Hertha “ doch jetzt ihren Platz in der Europa-League sicher und erhält außerdem von ihrem Sponsor noch einen millionenschweren Zuschlag. Letztlich geht der Pokal freilich nicht nach Frankfurt, aber wie sagte schon Rudi Bommer: „Besser Vizemeister als Bademeister“, wobei es diesen Trost-Titel beim Pokal gar nicht gibt.

politik@fnp.de

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