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Prof. Susanne Schröter im Interview über ihr neues Buch: ?Gott näher als der eigenen Halsschlagader? +++ Aufgenommen von Christian Christes in der Max-Horkheimer-Str. 2, Goethe-Universität, Campus Westend, Frankfurt am Main, Westend

Interview mit Susanne Schröter

„Fromme Muslime kapseln sich ab“

Wie leben gottesfürchtige Muslime in Deutschland? Professorin Susanne Schröter von der Goethe-Universität hat das Gespräch mit Gläubigen in Wiesbaden gesucht, viel über deren Denken und Lebenseinstellung erfahren und darüber ein faszinierendes Buch geschrieben. In „Gott näher als der eigenen Halsschlagader“ lässt sie viele fromme Muslime zu Wort kommen, beschreibt die verschiedenen Gemeinden – und berichtet über problematische Tendenzen. Mit Schröter sprach Sven Weidlich.

Sie haben drei Jahre lang das Gespräch mit gottesfürchtigen Muslimen gesucht und die verschiedenen islamischen Gemeinden in Wiesbaden besucht. Was wollten Sie erfahren?

SUSANNE SCHRÖTER: Ich wollte erfahren, wie Muslime eigentlich leben, und zwar in der Stadt, in der ich wohne. Mir war aufgefallen, dass ich durch meine Arbeit relativ viel über Muslime im außereuropäischen Ausland wusste, aber wenig über die muslimische Bevölkerung in Deutschland. Ich bin Ethnologin, und es gibt einen Leitsatz, der besagt, dass man die Welt aus den Augen derjenigen sehen soll, die man erforscht. Das war mein Ansatz. Ich wollte gern die Welt sehen, wie sie Muslime in Deutschland sehen.

Wie sind Sie vorgegangen?

SCHRÖTER: Ich habe mit meinem Mitarbeiter Oliver Bertrand Kontakt zu muslimischen Gemeinden aufgenommen. Die Reaktionen waren unterschiedlich. In einigen Gemeinden hat man uns eine offizielle Seite gezeigt mit einer Moscheeführung oder einem Gespräch mit dem Gemeindevorstand. In anderen Gemeinden standen die Türen offen. Interessanterweise hatte das nichts damit zu tun, wie liberal die Gemeinden waren oder wie konservativ. Ich habe den besten Kontakt zu Frauen in einer Gemeinde bekommen, die sich in einem bedenklichen Umfeld bewegt, nah am Salafismus. Die Frauen haben mich herzlich empfangen, wir haben uns danach gegenseitig eingeladen, und es sind enge Beziehungen entstanden, die zum Teil bis heute fortwähren.

"Ich verstehe durchaus, dass Moscheegemeinden sich kuschelige Nester bauen, in denen man mal nicht mit der Gesellschaft draußen konfrontiert ist. Aber die Gemeinden tun sich nichts Gutes dabei" Professor Susanne Schröter

Ihr Buch macht sehr deutlich, dass es „den“ Islam nicht gibt, sondern dass die Vielfalt der islamischen Religionsgemeinschaften groß ist. Meist bleibt eine Nationalität unter sich, es gibt Gemeinden, in denen sich türkische Muslime versammeln, in anderen beten Marokkaner, und auch Iraner oder Afghanen haben jeweils eine eigene Moschee. Was eint diese Gemeinden?

SCHRÖTER: Man kann sagen, dass die Religion einen ganz besonderen Platz in ihrem Leben einnimmt. Diejenigen, die sich in den Gemeinden engagieren und einen großen Teil ihrer Freizeit dort verbringen, sehen die Religion als Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. Sie ringen darum, göttlichen Geboten Folge zu leisten, damit sie ins Paradies kommen. Es ist ihnen wichtig, dass sie als fromme Muslime in Deutschland bestehen können – einem Land, in dem man in ihren Augen vielen Anfechtungen ausgesetzt ist, vor allem dem liberalen Lebenswandel. Eine wichtige Frage in den Gemeinden ist: Was ist mit unseren Jugendlichen? Driften die ab? Das Schreckgespenst vieler meiner frommen Gesprächspartner waren die Jugendlichen, die sich in den Fußgängerzonen sammeln und dort abhängen.

Gibt es eigentlich Erkenntnisse darüber, wie viele Muslime in Deutschland fromm sind?

SCHRÖTER: Es gibt keine wirkliche Statistik, wir wissen ja noch nicht einmal, wie viele Muslime bei uns leben. Ich schätze, dass ein Viertel der Muslime fromm ist, Tendenz steigend. Gerade unter Jugendlichen ist Frömmigkeit plötzlich ein Renner. Für sie ist der ultrakonservative Islam sehr populär, der eigene Symbole besitzt, eigene Gedichte und Musik und einen speziellen Entwurf für einen Lebensstil. Man wundert sich als Nichtmuslim, dass fünf Mal Beten am Tag richtig hip ist, aber so ist es.

Handelt es sich dabei schon um einen extremistischen Islam wie den Salafismus?

SCHRÖTER: Nein, aber die Grenzen sind fließend. Das ist ein Ergebnis meiner Studie, dass teilweise die Grenzen zwischen Salafismus und dem konservativen Islam nicht mehr klar auszumachen sind. Wenn mir ein salafistischer Junge sagt, „Ich möchte Gottes Befehle ausführen, denn dann bin ich im Paradies der Gewinner“, und mir ein Konservativer sagt, „Es geht darum, dass wir alles befolgen, was im Koran steht und Mohammed als ultimatives Vorbild nehmen“, dann ist da unter dem Strich kein Unterschied. Und dieses Religionsverständnis ist relativ weit verbreitet.

Ist das der Islam, der nicht zu Deutschland gehört?

SCHRÖTER: Er ist einer, der zur Abgrenzung führt. Ich verstehe durchaus, dass Moscheegemeinden sich kuschelige Nester bauen, in denen man mal nicht mit der Gesellschaft draußen konfrontiert ist. Aber die Gemeinden tun sich nichts Gutes dabei. Man bleibt in einer marginalisierten Ecke. Viele Jugendliche halten das nicht aus und werden straffällig. Wir haben eine überproportional großen Anteil von Muslimen in den Gefängnissen. Das Frustrationspotenzial für Jugendliche ist groß. Sie gehören einer muslimischen Gemeinschaft an, die ihre Regeln und Normen hat, und dann gibt es unsere Gesellschaft, die nach ganz anderen Regeln spielt. Sich da zu positionieren, erfordert ein unglaubliches Geschick, und das haben viele Jugendliche nicht. Deshalb scheitern sie. Einige wenden sich dem Salafismus oder dem Dschihadismus zu, weil dort für sie die Feindbilder klar sind.

Gibt es einen Ausweg?

SCHRÖTER: Ich würde mir wünschen, dass sich in den islamischen Gemeinschaften etwas bewegt, dass sie sich nicht weiter einmauern und das Angebot einer modernen Religionsausübung annehmen, wie sie ja mittlerweile an den Universitäten bei uns entwickelt wird.

Führt die neue Frömmigkeit, von der Sie sprachen, dazu, dass sich Gemeinden noch mehr abkapseln als sie es vorher schon taten?

SCHRÖTER: Ja, so ist es. Völlig klar: Wenn Jugendliche niemals auf Feste in der Schule gehen, wo Alkohol getrunken wird, dann sind sie ein Stück weit draußen. Im Moment sehe ich eine Entwicklung, dass die großen muslimischen Verbände und auch kleinere Moscheegemeinden versuchen, eine eigene Jugendarbeit auf die Beine zu stellen, eine eigene Diakonie zu entwickeln, eigene Fußballgruppen zu bilden und eigene Kindergärten zu entwickeln, das heißt, an einer Parallelstruktur zu arbeiten. Das gibt es auch im christlichen Bereich, und es ist auch das Recht jeder Gemeinde. Aber ich halte es nicht für wünschenswert, immer mehr separierte Einheiten in einer Gesellschaft aufzubauen, so dass die Menschen gar keinen Kontakt mehr zueinander haben. Ich bin überzeugt davon, dass eine pluralistische Gesellschaft dann am besten funktioniert, wenn möglichst viele Leute mit anderen Kontakt haben und nicht nur mit dem eigenen Umfeld. Gerade der Sport ist doch eine tolle Gelegenheit, wo sich alle treffen können.

In allen Gemeinden haben Sie festgestellt, dass fromme Muslime auf die Trennung der Geschlechter beharren. Auch das verhindert einen gesellschaftlichen Austausch.

SCHRÖTER: Ja, das passt für unsere Gesellschaft nicht. Wenn man Frauen von den Männern künstlich fernhält, führt das nicht zu einem respektvollen Verhältnis der Geschlechter. Das gilt vor allem dann nicht, wenn den Frauen die Last aufgetragen wird, die Moral aufrecht zu erhalten. Das Kopftuch oder weite lange Gewänder sind ja nicht nur dazu da, dass sich eine Frau als Muslima zu erkennen geben möchte, sondern sie dienen dazu, kein Begehren bei Männern wachzurufen. Man sagt nicht, dass die Männer ihre Triebe selbst unter Kontrolle halten sollen, sondern es ist die Sache der Frau. Das heißt auch, dass bei Übergriffen den Frauen die Schuld zugeschoben wird.

Sehen Sie eine Entwicklung hin zu mehr Gleichberechtigung?

SCHRÖTER: Es gibt sicherlich muslimische Frauen, die studiert haben, und einige arbeiten. Aber es gibt auch viele, die überhaupt keine Bildung haben. Manche sind Analphabetinnen, gerade diejenigen, die als Import-Bräute nach Deutschland geholt werden. Man fängt mit der Integration immer wieder bei Null an, wenn man Frauen nach Deutschland holt, die aus einem ganz anderen kulturellen Umfeld kommen, die wenig Bildung haben und die auch von ihren Ehemännern nicht gelassen werden, wie sie vielleicht wollen.

Wir haben jetzt viel über Probleme gesprochen. Welche guten Erfahrungen haben Sie gemacht?

SCHRÖTER: Was mich bei Menschen, zu denen ich engeren Kontakt hatte, am meisten beeindruckt hat, war ihre unglaubliche Herzlichkeit. Wir sind ja als Deutsche ein wenig reserviert und unnahbar. Ich habe gerade bei den Frauen festgestellt, wie leicht es doch sein kann, über alles Mögliche zu reden. Aber auch das Gebet der Muslime hat mir gefallen. In den Gebetsräumen einer Moschee liegen Teppiche, und kleine Karrees sind abgetrennt. Wir als Deutsche würden uns dort hinstellen, wo keiner ist, aber die Muslime stellen sich ganz eng nebeneinander, damit Gemeinschaft entsteht, und sie entsteht wirklich: etwas ganz Warmes und Wohliges. Auch das arabische Rezitieren gefällt mir. Ich war so begeistert, dass einige schon dachten, ich wäre dabei zu konvertieren. Das tue ich nicht, aber ich habe mich sehr wohlgefühlt.

Susanne Schröter, „,Gott näher als der eigenen Halsschlagader.‘ Fromme Muslime in Deutschland“, Campus-Verlag, 402 Seiten, 34,95 Euro.

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