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Kreml droht wegen Nato-Werben: Berater warnt vor Finnlands „Achillesferse der Verteidigung“ gegen Russland

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Von: Patrick Mayer

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Ende März 2022: Finnische Soldaten nehmen an der NATO-Übung „Cold Response“ in Norwegen teil.
Ende März 2022: Finnische Soldaten nehmen an der NATO-Übung „Cold Response“ in Norwegen teil. © Jonathan NACKSTRAND / AFP

Weil Finnland in die Nato will, droht Russland seinem Nachbarn militärisch. Eine kleine Inselgruppe in der Ostsee gilt als mögliches Einfallstor für einen russischen Angriff.

München/Aland - Bis heute. Der sowjetische Überfall auf Finnland im Winterkrieg 1939/40 hat in dem skandinavischen Land tiefe Spuren hinterlassen. Nach dem Angriff Russland auf die Ukraine in diesem Frühjahr kamen Bedenken aus der Vergangenheit prompt an die Oberfläche. So sehr, dass sich die finnische Politik in Helsinki jüngst dafür entschied, eine jahrzehntelange Neutralität aufzugeben und stattdessen in Beitrittsverhandlungen mit dem transatlantischen Verteidigungsbündnis Nato zu treten.

Kommt Finnland in die Nato? Türkei blockiert, Russland droht

Moskau reagierte umgehend. „Eine abermalige Ausweitung der Nato macht unseren Kontinent nicht stabiler und sicherer“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax. Russland werde die Folgen eines Nato-Beitritts Finnlands mit Blick auf seine eigene Sicherheit analysieren, meinte Peskow Mitte Mai.

Finnland, das innerhalb der Nato von einem Veto der Türkei blockiert wird, will dennoch um jeden Preis in die westliche Verteidigungsgemeinschaft. Das nur 5,5 Millionen Einwohner zählende Land hat eine verhältnismäßig starke Armee, hält seit Jahren Übungen mit der Nato ab.

Im Video: Kompakt - Die News zum Russland-Ukraine-Krieg

Die Angelegenheit ist geopolitisch brenzlig. Der Norden Finnlands grenzt an die Oblast Murmansk, wo in der gleichnamigen Großstadt (rund 300.000 Einwohner) und im benachbarten Seweromorsk die russische Nordflotte stationiert ist. „Wenn sich die finnische Führung darauf einlässt, wäre das ein strategischer Fehler“, erklärte laut Bild der russische Duma-Abgeordnete Wladimir Dschabarow zum Nato-Wunsch Helsinkis: „Finnland, das sich dank der engen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit Russland all die Jahre erfolgreich entwickelt hat, würde zur Zielscheibe. Ich denke, das wäre eine schreckliche Tragödie für das gesamte finnische Volk.“

Finnland will wegen des Ukraine-Kriegs in die Nato - Es folgen Drohgebärden aus Moskau

Die Drohgebärden sind nicht neu. Doch sie fallen nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine besonders drastisch aus. Die Sorgen sind ebenso real.

Ein Rückblick: Schon im Frühjahr 2015 hatte das finnische Militär seine rund 900.000 Reservisten über ihre Rolle im Ernstfall informiert. Die Aktion habe nichts mit einer Bedrohung aus Moskau zu tun, erklärte der damalige Verteidigungsminister Carl Haglund: „Viele Reservisten sind daran interessiert, welche Rolle sie haben würden und sie sind motiviert ihren Teil zur Verteidigung dieses Landes beizutragen.“ Ein Jahr zuvor hatte Russland die Krim zwischen Schwarzem Meer und Asowschen Meer völkerrechtlich annektiert.

Idyllisch: die Aaland-Inseln vor der Küste Finnlands.
Idyllisch: die Aaland-Inseln vor der Küste Finnlands. © IMAGO / agefotostock

Während Kreml-Despot Wladimir Putin und sein Machtapparat in Moskau bis hin zur Kirche weiter der Nato drohen, schlägt nun ein finnischer Militärexperte mit Blick auf die geostrategische Lage seines Landes Alarm. Nicht nur, dass beide Länder eine 1340 km lange Grenze haben. Die Geschichte tut ihr Übriges. Erst 1917 hatte sich Finnland als Folge der Februarrevolution als ehemals autonomes Großfürstentum vom damaligen Russischen Kaiserreich für unabhängig erklärt.

Muss sich Finnland vor Russland fürchten? Ex-Präsidentenberater schließt Angriff nicht aus

Ein Professor meint nun, anno 2022, eine „Achillesferse der finnischen Verteidigung“ ausgemacht zu haben. „Es besteht die Sorge, dass Finnland im Falle eines plötzlichen Angriffs auf Aland militärisch nicht schnell genug reagieren könnte“, erklärte der frühere Präsidentenberater Alpo Rusi im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP: „Das ist die Achillesferse der finnischen Verteidigung.“

Der Hintergrund: Die Inselgruppe an der Südwestküste ist seit einem Beschluss des damaligen Völkerbundes 1921 eine entmilitarisierte Zone. Aland gehört zu Finnland, verwaltet sich aber autonom. Soldaten und/oder Militärstützpunkte sind nicht erlaubt. Folglich gäbe es keine Verteidigung bei einem möglichen Angriff durch die Streitkräfte Russlands.

Die geographische Lage in der nördlichen Ostsee macht das Problem noch größer. So befindet sich die Inselgruppe zwischen dem Militärstützpunkt der Baltischen Flotte Russlands in Kaliningrad und dem Finnischen Meerbusen, an deren Ende die zweitgrößte russische Stadt St. Petersburg liegt (rund fünf Millionen Einwohner). Auch andere finnische Experten zweifeln, ob Russland im Falle eines Konflikts die Neutralität der Alandinseln akzeptieren würde. Schließlich würden sich diese militärisch als Brückenkopf eignen.

Finnlands Verhandlungen mit der Nato stocken - die Sorgen vor Nachbar Russland bleiben

„Warum sollten wir auf die Idee vertrauen, dass die Truppen nicht so schnell wie möglich die Kontrolle über Aland übernehmen würden?“, meinte laut Bild Charly Salonius-Pasternak, ein Forscher vom Finnischen Institut für Internationale Angelegenheiten. Die Verhandlungen um einen Beitritt in die Nato stocken - die Sorgen vor dem riesigen Nachbarn werden nicht weniger. (pm)

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