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Stadt gegen Land

Konflikt

Stadt gegen Land

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In den USA, Großbritannien und Frankreich stehen sich die politischen Lager unversöhnlich gegenüber. Die Polarisierung ist auch ein Stadt-Land-Konflikt. Diese Unterschiede sind in Deutschland nicht so krass. Warum? Eine Analyse von Dieter Sattler

Frankfurt - Was haben der Wahlsieg von Donald Trump, die Brexit-Entscheidung und die Demonstrationen der französischen Gelbwesten gemeinsam?

All diese Ereignisse sind auch als ein Aufstand der ländlichen Bevölkerung gegen die eher linksliberale Mentalität zu verstehen, die in den Metropolen herrscht. Die kleineren Städte in der Provinz sind in dieser Hinsicht dem Land zuzurechnen.

Die Menschen dort denken eher konservativ, sind zum Beispiel bei der Zuwanderung eher für Begrenzung als die „Metropolisten“.  Nicht selten haben sie das Gefühl, von den Meinungseliten überfordert und auch übervorteilt zu werden. Zwar ist es nicht so, dass auf dem Land nur sogenannte „Somewheres“ leben, die sich an traditionellen Werten und Vereinen festhalten, und in den Metropolen eben ausschließlich „Anywheres“, die der Globalisierung applaudieren, weil sie die sprachlichen und kulturellen Fähigkeiten haben, im Prinzip an jedem beliebigen Ort der Welt zu leben. Dennoch ergeben sich bei Wahlen eindeutige Mehrheitstendenzen für die jeweiligen Richtungen.

 Im Ergebnis stehen sich in den USA, Frankreich und Großbritannien die beiden Lager so polarisiert gegenüber, dass kaum noch eine gemeinsame Politik möglich ist. Haushaltssperre, Gelbwesten-Aufstand und Brexit stehen für kompletten Stillstand.

Keine Kompromisse

Auffällig ist, dass es in allen diesen Staaten ein Mehrheitswahlrecht gibt. Kompromisse zwischen den Lagern sind nicht eingeübt. Vielleicht erklären sich hierdurch die Unterschiede zu Deutschland, wo es die Differenzen zwischen Stadt und Land ebenfalls gibt, wenn auch nicht in so krasser Form.

Aber das Tempo, in dem sich der Zeitgeist in den Metropolen dreht, ist auch hier atemberaubend: Wer in Deutschland zur Zeit der Schröder-Regierung für ein Partnerschaftsgesetz und ein Einwanderungsgesetz zugunsten von Fachkräften eintrat, galt damals als progressiv. Die Union war damals gegen beides.

Wer aber nur gut zehn Jahre später, 2015/2016, an jener Meinung festhielt und eben deshalb gegen die Homo- Ehe mit Adoptionsrecht und gegen unbegrenzte Zuwanderung war, galt fast schon als reaktionär. Das zeigt, wie schnell sich Einstellungen und Weltbild der Meinungselite in Politik und Wirtschaft ändern. Auf dem Lande herrscht trotz TV-Talkshows und Internet oft noch eine andere Zeitrechnung.

Die unterschiedlichen Mentalitäten kommen ganz gut zum Ausdruck im Metropolen-Blick, den die von Leipzig nach Brandenburg gezogene Juli Zeh auf ihre neue Heimat wirft. Sie spricht von rückständiger Erziehung und Fremdenfeindlichkeit, aber auch von Hilfsbereitschaft und Loyalität. „Die Bindungen zwischen den Menschen sind stark.“ Die Ambivalenz des Landlebens hat Zeh in ihrem Roman „Unterleuten“ beschrieben.

Soziale Unterschiede

Das ruhigere Landleben hat viel mit Ritualen und Gewohnheiten zu tun.  Das wiederum hängt aber wohl auch damit zusammen, dass es gut ausgebildete Menschen, die eher zur Unzufriedenheit neigen und zu den Meinungsbildnern zählen, wegen besserer Jobangebote oft in die Metropolen zieht.

So liegt in den USA der Anteil von Akademikern in der Stadt um 20 Prozentpunkte höher als auf dem Land. In München lässt sich bei gleicher Ausbildung ein um 40 Prozent höheres Einkommen erzielen als in Uelzen, wenn vieles davon auch von höheren Miet- und Immobilienpreisen aufgefressen wird. Dennoch zementieren sich durch die Differenzen in Ausbildung und Einkommen die mentalen und sozialen Unterschiede zwischen Stadt und Land. Hinzu kommt, dass der Staat in Infrastruktur und Kultureinrichtungen der Ballungszentren im Verhältnis mehr investiert. Auch das prägt kulturelle Mentalitäten.

Nicht abgehängt

In Deutschland scheint allerdings die Polarisierung nicht so weit fortgeschritten zu sein wie in anderen Ländern.  Das könnte an zwei Gründen liegen: Zum einen verhindert das Verhältniswahlrecht extreme Blockbildungen und Polarisierungen. So gibt es in Hessen (und möglicherweise bald auch im Bund) eine Koalition von CDU und Grünen, die eigentlich Protagonisten der verschiedenen Lager sind.

Zum anderen gibt es in Deutschland auch viele prosperierende ländliche Regionen, die Matthias Horx und Harry Gatterer vom Frankfurter Zukunftsinstitut als „progressive Provinz“ bezeichnen.  Diese liegen nicht nur im Speckgürtel der Metropolen, sondern auch in der tiefsten Provinz. Ins wirtschaftlich blühende Emsland beispielsweise zieht es viele, die zum Studium in die Metropolen aufgebrochen sind, in noch jungen Jahren wieder zurück.

Allerdings gibt es auch Regionen wie die Südpfalz, die Lausitz und Oberfranken, die in einer Untersuchung zum Wohlstand der Nation als Verlierer der Globalisierung bezeichnet werden. Ihnen nutzt es herzlich wenig, wenn durch neue weltwirtschaftliche Chancen am Bodensee oder in Bayern neue Arbeitsplätze entstehen.

Die Entwicklung in den USA, Großbritannien und Frankreich, wo Stadt und Gesellschaft gefährlich auseinanderfallen, sollte in jedem Falle eine Warnung für Deutschland sein.  Denn wo sich ganze Landstriche abgehängt und im Stich gelassen fühlen, ist letztlich auch die Akzeptanz des politischen Systems und damit der Demokratie gefährdet. Deshalb sollte es für Bund, Länder, Kreise und Kommunen auch eine Überlegung sein, ob jede Poststelle, Buslinie oder Klinik nur nach dem Effizienzkriterium und nicht auch nach sozialer Bedeutung geprüft werden sollte.

Aus der Tiefe der Provinz

Immerhin darf in Deutschland die Provinz hoffen, künftig in der Hauptstadt-Politik noch ernster genommen zu werden.

Mit Annegret Kramp-Karrenbauer und Andrea Nahles kommen die Chefs von CDU und SPD praktisch vom Lande, auch Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock lebt im tiefen Brandenburg. Nur ihr Ko-Vorsitzender Robert Habeck muss, wie sein Thüringen-Tweet zeigt (das Land müsse bei den Wahlen frei und demokratisch werden) noch ein wenig an der „Geländegängigkeit“ arbeiten, wie Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ihre Provinztauglichkeit mal nannte.

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