Gespräch mit Seenotretter Reisch

Fünf Jahre EU-Türkei-Abkommen: Verheerende Zustände in Geflüchteten-Camps - „Leben buchstäblich im Dreck“

  • Anna-Katharina Ahnefeld
    vonAnna-Katharina Ahnefeld
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Die EU und die Türkei einigten sich 2016 angesichts der Migration Richtung Europa auf ein Abkommen. 2021 ist die Situation der Geflüchteten rund um Izmir prekär, wie Merkur.de erfährt.

Izmir - Zehn Jahre schon dauert der Syrien-Krieg an. Fünf Jahre besteht das EU-Türkei-Abkommen. 1833 Tage. So viel Zeit ist seitdem vergangen. Angesichts der Geflüchteten-Bewegung 2015 vereinbarte die Europäische Union 2016 einen Deal, der die Zahl der Geflüchteten auf der Route über die Türkei nach Griechenland - und damit in die EU - eindämmen sollte. Doch die Realität sieht übel aus, wie Merkur.de* aus der Region um das türkische Izmir erfährt.

EU-Türkei-Abkommen besteht seit fünf Jahren - Projekt „LandsAid“ versorgt 700 Familien um Izmir

Zehn Jahre. Fünf Jahre EU-Türkei-Deal. 1833 Tage. Hinter den Zahlen stecken Menschen. Menschen wie diejenigen, denen der deutsche Seenotretter Claus-Peter Reisch, ehemaliger Skipper des Rettungsschiffs Lifeline, rund um die türkische Metropole Izmir begegnet. In inoffiziellen Camps, verstreut über das ländliche Gebiet, leben dort Tausende. 700 Familien betreut das Projekt „LandsAid“, mit dem Reisch in die Türkei gereist ist. Es hilft diesen Familien zu überleben. Mit Essenspaketen, Hygiene- und Babyartikeln. In Zeiten der Corona-Pandemie auch mit Masken. Laut „LandsAid“ befinden sich in der Region um Izmir circa 150.000 bis 200.000 Migrant:innen, die Hälfte davon in illegalen Camps. Der Großteil von ihnen sei aus Syrien, erklärt Reisch. In den notdürftig zusammen gezimmerten Camps hausen ihm zufolge vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen in prekären Zuständen - ohne staatliche Hilfe, ohne Geld, ohne Arbeit, meist ohne fließend Wasser.

Kapitän Claus-Peter Reisch auf dem Deck des Rettungsschiffes «Eleonore».

Während er mit Merkur.de* spricht, steht Reisch am Hafen von Izmir, wie er erzählt. Es sei warm, die Menschen trügen bereits frühlingshafte Kleidung, berichtet er. Aufgrund der Pandemie hätten alle eine Maske auf, auch Kinder, die auf Fahrrädern unterwegs seien. Er hat sich zurückgezogen, um in Ruhe telefonieren zu können. Um zu beschreiben, was auch für ihn als erfahrenen Seenotretter kaum zu glauben sei. Von „Elendslagern“ spricht er, kleinen Camps, die größtenteils aus Plastikplanen bestünden.

„Ich glaube, ich darf sagen, ich habe schon einiges gesehen, aber das was ich da sehen musste, hat mich emotional sehr berührt“, sagt Reisch. Auf Twitter hatte er bereits vor dem Telefonat Fotos der Zustände geteilt. Eines zeigt eine alte Frau, inmitten eines der Camps, umgeben von Kindern und jungen Frauen, auf einen Stock gestützt.

In den Camps in der Türkei leben vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen.

„LandsAid“ unterstützt syrische Geflüchtete in der Region um Izmir - Menschen leben in prekären Lagern

Zehn Jahre. Fünf Jahre EU-Türkei-Deal. 1833 Tage. „Die Geflüchteten finden einen Landbesitzer, der sie auf seinem Gelände campieren lässt. Wenn sie Glück haben, stellt er ihnen einen Wassertank hin und füllt diesen auf. Dann haben sie Glück. Alles andere bleibt ihnen überlassen. Die heben sich dann ein Loch als Toilette aus. Wenn es regnet, versinken die Camps in Schlamm. Die Menschen haben keine vernünftigen Schuhe. Es ist erschütternd“, schildert Reisch seine Eindrücke: „Die Leute leben buchstäblich im Dreck.

Überall auf dem Land verteilt befinden sich diese kleineren Camps. Das Ziel von „LandsAid“ sei es, neben der Versorgung, die Geflüchteten von der lebensgefährlichen Reise nach Europa abzuhalten. Ein schwieriges Unterfangen, angesichts der Verzweiflung und der katastrophalen Bedingungen in den Camps.

„Die Menschen setzen sich in der Hoffnung, dass es in Griechenland* besser ist, in irgendwelche untauglichen Boote“, sagt der 60-Jährige. Trotz der Gefahr, auf dem Weg dorthin zu kentern und zu ertrinken. Eine der Aufgaben des Hilfsprojekts sei es daher, die Menschen darüber aufzuklären. „Wenn man dafür sorgt, dass es den Menschen einigermaßen gut geht, dass der Druck, sich woanders hinzubewegen, nicht da ist, dann machen sich weniger auf den Weg.“ Er berichtet, was sich die Helfer:innen vor Ort erschüttert erzählen: Von einer fünfköpfigen Familie, die das Projekt über ein Jahr hinweg betreut hatte. Und die sich dennoch in eines der Boote setzte. Es habe keine Überlebenden gegeben. „Die Abschottungspolitik, die als Folge der EU-Türkei-Erklärung eingeführt wurde, hatte verheerende Folgen für die geflüchteten Menschen, die in Europa Sicherheit und Schutz suchen“, berichtet die humanitäre Hilfsorganisation „International Rescue Committee“ (IRC).

80 Prozent der Geflüchteten, die rund um Izmir leben, stammen dem Hilfsprojekt „LandsAid“ zufolge aus Syrien.

Syrische Geflüchtete auf dem Weg nach Europa - Tausende leben rund um Izmir in inoffiziellen Camps

Das Geflüchtetenlager Moria auf der griechischen Insel Lesbos wurde zum Symbolbild der Migrationsbewegung nach Europa. Als das Lager in Brand geriet, lenkte dies vergangenes Jahr den Blick der Weltgemeinschaft auf die Zustände vor Ort. Für eine Weile. Auf dem EU-Gipfel ab dem 25. März, steht das EU-Türkei-Abkommen auf der Agenda. Wie die Deutsche Welle berichtete, ist das finanzielle Hilfsprogramm für die Geflüchteten in der Türkei bereits für ein weiteres Jahr verlängert worden. Die Situation der Migrant:innen in der Türkei ist weniger Menschen bekannt als die Elendslager auf den griechischen Inseln.

Den Namen Moria kennt jeder, die kleinen zersplitterten Camps rund um Izmir nicht. „Ein paar Kilometer weiter ist die Not mindestens genauso groß, aber es weiß keiner davon“, sagt Claus-Peter Reisch. Was die Perspektive dieser Menschen sei? „Die Perspektive ist, dass man schauen muss, dass die Menschen durch Nahrungsmittel am Leben bleiben. Das sie überleben können.“ Zehn Jahre. Fünf Jahre EU-Türkei-Deal. 1833 Tage.

Der EU-Türkei-Deal

Die Türkei soll ohne Anspruch auf Asyl nach Griechenland geflüchtete Menschen zurücknehmen und die Grenzen verstärkt kontrollieren, um Migrant:innen an der Flucht in Richtung Europa zu hindern. Dafür nehmen die Mitgliedstaaten der EU die gleiche Zahl an geflüchteten Syrer:innen aus den Lagern der Türkei auf. Im Gegenzug sollen mit sechs Milliarden Euro aus Brüssel die in der Türkei lebenden Geflüchteten unterstützt werden. Ein Grundgedanke war, Menschen von der gefährlichen Reise über das Mittelmeer abzuhalten und diejenigen mit Asylanspruch besser zu versorgen. In der Realität verwandelte sich die griechische Insel Lesbos zur äußeren Festungsmauer Europas, an der Menschen teilweise Jahre auf ihren Asyl-Bescheid warten - oder darauf, in die Türkei zurück geschickt zu werden.

Die Zahl, der über das östliche Mittelmeer in die Europäische Union geflüchteten Menschen hat seitdem tatsächlich abgenommen. Dem UN-Flüchtlingskommissariat zufolge kamen 2015 noch rund 857.000 Geflüchtete an, 2019 nur noch knapp 60.000. In der Türkei* selbst leben laut UNO-Flüchtlingshilfe (Stand 2019) über 3,6 Millionen syrischer Geflüchtete. Knapp 29.000 Menschen nahmen die EU-Staaten in dieser Zeit insgesamt auf - deutlich weniger als im EU-Türkei-Deal vereinbart. Die Corona-Krise verschärfte die Situation der Geflüchteten noch. Die Türkei verweigerte die Rücknahme der Geflüchteten, die EU stoppte die Aufnahme. Seit August 2020 nimmt die Europäische Union wieder Syrer:innen auf. Das Abkommen entwickelte sich zunehmend zu einem politischen Druckmittel der Türkei auf die EU, die beispielsweise vergangenes Jahr die Grenze zu Griechenland vorübergehend für offen erklärte.

(aka) *Merkur.de ist ein Angebot von Ippen.Media.

Rubriklistenbild: © Claus-Peter Reisch

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