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Jüngst war bekannt geworden, dass die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica sich unerlaubt Zugang zu Daten von mehr als 50 Millionen Facebook-Nutzern verschaffen konnte.

Kommentar

Facebook: Big Ethos, sofort!

Die Gesellschaft muss einen Diskurs über den Schutz von Daten erzwingen. Denn der Schutz der Persönlichkeits- und am Ende auch der Menschenrechte steht auf dem Spiel. Ein Kommentar von Cornelie Barthelme.

Am Dienstag hat er sich auch in Deutschland entschuldigt. Per Zeitungsanzeigen. Hat ihn vielleicht eine halbe Million gekostet, vielleicht ein bisschen mehr. Ein Klacks für Mark Zuckerberg, verglichen mit den 60 Milliarden Dollar, die Facebook binnen zwei Tagen an Börsenwert verlor, als der Datenklau-Skandal offenbar wurde. Mal abgesehen davon, dass die Anzeige der nächste große Schwindel ist, um es vorsichtig zu sagen: Denn die „SZ“ oder die „FAZ“ liest der Aktionär, nicht aber der gemeine Facebooker, dem „Zuck“ mit vertraulichem Du vorgibt zu versprechen, „dass so etwas nicht noch einmal passiert“. Und allein der Aktionär ist ja auch gemeint. Denn Facebook ist nicht der Garagenladen im Silicon Valley, der die Welt verbessern will – sondern ein Konzern, der an Daten abzieht, was er nur kriegen kann, um möglichst gewinnbringende Geschäfte damit zu machen.

Tausendmal spannender und wichtiger als das PR-Textchen war, wie am selben Tag der Mann, der für Facebook den Algorithmus für die personalisierte Werbung entwickelt hat, in der „Zeit“ das Verhältnis von Nutzern zu Facebook beschrieb: Wie Süchtige die Drogen brauchten sie das Netzwerk. Und manche hassten es zugleich und auch sich selbst, weil sie so abhängig seien, dass sie ohne nicht mehr leben können.

Jeder Morgen in der S-Bahn, jede Autofahrt, jede Unterhaltung mit Freunden erbringt den Beweis: Ein knappes Drittel der Weltbevölkerung ist auf Dope. Zwei von siebeneinhalb Milliarden. Und jeder, der nicht vollkommen desinteressiert ist, muss wissen: Selbstverständlich ist der Nutzer in Wahrheit der Benutzte. Und weil Facebook das längst auch kann, außerdem alle Freunde der Nutzer und alle Besucher von mit Facebook verlinkten Seiten und…

Der Begriff dafür heißt Big Data. Die Welt als Daten-Meer, das nicht mehr zu kontrollieren ist, aus dem sich jeder schöpft, was ihm nützt – und in dem, wenn es so weitergeht, erst die Wahrheit und dann die Freiheit und mit ihr die Demokratie untergeht.

Antonio Garcia Martinez, der Algorithmen-Entwickler, inzwischen nicht mehr bei Facebook, sagt, für die Digitalisten seien alle außerhalb ihrer Tech-Blase nur Idioten. Höchste Zeit, das Gegenteil zu beweisen. Und den Technikern Big Ethos entgegenzusetzen: Den längst überfälligen gesellschaftlichen Diskurs über den Schutz von Daten, ohne den der Schutz der Persönlichkeits- und am Ende auch der Menschenrechte nicht funktioniert.

Die Politik kriegt diese Debatte nicht hin; vielleicht will sie es auch gar nicht. Aber die Gesellschaft kann sie erzwingen. Und sie muss rasch damit beginnen. Denn in Zuckerbergs Anzeige steht, „dass wir unsere Arbeit in Zukunft besser machen“. Und das ist kein Versprechen. Das ist eine Drohung.

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