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Modern und smart: Matthias Horx mit Laptop standesgemäß beim ?Future Expert Day? (Zukunftsexpertentag) in Berlin.

Matthias Horx im Interview zu Terror-Angst, Trump und Klimawandel

Frankfurter Zukunftsforscher : "Es gibt die Pflicht zur Zuversicht"

Matthias Horx empfiehlt Gelassenheit in schweren Zeiten. Wir sollten uns nicht von Angst und Hysterie treiben lassen, lautet sein Credo. Dieter Sattler sprach mit dem Frankfurter Zukunfts- und Trendforscher.

Wenn die Menschen zum Jahreswechsel in die Zukunft schauen, meinen Sie, sie müssten das mit Angst tun?

HORX: Ihre Frage „Müssen wir Angst haben?“ ist die am meisten gestellte in der deutschen Öffentlichkeit. In deutschen Talkshows ist das gleichsam die Eröffnungsfrage, durch die die Zuschauer auf die Angst eingenordet werden. Angst ist heute eine Art Legitimation geworden: Wer Angst hat, legitimiert seine Deutungsmacht, er „darf“ sprechen, er „muss“ sich empören. Das führt immer mehr in den Sumpf des Populismus, der ja auch durch und durch mit der Angst argumentiert. Wir leben in einer Hysterisierung des Gesellschaftlichen, die etwas mit der Übermacht des Medialen in einer Netzwerkgesellschaft zu tun hat. Angst ist das Mittel, mit der die knappe Ressource Aufmerksamkeit ausgebeutet wird. Und deshalb, glaube ich, müssen wir von dieser fatalen Frage loskommen: „Müssen wir Angst haben?“ Sobald diese Frage so gestellt wird, reagiert das menschliche Hirn mit einer doppelten Bejahung. Wer Angst beschwört, bekommt sie immer. Wir können auch Zuversicht haben. Ich glaube sogar, dass es so etwas gibt wie eine PFLICHT zur Zuversicht.

Im Zukunftsreport Ihres Instituts zitieren Sie die Politologin Esra Küçük, die sagt, wir müssen den Mut haben, keine Angst zu haben ..?

HORX: Esra Kücück hat verstanden, dass wir als Gesellschaft neue Kulturtechniken der Angstmoderation brauchen. Das postfaktische Zeitalter erfordert von uns allen einen gewissen Mut, sich dem Dräuen und Schlechtreden von ALLEM – von der Demokratie über den Wohlstand bis zu den Menschenrechten – entgegenzustellen. Die Leute haben regelrecht Halluzinationen, was die Entwicklung der Welt anbetrifft, und all die positiven Trends, die es auf der Welt eben auch gibt, werden überhaupt nicht mehr wahrgenommen.

Akzeptiert. Aber man kann auch nicht verhehlen, dass sehr viele Menschen, auch ich, sich vom Anschlag in Berlin fast persönlich getroffen fühlen. Wie soll man damit umgehen?

HORX: Erwachsensein ist die Integration von Angst ins Leben. Das Leben kann nie völlig sicher sein; ein erwachsener Mensch weiß das. Wir können auch ohne Angst nicht leben, denn Angst hat ja einen Sinn: Uns auf Gefahren hinzuweisen. Aber in der hysterisierten Gesellschaft geht das Maß für die Gefahren verloren. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir durch einen Treppensturz ums Leben kommen, ist immer noch ungefähr hundertmal so hoch wie durch ein terroristisches Attentat. Der Terrorismus nutzt unsere Angst, um sein Spiel zu spielen. In der überbordenden Angst entsteht die Infektion des Hasses – Hass ist ja nichts anderes als kompensierte Angst. Menschen, die Angst haben, hassen, um sich zu entlasten.

Die Sicherheits- und Flüchtlingsdebatte hat unsere Gesellschaft polarisiert. Wo sehen Sie das einigende Band, das uns wieder zusammenführen kann?

HORX: Moderne Gesellschaft ist ja, wie der Soziologe Armin Nassehi in seinem Buch „Die letzte Stunde der Wahrheit“ ausführt, immer ein Konglomerat von Vielheiten, eine Moderation von Unterschieden. Nassehi spricht von „Übersetzungskonflikten“, die entstehen, weil es eben einfach viele verschiedene Sichtweisen, Gruppen, Schichten, Subkulturen und Interessen gibt. Wir brauchen deshalb partizipatorischere Formen von Demokratie, aber dabei geht es nicht darum, einfach nur Volksabstimmungen auszurufen, die, wie man sieht, fatal funktionalisiert werden können. Nehmen wir zum Beispiel die Flüchtlingsdebatte. Da ist es in der Tat so, dass Europa ein großes Problem hat, weil es sich bei einer so großen Flüchtlingswelle nicht darauf einigen kann, wer die Kosten tragen und wer Flüchtlinge integrieren will. Dadurch entsteht eine Situation, dass man entweder Humanität, Empathie und Menschenrechte kippen muss , riesige Zäune bauen und Grenzen schließen muss. Das wäre fatal. Oder man denkt sich einen neuen konstruktiven Weg aus, in dem es so etwas wie einen MARKT für Flüchtlinge gibt. Genau das hat eine Initiative der Europäischen Union gemacht, an der auch Gesine Schwan intensiv beteiligt war. Die Idee war, das „Problem“ von der Nachfrageseite her, von der LÖSUNG her anzugehen. Man verteilt das Geld für Flüchtlinge an jene Kommunen, die sagen, wir WOLLEN Flüchtlinge, weil wir vielleicht ein demographisches Problem haben, und dringend Arbeitskräfte, neue Bürger suchen, Leute, die auch Handarbeit machen können.

Gab es positive Reaktionen?

HORX: Ja, es gab schon in der ersten Runde Anfragen für fast 200 000 Flüchtlinge in ganz Europa, in Deutschland etwa aus Goslar, und sogar Großstädte in Polen, wie Breslau, hatten Interesse. In Spanien hat sich ein ganzes Stadtnetzwerk gebildet, das Flüchtlinge aufnehmen will. Bei diesem Beispiel wird die sonstige Logik umgedreht. Von diesen sozialen Innovationsformen brauchen wir natürlich noch viel mehr, und so was funktioniert nicht sofort perfekt, man muss es entwickeln. Auf diese konstruktive Weise über Zukunft nachzudenken, ist die Aufgabe, die wir uns im Zukunftsinstitut gesetzt haben. Wir denken dabei nicht so sehr vom Problem, sondern von Lösungen her. Je mehr man auf ein Problem starrt, desto größer wird es.

Aber mit dem künftigen US-Präsidenten Trump könnte doch ein großes Problem auf die Welt zukommen?

HORX: Jeder Trend produziert einen Gegentrend. Vielleicht ist Trump ja als eine anarchisch-kreative Störung des politischen Routinesystems zu bewerten, das uns in den letzten Jahrzehnten begleitet hat. Ob Trump am Ende für die Weltordnung nicht vielleicht sogar einen positiven Impuls setzt, das wissen wir noch nicht. Und dadurch, dass durch seinen Stil so viel infrage gestellt wird, an Demokratie, an Freiheit, an Offenheit, formieren sich auch die Gegenkräfte. Manchmal braucht man auch einen Gegner, einen richtigen Idioten, um zu wissen, wo man steht.

Wir hatten vorhin von den polarisierten Gesellschaften geredet, die ja auch auch politisch ein starkes Stadt-Land-Gefälle aufweisen, was teilweise zu Brexit und zu Trump geführt hat und in Ostdeutschland sicher die AfD stärkt. Haben Sie eine Idee, was man gegen das Sich-abgehängt-fühlen der ländlichen Bevölkerung tun kann?

HORX: Es gibt Tausende von zivilgesellschaftlichen Initiativgruppen, die sich mit dieser Frage beschäftigen: Wie kann man Gemeinden oder Kommunen wiederbeleben? Wie kann man wieder Geist in die Region bringen? Es gibt viele Beispiele in Deutschland, in denen man aussterbende Dörfer und Regionen „umgedreht“ hat. Das kann in kleinen Initiativen beginnen, indem Gemeinden ein gemeinschaftliches genossenschaftliches Gasthaus bauen oder ein eigenes Transportnetzwerk entwickeln, damit auch die Älteren mobil bleiben können. Aus Industrieregionen können erfolgreiche Dienstleistungscluster werden, durchaus. Es gibt viele Initiativen mit tollen Bürgermeistern, die sich wirklich für ihre Regionen einsetzen, oft sehr erfolgreich. Haben Sie davon jemals was in den Medien gelesen?

Kann man so wirklich alle abgehängten Kommunen retten?

HORX: Natürlich kann nicht jede Region immer gewinnen. Es gibt aber in Deutschland ländliche Gebiete, in denen die Bevölkerung zunimmt und auch die Arbeitsplätze zunehmen und die Geburtenrate hoch ist. Es gibt andere Regionen, die muss man wahrscheinlich auf Dauer räumen, weil sich da nichts ansiedeln lässt, und dann entstehen dort vielleicht schöne Naturschutzgebiete. Die Idee, dass die Bevölkerung in einer mobilen Welt immer konstant bleibt, ist eine Illusion. Entscheidend ist dabei, ob eine neue konstruktive Kommunalpolitik entsteht, in der es zu höheren Kooperationen zwischen den Bürgern kommt. Und dabei spielen die Bürgermeister eine entscheidende Rolle. Sie sind die Integratoren der lokalen Demokratie; auf der kommunalen Ebene funktioniert das Demokratische ja sehr gut, weil hier alle Entscheidungen konkret und wenig ideologisch sind. Deshalb hat sich im Jahr 2016 das „Global Parlament of Mayors“ gebildet, das globale Parlament der Bürgermeister. Die Bürgermeister können viel schneller auf Wandel reagieren als nationale Parlamente. Zum Beispiel haben sich hunderte von Großstädten weltweit längst auf CO2-Reduktionsziele festgelegt. Die Zukunft der Politik ist eine Politik des Urbanen.

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Viele Umweltengagierte haben die Sorge, dass durch die aktuellen Debatten das Thema vergessen oder zumindest überlagert wird, das auf Jahrzehnte gerechnet wohl doch das größere ist?

HORX: Warum denken wir immer so negativ? Ich bin ein Kind des Kalten Krieges, und wir alle hatten in den 80ern das Gefühl, dieser Ost-West-Konflikt, diese nukleare Bedrohung, wäre niemals lösbar. Plötzlich über Nacht konnte man es lösen. Oder Sie erinnern sich, als Aids aufkam, hat man gesagt, das ist jetzt das Ende der freien Welt, der freien Liebe. Es wird schrecklichste Diskriminierung geben, Überwachung von Sexualverhalten, Internierung von Schwulen und so weiter. Was passierte, ist das genaue Gegenteil: eine Toleranzwelle. Ich würde einfach mal auch beim Klimawandel die These wagen: Wir werden das managen. Wir werden den CO2-Ausstoß in der Tat reduzieren, und dafür gibt es viele Anzeichen, z.B. dass inzwischen schon der Peak der CO2-Produktion Chinas erreicht worden ist. Viel früher als erwartet. Damit hat keiner gerechnet. Dass Trump seinen dummen Satz, „Global Warming“ sei eine Erfindung der Chinesen, als allererstes revidiert hat, ist kein Zufall: Er hat gemerkt, dass die erneuerbaren Energien ein gigantischer aufstrebender Wirtschaftssektor sind – gegen die er gar nicht ankommt mit seiner Kohle-Nostalgie. Man nennt das auch „die normative Kraft des Faktischen“.

Werden wir also das Klima-Minimalziel erreichen, dass die weltweite Durchschnittstemperatur nur um zwei Grad ansteigt?

HORX: Das halte ich zumindest für nicht unwahrscheinlich. Aber dann werden wir womöglich feststellen, dass es immer noch Katastrophen, Überschwemmungen und Stürme gibt. Dann wird uns auch klar werden, dass wir unter Umständen wieder mal zu viel projizieren in einen Zustand der Naturharmonie, der gar nicht erreichbar ist. Es wird immer Naturkatastrophen geben und wahrscheinlich wird es uns danach wieder zu kalt sein.

Und speziell im Wahlkampf wurde schon immer gelogen, oder?

HORX: Politiker „lügen“ ja nicht einfach, sie versuchen, bestimmte Forderungen durchzusetzen, und in komplexen Gesellschaften schaffen sie das eben nicht immer. Die Lügen-Empörung geht aber davon aus, dass Politiker sozusagen Bedarfsmaschinen sind, die dem „Volk“ gefälligst das geben sollen, was „es“ gerne möchte. Wobei man als „Volk“ dann sich selbst definiert… Wenn Sie Wahlkampf machen, brauchen Sie ein Narrativ. Das kann natürlich sein, dass sie dann manches nicht hinkriegen. Das muss nicht gelogen sein. Wenn Sie plötzlich in eine Wirtschaftskrise rutschen, können Sie hinterher den Sozialstaat nicht so weit ausbauen wie sie es wollten, obwohl sie es vielleicht versprochen haben.

Aber von Kohls sogenannter Rentenlüge spricht man heute noch, weil es damals noch als etwas Besonderes wahrgenommen wurde. Oder von der Mehrwertsteuererhöhung der großen Koalition von 2005...?

HORX: Da ging es um zwei Prozent Mehrwertsteuer. Ja, die eine Partei hatte gesagt keine Erhöhung, die andere ein Prozent, dann zwei. Dann wurden drei daraus. Hat das irgendwelche katastrophalen Auswirkungen auf die Wirtschaft gehabt, wie das die schlauen Ökonomen in jeder Talkshow behauptet haben? Nein, es hat damals den Staatshaushalt konsolidiert und das Wachstum angekurbelt.

Da sind wir uns einig. Aber es ist doch mit Trump, AfD und Co. eine gewisse neue Qualität eingetreten, oder?

HORX: Ja, aber das liegt eben daran, dass die Menschen plötzlich gemerkt haben, dass das Faktische ihnen ja auch nicht hilft. Weil es das gar nicht gibt, und weil es unter einem Dickicht von Vermutungen und Übertreibungen verborgen ist. Politik ist immer ein Narrativ, eine Erzählung. Und eigentlich sind die Märchen und die Mythen viel interessanter als die Wirklichkeit. Heute wird in jeder Talkshow von der „zunehmenden Spaltung “ der Gesellschaft geredet, von der „aufgehenden Schere“ und der „grassierenden Armut“ und der „schrumpfenden Mittelschicht“. Wenn man sich damit einmal von der faktischen und soziologischen Seite her beschäftigt, wird einem schnell klar; das ist alles völlig übertrieben, manchmal auch einfach Blödsinn. Aber es funktioniert eben als gigantisches Gerücht in dieser gigantischen Resonanz des medialen und des Gefühligen. Es geht eigentlich um Gefühle. Es geht immer nur um Gefühle. Und dann tritt eben Trump auf den Plan und sagt: OK, wenn ihr Gefühle braucht: Ich geb sie euch! Macht Amerika wieder groß!

Das lässt mich an die alte Frankfurter Schule denken. Der Kreis um Max Horkheimer hat in den 1930er-Jahren analysiert, dass die Linke damals auch deshalb gegen die Faschisten verloren hat, weil sie nicht an die Gefühle, an die Mythen herangekommen ist und diese quasi der Rechten überlassen hat. Sehen Sie da Parallelen zu heute?

HORX: Ja, da ist was dran. In meiner Jugend gab es eine Mythologie der Befreiung von links, die hatte teilweise auch totalitäre Züge. Aber sie hatte auch eine Kern-Vision der kulturellen Befreiung, der Individualisierung, des Aufbruchs, des Rock’n Roll. Wir Frankfurter Spontis haben dafür gestanden, Revolution als kulturelles und psychologisches Projekt zu sehen und nicht als Machtergreifung. Das war der große Unterschied. Und heute kommt die Revolte eben von rechts. Das liegt daran, dass Narrationen von Geborgenheit, von Heimat, von EINDEUTIGKEIT brachliegen. Es gibt niemanden, der quasi das Heimatliche vertritt, auch das Bremsende, die Skepsis gegenüber dem technologischen Fortschritt, der ungebremsten Digitalisierung und Globalisierung. Das ist für uns Zukunftsforscher besonders wichtig, weil sich darin ein fundamentales Defizit des Zukunftsbegriffs ausdrückt: Die Leute glauben nicht mehr an die Zukunft, die ihnen jeden Tag von den „Eliten“ gepredigt wird. Die Welt wird in der subjektiven Wahrnehmung immer schneller, immer unsicherer, immer digitaler und abstrakter, und es gibt eine Menge Menschen, die das für eine Bedrohung halten. Wir brauchen eine Zukunft, in der man wieder heimisch werden kann.

Wenn das die Linke nicht schafft, wird dann der rechte Populismus siegen?

HORX: Wir haben eigentlich einen infantilen Populismus von beiden Seiten. Frau Petry und Frau Wagenknecht argumentieren symmetrisch. Sie vertreten genau dasselbe: Angst machen, zuspitzen, polemisieren, Verschwörungen und Feindbilder schaffen. Aber bei den Rechten finden sich derzeit die rebellischen Potenziale, die größeren Faszinationen. Aber auch die rechte Revolte wird genauso an der Machtergreifung scheitern wie die Linke in den 70er-Jahren – gottseidank. Weil die Formierung, die Gleich-Richtung der Gesellschaft, die das Rechte ja braucht, einfach nicht mehr funktioniert. In einer pluralen Wissensgesellschaft sind die vitalen Gegenkräfte gegen die Formierung viel robuster und resilienter als in der alten Industriegesellschaft von Weimar, die ja tatsächlich vollkommen gespalten war. Wie Mark Twain sagte: „Die Geschichte wiederholt sich nicht, auch wenn sie dazu neigt, sich zu reimen.“

Ein letzter Punkt, der gerade in der ruhigeren Zeit „zwischen den Jahren“ noch angesprochen werden muss, ist der Trend zur Achtsamkeit, den Sie feststellen wollen. Ist so eine Entschleunigung gerade angesichts der Smartphonisierung der Gesellschaft realistisch?

HORX: Ja, jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Wenn immer mehr Menschen das Gefühl haben sie sind überstresst, sie sind überreizt, sie sind ständig digital störbar, sie wissen eigentlich gar nicht mehr, was Wirklichkeit und Beziehung ist, dann entstehen Gegenkräfte zum digitalen Lebensstil. Und Achtsamkeit ist ein Begriff, in dem sich das Bedürfnis nach seelischer, informeller und geistiger Autonomie bündelt. Wir sehen, dass die Gebildeten reihenweise aus dem Fernsehkonsum aussteigen, die schrillen Medien ignorieren. Es gibt einen Trend zum medialen Exodus: Dass man einfach das Internet abstellt, aus Facebook rausgeht, auch das Smartphone unter Umständen abstellt, wieder so etwas wie lokale Intelligenz einübt, also sich wieder auf die Wirklichkeit einlässt – das ist heute weit verbreitet. Die amerikanische Internet-Künstlerin Tiffany Shlain hat diesen Trend zur geistigen Achtsamkeit einmal mit dem Slogan „We learn paying attention to what we are paying attention“ beschrieben (wir lernen auf das zu achten, auf das wir achten).

Das klingt fast nach buddhistischer Gelassenheit…?

Wir brauchen, wenn wir nicht infantil werden wollen, eine Distanz zu den Hysterie-Gefühlen, die die Gesellschaft durchziehen. Wir wissen ja alle, dass es Deutschland gar nicht schlecht geht, dass es tolle Nachbarschaften gibt, positive Entwicklungen gerade in der Ökologie. Ich glaube, wir kommen in eine Phase der neuen Innerlichkeit, wo die Menschen wieder merken, dass ihre Gedanken die Welt formen, und dass die Welt eine Menge Hoffnung bereithält. Das ist der Kern der Achtsamkeit: Dass man wieder Verantwortung für sich und andere übernimmt, anstatt sich dauernd nur hysterisch zu fürchten. Am Ende der linken Revolte Anfang der 80er sind viele meiner damaligen Freunde nach Indien zu Bhagwan gegangen und haben einen anderen, von innen kommenden Ansatz gesucht, als Ausgleich für diese politischen Wahngebilde. An diesem Punkt stehen wir heute wieder, nur dass wir keine Gurus mehr brauchen, sondern eher so etwas wie einen Menschenverstand der Zuversicht.

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