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Weirich am Freitag

Geschlossene Gesellschaft

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Drei Schwergewichte der Hessen-CDU verlassen bei der Bundestagswahl 2017 die politische Bühne: Die Ex-Minister Kristina Schröder, Franz Josef Jung und Heinz Riesenhuber.

Drei Schwergewichte der Hessen-CDU verlassen bei der Bundestagswahl 2017 die politische Bühne: Die Ex-Minister Kristina Schröder, Franz Josef Jung und Heinz Riesenhuber. Besonders der kompetente und humorvolle „Mann mit der Fliege“, der mit 80 Jahren immer noch so aussieht, als hätte er gerade den Wettbewerb „Jugend forscht“ gewonnen, wird dem hohen Haus fehlen.

In Wiesbaden (Wahlkreis 179) stehen mit Wissenschaftsstaatssekretär Ingmar Jung und im Wahlkreis 184 mit dem Groß-Gerauer Bürgermeister Stefan Sauer zwei unbestrittene Nachfolger für Jung und Schröder fest. In Mittelhessen strebt der 64 Jahre alte Landtagsabgeordnete Heinz Jürgen Irmer nach Berlin, der die konservative Rest-Seele der Partei verkörpert.

„Jünger, bunter und weiblicher“ soll die moderne Großstadtpartei CDU nach dem Willen ihres Generalsekretärs Peter Tauber künftig werden, dazu streitbarer, offener und basisorientierter. Allerdings erinnert die CDU in zwei Wahlkreisen, wo es Kampfabstimmungen von Kandidaten gibt, eher an eine Honoratiorenpartei alten Stils und eine geschlossene Gesellschaft. Während über direkte Antragsrechte von Mitgliedern auf Bundesparteitagen nachgedacht wird, sagen Parteivorstände, wie Delegierte denken und wählen sollen. Paternalismus und „Graswurzel-Demokratie“ widersprechen sich.

In der Frankfurter CDU wird seit Jahrzehnten nach der Masche eins links, eins rechts gehäkelt. Posten werden nach dem Proporz von Mittelstand und Sozialausschüssen vergeben, ein wettbewerbswidriges und leistungsfeindliches Verfahren, das vielleicht Harmonie schafft, aber Neueinsteiger abschreckt. So hat man festgelegt, dass der 67 Jahre alte Vorsitzende der Stadtverordnetenfraktion, Michael Prinz zu Löwenstein, im Wahlkreis 183 die Nachfolge von Erika Steinbach antreten soll. Die 54 Jahre alte Landtagsabgeordnete und Unternehmensberaterin Bettina Wiesmann soll das Nachsehen haben. Die proporzhungrigen Strategen im Römer haben es mehr mit der Häkel- als der Frauenquote.

Im Wahlkreis 181, wo es um Heinz Riesenhubers Nachfolge geht, versucht der mit Delegierten-Ansagen agierende Vorstand Gegenbewerber zu dem zweifellos qualifizierten offiziösen Kandidaten abzuwehren, dem Bürgermeister Norbert Altenkamp. Dabei wäre hier Offenheit geboten, weil der 39 Jahre alte Leiter der Europaabteilung im Finanzministerium und Ex-Büroleiter von Wolfgang Schäuble, Martin Heipertz, ein besonderes Kaliber ist, dessen Ambitionen die CDU froh machen sollten. Der gebürtige Frankfurter, der Hessens CDU beim Aufbau eines virtuellen Netzwerks hilft und der mit dem „Tramp“ einen lesenswerten sozialromantischen Roman geschrieben hat, wäre als kreativer Kopf ein Gewinn für den Bundestag. Freude am Wettbewerb würde der CDU gut zu Gesicht stehen.

politik@fnp.de

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