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Mit populistischen Parolen heizten Ex-Premier Silvio Berlusconi (li.) und Lega-Nord-Chef Matteo Salvini den Wahlkampf in Italien an.

Interview

Gefährliche Risse durch Europa

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Ob Kanzler oder Despot. Mächtige berufen sich auf die Geschichte, um ihre Stellung zu legitimieren, sagt der britische Historiker Sir Christopher Clark. Dieter Hintermeier sprach mit ihm darüber, warum die Geschichte Angela Merkel positiv in Erinnerung behalten wird.

Sie haben ein Buch über Zeit und Macht geschrieben. Was haben Sie dabei herausgefunden?

CHRISTOPHER CLARK: Zeit war für Machthaber immer ein wichtiges Moment. So wollten zum Beispiel die linken Protagonisten der französischen Revolution den gregorianischen Kalender verändern. Sie wollten weg von dem christlichen Kalender, der vom Vatikan unter Papst Gregor XIII. eingeführt wurde und den julianischen Kalender ablöste. Die französischen Revolutionäre hatten sogar schon neue Kalendernamen entworfen. Und Stalins Russland verfolgte die Idee, eine Zehn--Tages-Woche einzuführen. Letztlich wollen alle Machthaber ihre Signatur, ihren Fingerabdruck für ihre jeweilige Epoche hinterlassen. Sie wollen sich einbetten in die Geschichte.

Lassen Sie uns einen Blick auf die aktuelle Geschichte werfen. Wie ordnet sich ein Machthaber wie der aktuelle US-Präsident Donald Trump in „die Zeit“ ein ?

CLARK: Eine Vorbemerkung: Trump ist ein Mensch, der keine Bücher liest und geistig extrem faul ist. Als Steve Bannon noch quasi Chefideologe im Weißen Haus war, herrschte ein Geschichtsverständnis, das sich an dem Buch „The Fourth Turning („Vierte Wendung“) von William Strauss und Neil Howe orientierte. Im Buch, das Mitte der 1990er Jahre erschien, beschreiben die Autoren die Geschichte der Welt im Wandel von vier Generationen in ihrem Einfluss auf Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft. Solch ein Geschichtsverständnis ist für mich vormodern, okkultistisch und mystisch. Alles in allem das Gegenteil von rationalem Denken.

Ist also Trump der historische Gegenentwurf zu den bisherigen amerikanischen Präsidenten?

CLARK: Trump ist der erste US-Präsident der modernen Zeit, der die Vereinigten Staaten nicht als Vorreiter der Moderne sieht. Er spricht von Amerika, als von einem gebrochenen, ausverkauften und verratenen Land. Schuld daran sind die Europäer und die Chinesen. Trump spricht von Amerika wie die AfD von Deutschland. Die spricht über die Bundesrepublik von einem „links-rot-versifften Land“. Beide sehen die Zukunft ihrer Länder über den Weg der Vergangenheit. Das ist kein vielversprechendes Geschichtsbild.

Und wie sieht das des französischen Präsidenten Macron aus?

CLARK: Macron ist ein zeitbewusster Mensch, wenn er feststellt, dass Europa unser Horizont ist, uns schützt und unsere Zukunft gewährleistet. Und er hat recht, wenn er sagt, dass sich das Haus Europa nicht von selbst baut. Wer so denkt, der wird in der Vergangenheit landen, und die Vergangenheit wird dann die Gegenwart einholen. Macron fordert uns auf, die Zukunft neu zu konstruieren und neu zu besetzen. Wenn wir das nicht tun, sind die Menschen verunsichert.

Was unterscheidet Merkel vom französischen Präsidenten?

CLARK: Frau Merkel gehört politisch einer anderen Generation als Macron an. Und das liegt nicht nur am Geburtsdatum. Sie kam an die Macht, als Deutschland in der Krise war. Ihre persönliche Signatur ist die Verlangsamung der Politik. Durch ihre Ruhe und ihre Stille hat sie Krisen gemeistert. Ich bin der Überzeugung, dass die Geschichte positiv über Frau Merkel urteilen wird, denn sie hat in schwierigen Zeiten Bodenständigkeit und Verlässlichkeit vermittelt, wo andere vielleicht in panikartige Alleingängen verfallen wären.

Merkels „bodenständiger“ Politikstil hat nicht nur Vorteile ...

CLARK: Mir als Außenseiter fällt auf, dass um sie herum alles ruhig wird. Vielleicht konnte sich deshalb auch kein Nachfolger neben ihr entwickeln. Das ist der Nachteil dieser Art zu führen. Aber mit ihrer Zuverlässigkeit und Beständigkeit hat Frau Merkel unglaubliches Zutrauen aufgebaut.

Wie ist es um das Geschichtsbewusstsein der Kanzlerin bestellt?

CLARK: Frau Merkel hat zu Ihrer Party, als sie ihren 60. Geburtstag feierte, den Historiker Jürgen Osterhammel als Festredner eingeladen. So eine Einladung lässt jedes Historikerherz höher schlagen. Auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble liest ständig in Geschichtsbüchern. Das zeigt, wie geschichtsbewusst beide sind. Sie bringen damit die Historie ins politische Alltagsgeschäft. Frau Merkel und Herr Schäuble sind somit das Gegenteil von Donald Trump, der die schnelle Gegenwart des Tweets sucht.

Bei Populisten kommt Trump aber an. Was hat die Populisten in Europa so erfolgreich gemacht?

CLARK: Den Aufstieg des Populismus dürfen wir nicht monokausal betrachten, aber die Finanzkrise von 2008 war sicher ein Auslöser des Populismus in Europa. Ein Riss ging vor zehn Jahren durch die Öffentlichkeit. Durch das Scheitern der Finanzeliten wurde das Vertrauen der Menschen erschüttert. Aber auch die zunehmende soziale Ungleichheit gefährdet immer mehr den Zusammenhalt in Europa.

Sind die Demokratien in Europa deshalb gefährdet?

CLARK: Im Moment nicht, aber es gibt bereits gefährliche Alarmzeichen. Jetzt sollten sich die, die Europa verteidigen wollen, an Deck begeben. Ich glaube zwar nicht, dass die Menschen in Europa gegen den Kapitalismus kämpfen werden, aber für ein Gesellschaftsmodell, in dem der Einzelne bestimmen kann, was mit ihm geschieht. Um das zu erreichen, ist eine Mobilisierung der Mitte dringend notwendig.

Christopher Clark, Zeit und Macht, Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten, Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2018, 320 Seiten, 26 Euro

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