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Entgleiste Mimik, arrogantes Auftreten

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Ein lächelnder Barack Obama (links) und ein Gegenkandidat, der Luft ablässt. Beim TV-Duell im Jahr 2008 gewann der spätere US-Präsident Obama klar gegen John McCain von den Republikanern.
Ein lächelnder Barack Obama (links) und ein Gegenkandidat, der Luft ablässt. Beim TV-Duell im Jahr 2008 gewann der spätere US-Präsident Obama klar gegen John McCain von den Republikanern. © epa Lane (EPA)

Die TV-Duelle im US-Präsidentschaftswahlkampf waren schon oft wahlentscheidend, das zeigt ein Blick in die Geschichte. Die Kandidaten können in viele Fallen tappen, und oft sind Kleinigkeiten entscheidend. So war es auch beim allerersten TV-Duell.

Die demokratische US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton und ihr republikanischer Konkurrent Donald Trump sind in der Nacht zum Dienstag zu ihrem ersten Fernsehduell aufeinander getroffen. Es wurde erwartet, dass mehr als 100 Millionen Menschen allein in den USA den Schlagabtausch verfolgen. Für unseren Redaktionsschluss war das zu spät. Feststeht aber, dass für beide viel auf dem Spiel stand und noch steht. Zwei weitere TV-Duelle zwischen Clinton und Trump folgen ja noch.

Die mehr als 50-jährige Geschichte der TV-Debatten in den USA liefert viele Beispiele, wie Kandidaten mit zielsicheren Pointen punkteten – oder sich mit misslungener Mimik selbst ein Bein stellten.

1960 Von einer Grippe geschwächt und mit Bartschatten im Gesicht wirkt Vizepräsident Richard Nixon in seiner ersten Fernsehdebatte düster und ausgezehrt – ein scharfer Kontrast zu dem gutaussehenden und dynamischen Senator John F. Kennedy. Nixon kann den schlechten Eindruck später nicht mehr korrigieren und verliert die Wahl.

1980 Herausforderer Ronald Reagan gewinnt in einem bis dahin knappen Rennen gegen Carter die Oberhand, indem er zum Schluss des Duells die pointierte rhetorische Frage an die Wähler stellt: „Geht es Ihnen besser als vor vier Jahren?“ Damit trifft er angesichts von Konjunkturkrise und Inflation genau ins Schwarze. Carter verliert.

1984 Präsident Reagan nimmt den Anspielungen auf sein hohes Alter die Spitze, indem er in der Debatte mit Walter Mondale ironisch bemerkt: „Ich werde Altersfragen in dieser Kampagne nicht thematisieren. Ich werde die Jugend und Unerfahrenheit meines Opponenten nicht politisch ausschlachten.“ Wieder gewinnt Reagan.

1988 Michael Dukakis wird in seiner Debatte mit George Bush senior vom Moderator mit der Frage konfrontiert, ob er den Tod des Täters wünschen würde, sollte seine Frau vergewaltigt und ermordet werden. Dukakis gibt daraufhin ein trockenes Statement gegen die Todesstrafe ab, das wie abgelesen wirkt – und bestätigt damit sein Image als „Mann aus Eis“. Er verliert die Wahl.

1992 Präsident Bush senior lässt während der Fernsehdebatte die Wähler seine Ungeduld spüren, indem er auf seine Armbanduhr schaut. Dies verstärkt den Eindruck, Bush sei ein arroganter Reicher, der sich wenig um die Probleme der kleinen Leute schert. Der Rivale Bill Clinton gewinnt die Wahl vor allem mit dem Versprechen, die US-Wirtschaft wieder fit zu machen.

2000 Mit Kopfschütteln und wiederholtem Seufzen wirkt Vizepräsident Al Gore im ersten TV-Duell mit George W. Bush herablassend. Bei den folgenden Debatten versucht Gore, mehr zu lächeln – doch den Ruf eines arroganten Intellektuellen wird er nicht mehr los.

2004 Diesmal hat George W. Bush sein Mienenspiel nicht im Griff und wirkt im Vergleich zu seinem Gegner John Kerry gestresst und reizbar. Bush gerät ins Stocken, blickt finster und verwechselt Osama bin Laden und Saddam Hussein. Bei der zweiten Debatte eine Woche später bemüht er sich um mehr Lockerheit. „Jetzt gucke ich aber wirklich gleich finster“, scherzt er in Erwiderung auf Kerrys Antworten.

2008 John McCain macht einen wenig sympathischen Eindruck, als er mit dem Finger auf Barack Obama zeigt und ihn als „That One“ („Dieser da“) tituliert, statt ihn beim Namen zu nennen. Obamas Demokraten drehen den Spieß um und verwandeln die abschätzige Aussage nach der Debatte in einen Wahlkampfslogan. Im Internet verkaufen sie T-Shirts und Aufkleber mit dem Schriftzug „That one“.

2012 Im ersten TV-Duell mit seinem Herausforderer Mitt Romney gibt Obama keine gute Figur ab und erhält viel Schelte, weil er zu defensiv war. In den nächsten beiden Debatten macht er seinen Fehler aber wieder wett und verwandelt treffsicher eine Steilvorlage Romneys: Der erfolgreiche Geschäftsmann hatte sich abfällig über „47“ Prozent der Wähler geäußert, die sich als „Opfer“ betrachteten – Obama fällt es daraufhin nicht schwer, seinen Rivalen als kalten Finanzhai dastehen zu lassen. Klar entschiedet er die Wahl für sich.

(afp)

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