Interview

Gebhard Focke: „Das ist de facto eine Abgabepflicht“

Was für die meisten Menschen ein eher abstraktes Thema ist, wurde für Gebhard Focke zur traurigen Realität: Er gab seinen verunglückten Sohn zur Organspende frei. Heute bereut der pensionierte Realschullehrer diese Entscheidung zutiefst und engagiert sich zusammen mit seiner Frau im Verein „Kritische Aufklärung über Organtransplantation“ (KAO). Unser Mitarbeiter Benjamin Steiner sprach mit ihm über den Vorstoß von Minister Spahn.

In Deutschland herrscht Mangel an Spenderorganen. Gibt es eine Alternative zur Widerspruchslösung?

GEBHARD FOCKE: Die Behauptung ist ja, es gebe zu wenig Spender, und mit einer Widerspruchslösung wäre dieses Problem vom Tisch. Richtig ist jedoch: Auch unter dem Widerspruchsprinzip gäbe es immer noch viel zu wenig Spender. Überhaupt halte ich die Bezeichnung „Spende“ bei diesem Vorgehen für vollkommen unangebracht. Vielmehr ist das, was der Staat momentan plant, de facto eine Abgabepflicht von Organen.

Was wäre für Sie akzeptabel?

FOCKE: Aus meiner Sicht ist die sogenannte „enge Zustimmungslösung“ die einzige Möglichkeit, wie man die Organentnahme im Sinne der Spender regeln könnte. Diese würde vorschreiben, dass ein potenzieller Spender zu Lebzeiten ausdrücklich zustimmen müsste, dass seine eigenen Organe entnommen werden dürfen.

Welche negativen Konsequenzen fürchten Sie konkret durch die Einführung einer Widerspruchslösung?

FOCKE: Warum nimmt sich der Staat denn überhaupt das Recht, einem Menschen einfach Organe zu entnehmen? Die einzige oft vorgebrachte Rechtfertigung ist das ethische Argument, dass durch die Organtransplantation Menschenleben gerettet werden. Dem würde ich entgegnen: Warum redet man die ganze Zeit über die drei Menschen, die täglich durch fremde Organe gerettet werden, und nicht etwa über die 45 Menschen täglich, die an Krankenhauskeimen sterben?

Wieso wird aus Ihrer Sicht hier ein falscher Schwerpunkt gesetzt?

FOCKE: Das hat für mich vor allem zwei Gründe: Zum einen will der Staat verhindern, dass ein unregulierter Markt mit Organhandel entsteht. Zum anderen hat natürlich auch die Pharmaindustrie ein großes Interesse an Organtransplantationen. Schließlich macht sie ein großes Geschäft mit Medikamenten, die von Patienten ihr Leben lang genommen werden müssen, um eine Abstoßung der fremden Organe zu verhindern.

Eine Widerspruchslösung existiert ja schon in zahlreichen europäischen Ländern, so unter anderem in Frankreich, den Niederlanden, Österreich oder Italien. Dort funktioniert es doch?

FOCKE: Auch bei einem solchen System bestünde weiterhin Organmangel.

Gäbe es denn alternative Lösungen?

FOCKE: Diese werden bereits an allen Ecken und Enden erprobt. Jedes Jahr werden Tausende von Schweinen geopfert, um eine Übertragung von Tierorganen auf den Menschen zu erproben. Auch mit Stammzellen wird geforscht, oder auch mit den Möglichkeiten von 3D-Druckern, über die momentan so viel geredet wird. Eines Tages wird man über die heute gängige Organentnahme erschrocken sein und sie als grausam und unmenschlich bezeichnen.

Für den Fall, dass sich die Widerspruchslösung durchsetzt: Was wollen Sie dann unternehmen?

FOCKE: Wir warten erst einmal ab, was jetzt passiert. Solche parlamentarischen Initiativen wie jetzt beim Thema Widerspruchslösung können richtig schnell gehen, aber sie können auch wieder versanden. In der Zwischenzeit werden wir versuchen, die Menschen davon zu überzeugen, dass die derzeitige Praxis einer Organtransplantation eine Täuschung von ahnungslosen Menschen ist.

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