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Dr. Lothar Schrod ist für die geplante Impfpflicht.

„Todesfälle sind möglich“

Interview mit dem Frankfurter Chefarzt Dr. Lothar Schrod über die Schrecken der Masern und die Impfpflicht-Pläne

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will mit Bußgeldern und Kita-Verboten alle Familien zu Masern-Impfungen zwingen. Beim Koalitionspartner SPD und der Ärzteschaft stößt das auf Zustimmung. Auch bei Dr. Lothar Schrod. Der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Frankfurt-Höchst hat bereits Patienten wegen Masern verloren. Das Interview führte Sven Rieber.

Haben Sie den Eindruck, dass in Deutschland die Gefahren von Masern teils unterschätzt werden? 

Ja, unter- aber teils auch überschätzt. Wenn einmal Masern auftreten, wirken manche Reaktionen auch etwas übertrieben.

Warum sind Masern gefährlich? 

Weil der Verlauf bei Erkrankten sehr unterschiedlich sein kann. Vor allem in Drittweltländern können noch immer viele Kinder während der akuten Erkrankung an bakteriellen Komplikationen sterben. Bei uns ist dies zwar selten der Fall, aber bei etwa einem von Tausend Erkranken kommt es zu einer akuten Hirnentzündung. Von diesen sterben statistisch zehn Prozent, weitere 20 bis 30 Prozent behalten Schäden wie Intelligenzstörungen oder andere neurologische Ausfälle zurück. Obendrein gibt es bei Kindern, vor allem jene, die bereits im Säuglingsalter infiziert werden, die Gefahr einer späten Hirnentzündung, der sogenannten SSPE. Diese bricht dann verzögert im Alter von fünf bis zehn Jahren aus. Für diese Kinder gibt es keinerlei Hoffnung auf Heilung. Die Todesrate liegt da bei 100 Prozent.

Wie verlief ihr persönlich dramatischster Masern-Fall? 

Tödlich. In meiner Zeit als Arzt hatte ich bislang leider zwei Masern-Tote.

Vermutlich unterstützen Sie dann den Gesetzentwurf aus dem Gesundheitsministerium, Masern-Impfungen durch Bußgelder zu erzwingen? 

Absolut.

Der Entwurf zielt nur auf Kinder ab. Ist eine Impf-Pflicht für Erwachsene nicht sinnvoll? 

Doch, wäre es sicher. Die Sache ist doch die: Wenn es gelingen würde, einmal alle Menschen auf der Welt gegen Masern zu impfen, dann wären die für immer ausgerottet, weil es sich um ein rein Menschen-bezogenes Virus handelt.

Wie ist der Krankheitsverlauf bei Erwachsenen?

Erwachsene Menschen haben oft einen schwereren Krankheitsverlauf als Schulkinder. Säuglinge und Erwachsenen sind von Komplikationen bei Masern häufiger betroffen als Kinder im Grundschulalter.

Die Statistik zeigt, dass sich in Deutschland teils eine Impfmüdigkeit breit macht. Woher kommt das? 

Da muss man etwas unterscheiden. Eine eigentliche Impfmüdigkeit sehe ich vor allem bei Erwachsenen. Viele machen sich einfach keine Gedanken über ihren Impfschutz. Wenn ich danach frage, höre ich ganz oft: „Ach, das weiß ich gar nicht.“ Es ist leider die Realität, dass viele Menschen einfach nicht ihren Impfstatus kennen, nie in ihr Impfbuch schauen und es oft nicht einmal mehr finden.

Aber doch nicht bei Kindern? 

Nein, darum sage ich auch, dass es meines Erachtens keine allgemeine Impfmüdigkeit gibt. Wenn sich Eltern gegen Impfungen für ihre Kinder aussprechen, dann ist das meistens eine bewusste Entscheidung, weil sie in der Regel meinen, das sie irgendwelche Komplikationen fürchten müssen. Mit Müdigkeit hat das nichts zu tun.

Was sind denn die Nebenwirkungs-Gefahren bei einer Masern-Impfung? 

Das ist unterschiedlich. Man muss sich bewusst machen, dass nicht alle Menschen immunologisch gleich sind. Es handelt sich um einen sogenannten Lebendimpfstoff. Dieser bestehen aus Viren, die so abgeschwächt sind, dass sie sich zwar noch vermehren, die eigentliche Krankheit aber nicht mehr auslösen können. Bei fünf bis zehn Prozent der Geimpften kann es aber vorkommen, dass sie nach drei bis fünf Tagen Symptome einer sehr abgeschwächten Masern-Erkrankung bekommen. Zum Beispiel Unwohlsein, leichtes Fieber oder einen flüchtigen Ausschlag.

Aber keine gefährlichen Nebenwirkungen? 

Nein.

Ausnahmen? 

Bei Menschen die eine schweren Immundefekt haben, der meistens durch einen Gendefekt hervorgerufen wird, muss man auf eine Masern-Impfung verzichten. Das sind aber sehr seltene Ausnahmen.

Bietet die Impfung eigentlich einen 100-prozentigen Schutz gegen die Krankheit? 

Dass kann von keiner Impfung behauptet werden. Unser Immunsystem reagiert individuell unterschiedlich. Einzelne Impfversager gibt es immer, wie auch die natürlichen Infektionen bei uns ganz unterschiedlich schwer verlaufen. Wir gehen aber davon aus, dass nach einer Impfung 98 von 100 Geimpften vor einer Infektion mit dem Masern-Wildvirus gefeit sind.

Zur Person:

Dr. Lothar Schrod ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Frankfurt Höchst. Er hat Lehraufträge an den Medizinischen Fakultäten der Universitäten Würzburg und Frankfurt und ist unter anderem Mitglied der Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin und der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Er hat selbst sechs Kinder im Alter zwischen neun und 35 Jahren.

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