Wie „Framing“ unsere Sichtweise verändert

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Wir können die Welt nicht anschauen, ohne sie in einem bestimmten Rahmen (Frame) zu interpretieren. Die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling hat der ARD empfohlen, mit bestimmten Frames für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu werben. Der WDR distanziert sich nun von dem teuren Gutachten. Aber auch die Regierung versucht, ihre Gesetze immer schöner zu verpacken.

Wenn Sie demnächst in der Kneipe mal über die hohen Rundfunkgebühren schimpfen, für die Sie nach Ihrer Meinung gestern im Fernsehen wieder mal keine gescheite Gegenleistung bekommen hätten, kann es sein, dass Ihr Gegenüber aufsteht und empört sagt: „Was fällt Ihnen eigentlich ein, unseren gemeinsamen öffentlichen Rundfunk zu kritisieren, der für einen kleinen Unkostenbeitrag jeden Abend unsere Demokratie rettet.“

Wenn Ihr Gegenüber so oder ähnlich redet, ist es wahrscheinlich Mitarbeiter der ARD und wurde auf einem Workshop mit dem Gutachten von Elisabeth Wehling geschult. Über das Papier wird seit Wochen heftig diskutiert. Die Linguistin sollte einen positiven Argumentationsrahmen (Frame) für die ARD entwickeln. Da das vor zwei Jahren vorgelegte Gutachten den Gebührenzahler immerhin 120 000 Euro gekostet hat und nicht nur der internen Kommunikation dienen sollte, sondern vor allem auch der Selbstdarstellung des Rundfunks nach außen, ist es durchaus legitim, genau hinzuschauen. Letztlich geht es darum, dass sich hier eine Institution ihre kommunikative Selbstverteidigung von Kunden finanzieren lässt, die gar keine andere Wahl haben, als zu zahlen. Ein Zeitungsleser, dem eine Unternehmensstrategie nicht gefällt, kann das Abo kündigen, ein Gebührenzahler nicht (mehr). Um ihrem Auftraggeber Munition zu liefern, hat sich Wehling weit vorgewagt. So empfahl sie der ARD, um die eigene Gemeinnützigkeit zu unterstreichen, Privatsender als „medienkapitalistische Heuschrecken“ zu bezeichnen.

Die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist in den vergangenen Jahren aber weniger durch die Privaten, sondern vielmehr aus zwei anderen Gründen unter Druck geraten: Zum einen sind die Gebühren, die jetzt nicht nur Fernseh- und Radionutzer, sondern alle Computerbesitzer zahlen müssen, von einer flächendeckenden Steuer nicht mehr zu unterscheiden. Da nutzt es wenig , wenn man die Gebühren, wie Wehling will, als eine Art Spende für den guten Zweck, „unseren freien gemeinsamen Rundfunk“ deklarieren will. Zum anderen wird der gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunk, also auch das ZDF, kritisiert, seit die Sender zumindest zu Beginn der Flüchtlingskrise im September 2015 recht einseitig im Sinne der Willkommenskultur berichteten. Dass die Angriffe vor allem von der politischen Rechten kommen (die Kritik an der „Zwangsabgabe“ für den Rundfunk war schon Thema bei den ersten „Pegida“-Demonstrationen), heißt nicht, dass die Vorwürfe im Kern falsch sein müssen. Aber vor diesem „rechten“ Hintergrund ist es interessant, dass die ARD mit Elisabeth Wehling just jene Framing-Expertin mit dem Gutachten beauftragt hat, die in der Flüchtlingskrise bekannt geworden ist. Sie kritisierte damals ebenfalls die Berichterstattung der Medien, aber von links. Sie prangerte das negative Framing und „Setting“ an, in dem oft über die Flüchtlingkrise berichtet worden sei. Worte wie Flüchtlingskrise, -welle oder -flut weckten laut Wehling Ängste. So werde nicht mehr der einzelne Flüchtling in seiner Not gesehen, sondern nur eine bedrohliche Masse.

Schöne neue Welt

Der Zeitungswissenschaftler Professor Michael Haller legte dann im Sommer 2017 allerdings eine Studie vor, nach der es in der Flüchtlingswelle genauso ein positives Framing gegeben habe. Zum Beispiel mit dem Begriff Willkommenskultur. Er war in der Zeit der rot-grünen Schröder-Regierung „erfunden“ worden, um qualifizierte Migranten zu motivieren, nach Deutschland zu kommen. Dann wurde der Begriff aber zunehmend für Zuwanderung jeder Art verwendet – und hatte 2015 quasi ein positives Migrationsklima geschaffen. Es ist vor diesem Hintergrund interessant, dass Wehling, die sich mit ihrer Einführung des „Framing“-Begriffs in die Flüchtlingsdebatte als kritische Wissenschaftlerin profilierte, sich für eine Auftragsarbeit bezahlen ließ, in der die Bedeutung moralischer Prämissen klar vor der von Fakten rangiert. Das ist umso überraschender, da doch von der politischen Linken immer betont wird, wie wichtig es sei, sich mit Fakten gegen die Rechtspopulisten zu stemmen. Aber Wehling fordert in ihrem Gutachten ausdrücklich ein „moral framing“, man solle direkt mit moralischen Prämissen in Debatten einsteigen. Wenn Wehling der ARD empfiehlt, nur noch von „unserem gemeinsamen Rundfunk“ zu sprechen oder negativ besetzte Worte wie „Steuerlast“ zu vermeiden, ist der Neusprech von Georgs Orwells „1984“ nicht weit.

Trend zum Schönsprech

Die ARD betont, das Gutachten sei nur Diskussionsgrundlage gewesen, aber verharmlosen sollte man das Ganze nicht. WDR-Intendant Tom Buhrow distanzierte sich von dem Papier und nahm den Begriff „Sprachpolizei“ in den Mund: „Wenn nur noch bestimmte Worte benutzt werden sollen, mache ich nicht mehr mit.“ Das Gutachten von Elisabeth Wehling, die mal bei einem Auftritt in „Hart aber fair“ vom Moderator ermahnt wurde, verständlicher zu sprechen, fügt sich in eine eventuell von teuren Beratern empfohlenen Trend zum Schönsprech in der deutschen Politik ein. Das Ganze kommt harmlos daher, ist aber dazu geeignet, den Blick zu verstellen, also die Realität schön zu rahmen. Das ist, wie wenn man einen schönen Strand zeigt und der dort liegende Müll fehlt. Bei diesem Framing tut sich in jüngster Zeit die SPD besonders hervor. So hat Familienministerin Franziska Giffey, um die früher üblichen Wortungetüme für Gesetze zu vermeiden, zuletzt zu infantilen Formulierungen wie Gute-Kita-Gesetz und Starke-Familien-Gesetz gegriffen. Arbeitsminister Hubertus Heil wollte da mit seiner Respekt-Rente nicht nachstehen. Der positiv klingende Begriff kaschiert, dass die „einfache Rente“ oft nicht zum Leben reicht. Das liegt etwa, wie man zynisch anmerken könnte, daran, dass das „Doppelt-Kassier-Gesetz“ Empfängern schmaler Betriebsrenten den doppelten Kassenbeitrag abverlangt. Auch wenn Arbeitslose künftig Bürgergeld statt Hartz IV erhalten, wie es die SPD will, hat sich die Lage von Arbeitslosen nicht wirklich verbessert. Das passt aber zur Diagnose von SPD-Chefin Andrea Nahles. Sie begründete die Wende ihrer Partei in der Sozialpolitik kürzlich so: Die sozialen Leistungen, die „unter“ Hartz IV ausgezahlt worden seien, wären zwar in Ordnung gewesen, aber nicht die Atmosphäre, in der dies passiert sei. Was ist entscheidend, die Sache oder der schöne Rahmen? Wie sang Nahles doch mal kritisch in Richtung Merkel: „Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“

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