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Spurensuche in FLENSBURG: Hier ist am 16. Oktober eine Asylbewerberunterkunft ausgebrannt. Die Polizei geht von einem Anschlag aus. Es ist bei weitem nicht das einzige Feuer, das in den letzten Monaten in einem Flüchtlingsheim gewütet hat.

Brandanschläge auf Flüchtlingsheime

Feuer in Asylantenheimen: Chronologie des Schreckens

Immer wieder brennt es in den Häusern, die Zuflucht bieten sollten. Gestern schon wieder: Feueralarm in ... Seit Beginn des Jahres gab es bereits dutzende Brände in Flüchtlingsunterkünften, auch bei uns in Hessen. Meistens waren es Anschläge, einige Fälle konnten noch nicht aufgeklärt werden.

Es ist Freitag, der 16. Oktober 2015. Erst hören Anwohner einen lauten Knall, dann sehen sie ein Feuer. Ein Einzimmerwohnung brennt komplett aus. Dort, wo nächste Woche Flüchtlinge hätten einziehen sollen, kann niemand mehr wohnen. Die Polizei findet Spuren eines Brandbeschleunigers. Jetzt ermittelt der Staatsschutz.

Wieder gab es ein Feuer in einer Flüchtlingunterkunft. Dieses Mal brannte es ganz oben im Norden, in Flensburg. Wieder war es ein Brandanschlag, der die Flammen aus der Wohnung schlagen ließ. Es ist das vorerst letzte Glied einer ganzen Reihe von Angriffen, die in den letzten Monaten Asylbewerberheime zum Ziel hatten. Immer wieder brannte es in den Unterkünften, die ihren Bewohner eigentlich Schutz bieten sollten.

Wir haben Beispiele aus ganz Deutschland gesammelt. Es ist eine Chronologie des Schreckens:

BOIZENBURG in Mecklenburg-Vorpommern: Ein dreistöckiges ehemaliges Arbeiterwohnheim brennt in der Nacht zum 12. Oktober vollständig aus. Dort sollten in Kürze Syrer einziehen. "Die Ermittlungen des Brandsachverständigen haben gesicherte Erkenntnisse geliefert, dass Brandstiftung vorliegt", sagt Stefan Urbanek von der Schweriner Staatsanwaltschaft. Fenster seien geöffnet worden, offenbar mit dem Ziel, die Ausbreitung des Feuers in dem leerstehenden Gebäude durch Luftzug zu beschleunigen. Den Sachschaden am Gebäude beziffert die Polizei auf rund 350 000 Euro. Tatverdächtige gibt es bislang nicht. Am gleichen Tag werfen Unbekannte in TRASSENHEIDE auf Usedom Brandsätze gegen ein ehemaliges Bürohaus, das für 15 Flüchtlinge hergerichtet werden sollte. Die Brandsätze richten aber keine größeren Schäden an.

ALTENA in Nordrhein-Westfalen -  Am 3. Oktober schüttet ein inzwischen entlassener Feuerwehrmann (25) im Dachgeschoss eines Flüchtlingsheims Benzin aus, vorher durchtrennt er die Kabel der Brandmeldeanlage. Ein Komplize (23) steht Schmiere. Nachbarn, die die kurz zuvor eingezogenen Syrer begrüßen wollen, riechen den Qualm rechtzeitig, verletzt wird niemand. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Hagen gibt er als Motiv Angst vor Flüchtlingen in der Nachbarschaft an. Der geständige Feuerwehrmann kommt nicht in U-Haft, weil es laut Staatsanwaltschaft keine ausreichenden Haftgründe gibt. Sie ermittelt wegen schwerer Brandstiftung, nicht aber wegen versuchten Mordes. Der Feuerwehrmann habe den Brand auf dem unbewohnten Dachboden und nicht im Erdgeschoss gelegt, in dem die Flüchtlinge untergebracht waren. HEPPENHEIMin Hessen: In der Nacht zum 4. September brennt es dort in einer Flüchtlingsunterkunft. Ein Mann bringt sich mit einem Sprung aus einem Fenster in Sicherheit und verletzt sich dabei schwer. Mehrere Menschen erleiden Rauchvergiftungen. Ermittelt wird wegen vorsätzlicher Brandstiftung. Die Staatsanwaltschaft hat keine Hinweise auf Fremdenfeindlichkeit. "Man kann nach einem Brand in einer Flüchtlingsunterkunft nicht automatisch darauf schließen, dass es mit der Nationalität der Bewohner zusammenhängt", sagt eine Sprecherin. Hintergrund des Feuers könne auch Streit gewesen sein. SALZHEMMENDORF in Niedersachsen: In der Nacht zum 28. August wirft ein 24 Jahre alter freiwilliger Feuerwehrmann einen Brandsatz durch ein geschlossenes Fenster einer als Flüchtlingsunterkunft genutzten ehemaligen Schule. Eine Mutter und deren drei kleine Kinder aus Simbabwe, die im Nebenraum schlafen, bleiben unverletzt. Ein Teppich und eine Matratze geraten in Flammen. Neben dem 24-Jährigen werden ein 30-Jähriger und eine 23 Jahre alte Frau als Mittäter ermittelt. Sie gehören der rechten Szene an. Zunächst werden Ermittlungen wegen des Verdachts auf schwere Brandstiftung eingeleitet, später kommt das Trio wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes in U-Haft. Zuvor hatte auch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) die Tat als "versuchten Mord" bezeichnet.

ESCHEBURG in Schleswig-Holstein: Ein Nachbar legt am 9. Februar ein Feuer in einem für Asylbewerber vorgesehenen Einfamilienhaus. Bei Durchsuchungenfindet die Polizei Beweismitteln; der Tatverdächtige legt ein Geständnis ab. Mit der Brandlegung wollte der Mann verhindern, dass Asylbewerber das Haus beziehen. Die Tat war, neben persönlichen Motiven des Täters, auch fremdenfeindlich motiviert. Der Täter war bis dahin polizeilich unbekannt und auch noch nicht wegen politisch motivierter Delikte in Erscheinung getreten. Am 11. Mai verurteilt ihn das Landgericht Lübeck wegen Brandstiftung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt zur Bewährung. Das Urteil ist nach Rücknahme der eingelegten Revision rechtskräftig. PORTA WESTFALICA in Nordrhein-Westfalen: In der Nacht zum 15. September werden zwei Glasflaschen mit brennbarer Flüssigkeit gegen die Fassade einer Flüchtlingsunterkunft geworfen. Die Fahndung nach dem Täter läuft nach wie vor: Es wird wegen versuchter schwerer Brandstiftung ermittelt: Zum einen ist kein Gebäudeschaden entstanden, zum anderen aber ein bewohntes Gebäude angegriffen worden. Da die Tat sich gegen Migranten richtete, ermittelt der Staatsschutz. WERTHEIM in Baden-Württemberg: In der Stadt bei Würzburg brennt Ende September eine Sporthalle, die für 300 Flüchtlinge hergerichtet war. Die Behörden ermitteln hier ebenfalls wegen Brandstiftung. Aber nur, weil das Gebäude noch leer stand, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Mosbach sagte. Ermittelt wird den Angaben zufolge in alle Richtungen. Festnahmen gibt es noch nicht. WEISSACH IM TAL in Baden-Württemberg: Ende August geht in dem Ort bei Stuttgart eine geplante Asylbewerberunterkunft in Flammen auf, das Gebäude stand leer. 20 Flüchtlinge hätten dort unterkommen sollen. Die Polizei geht von einem fremdenfeindlichen Motiv aus. Die Täter sind noch nicht gefasst. LIMBURGERHOF in Rheinland-Pfalz: Im Mai zünden Unbekannte eine geplante Flüchtlingsunterkunft in dem Ort in der Pfalz an. Die Staatsanwaltschaft sah Indizien für eine fremdenfeindliche Tat. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. NIEDERSTEDEM in Rheinland-Pfalz: Im August legten Unbekannte Feuer in einem von Asylbewerbern bewohnten Haus. Bisher gibt es keine konkreten Hinweise auf ein fremdenfeindliches Motiv. REMCHINGEN in Baden-Württemberg: In dem Ort bei Karlsruhe legen Unbekannte Mitte Juli mit Benzin ein Feuer in einer geplanten Asylbewerberunterkunft. Sie hätte etwa 20 Menschen Platz geboten. Die Staatsanwaltschaft Pforzheim ermittelt wegen Brandstiftung. Zum Zeitpunkt des Brandes war niemand in dem Haus. Einen fremdenfeindlichen Hintergrund schließen die Ermittler zwar nicht aus, es gebe aber auch keine konkreten Anhaltspunkte. GROß LÜSEWITZ in Mecklenburg-Vorpommern: Nach einem Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in dem Ort bei Rostock erhebt die Staatsanwaltschaft am 12. Oktober gegen zwei Männer Anklage wegen versuchten Mordes. Die 25 und 26 Jahre alten Verdächtigen sollen im Oktober 2014 zwei mit Benzin gefüllte Flaschen auf das mehrgeschossige Haus geworfen haben. Es entstand Sachschaden, Menschen wurden nicht verletzt. In dem Heim waren acht Flüchtlingsfamilien verschiedener Nationalitäten untergebracht. Laut Staatsanwalt hatten die Männer den Tod von Menschen in Kauf genommen. Sie hätten damit rechnen müssen, dass die Hausbewohner zum Tatzeitpunkt kurz nach Mitternacht bereits schliefen.(dpa/ag)

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