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Bergung von Flüchtlingen im Mittelmeer

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Kommentar zu Flüchtlingen: Wir müssen das schaffen

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Deutschland ist zerrissen. Nicht nur, aber auch durch die Flüchtlingskrise. Doch trotz aller widerstreitender Bilder, Gedanken und Gefühle sieht Kommentator Michael Kluger nur eine vernünftige Botschaft: Wir müssen das schaffen - gemeinsam.

Geheilt ist noch gar nichts. Auch nach Kramp-Karrenbauers Werkstattgesprächen nicht, nicht in der CDU, nicht im Land, nicht in Europa. Im vierten Jahr nach dem Beben, das die Welt durcheinandergeworfen hat wie lange nichts und das wir mit dem Begriff Flüchtlingskrise abkürzen, sind die Risse und Gräben noch deutlich spürbar. Vieles hat sich beruhigt, manches ist zugedeckt. Aber man kann sich Ereignisse vorstellen, die es im Handumdrehen wieder aufreißen.

Nach wie vor gehen die Trennungen durch Parteien, Gesellschaft, durch jeden Einzelnen.Wir alle haben oft verwirrende, widerstreitende Bilder, Gedanken und Gefühle in uns: Bilder eines apokalyptischen Bürgerkriegs in Syrien, Bilder von Zerstörung und Leid. Die Marschkolonnen der Elenden. Gesten der Hilfsbereitschaft und der Großzügigkeit. Überforderung. Chaos. Zweifel. Ohnmacht. Den Terror. Blut und Tote im eigenen Land. Sexuelle Übergriffe. Missbrauch der Gastfreundschaft. Leichen vor den Küsten und Urlaubsstränden des Mittelmeers. Rechte Aufmärsche, linke Tiraden. Wut, Trauer, Ohnmacht, Hader, Hass. Es ist noch längst nicht abgeklungen.

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Wir brauchen Antworten für den Zusammenhalt

5. September 2015: Drei junge Frauen stehen am Frankfurter Hauptbahnhof mit einem „Refugees Welcome“-Begrüßungsplakat.

Manche Bilder sind zu Ikonen geworden: Merkel und das Selfie, das angeschwemmte tote Kleinkind am Strand, der Lastwagen auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, überfüllte Schlauchboote. Jeder redliche, verständige Mensch mit Herz hat auf all das keine schlichten Antworten, bis heute nicht. Aber Antworten müssen gegeben werden: für den Zusammenhalt, für das Zusammenleben in der Zukunft.

Denn nichts ist mehr rückgängig zu machen. Die Diskussionen über Fehler, Schuld und Verantwortung sind in aller Härte und bis zur Erschöpfung geführt worden. Doch wichtiger als in der Endlosschleife der immergleichen Vorwürfe und Verdächtigungen, der ideologischen Selbstverklärung, der wohlfeilen Parolen und offenen Ressentiments zu verharren, ist es, mit den Realitäten fertig zu werden, wie sie nun sind – im Alltag, in den Kindergärten, den Schulen, im menschlichen und politischen Umgang in der von allen geteilten Lebenswelt. Vor allem: Ist schon alles geschehen, um künftige Kontrollverluste zu verhindern? Die Zweifel überwiegen.

Markige Sätze ohne Konsequenzen sind sinnlos

Michael Kluger

Selbst die markigsten Sätze, selbst der heiligste Zorn und das erhabenste Pathos prallen an der Wirklichkeit ab und werden sinnlos, wenn sie einerseits keine politischen Folgen, andererseits keine Konsequenzen im Konkreten haben. Werkstattgespräche mögen für die Befindlichkeit einer Partei so wichtig und nötig sein wie Sitzkreise in der Therapie, aber die Wahrheit ist: Wir alle leben und arbeiten in der Werkstatt dieses Landes. Ob etwas Gutes dabei herauskommt, entscheidet sich jeden Tag daran, ob wir die Werkzeuge beherrschen und richtig einsetzen, ob wir eine klare Vorstellung davon haben, was und wie es werden soll. Und daran, dass wir zusammen arbeiten, auch mit Lehrlingen, um die wir uns bemühen müssen, damit aus ihnen etwas wird. Anstrengen müssen sie sich jedoch allemal selbst, das ist ihre erste Pflicht.

Flüchtlingskrise bringt Deutschlands Zerrissenheit ans Licht

Die Flüchtlingskrise hat Europa so erschüttert wie zuletzt wohl nur der Fall der Mauer und der Zusammenbruch des kommunistischen Zwangssystems. Auch damals hat man sich in Deutschland sehr lange mit rechthaberischen Debatten über die Abwicklung der Vergangenheit aufgehalten, statt die Realitäten ins Auge zu fassen und Pläne für die Zukunft zu entwickeln. Bis in die Gegenwart geht durch die Mitte der Republik ein Riss, der den Osten vom Westen trennt. Dass die Flüchtlingskrise diese Zerrissenheit so brutal wie nie zuvor ans Licht gebracht hat, ist eine bittere Ironie.

Eine andere ebenso bittere, vielleicht aber auch Augen öffnende Ironie liegt darin, dass es Merkels von vielen wie Hohn oder als Ausdruck einer bizarren Entrücktheit empfundener Satz „Wir schaffen das“ ist, der als Appell die einzig vernünftige Botschaft an die Gegenwart enthält: Wir müssen das schaffen – wir alle gemeinsam, sonst ist uns nicht geholfen. Niemand wird diese Arbeit für uns erledigen, niemand kann vor ihr davonlaufen. Denn die Werkstatt heißt Realität. Darauf zu hoffen oder gar zu warten, dass einer kommt und das Land erlöst, ist bestenfalls fahrlässig, schlimmstenfalls gefährlich.

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