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In den 80er-Jahren hatten alle Angst vor AIDS. Heute plagen uns andere Ängste.

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Kommentar zum neuen Jahr: Es gibt auch Grund zur Zuversicht

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Betrachtet man die Nachrichten, könnte man denken, die Welt stehe vor dem Abgrund. Dabei gibt es definitiv Grund zur Zuversicht, hat unsere Kommentatorin Pia Rolfs nicht zuletzt von ihrer 99-Jahre alten Oma gelernt.

Die Welt ist zutiefst verunsichert. Die alte globale Ordnung gilt nicht mehr, Gewissheiten sind erschüttert, die Gesellschaft ist gespalten, abgehängte Gruppen begehren auf, die Aggression nimmt zu. Für manchen mag das wie eine aktuelle Analyse klingen, die Historikerin Birte Förster beschreibt jedoch so das Jahr 1919. Natürlich lassen sich manche Parallelen zur Situation von vor 100 Jahren ziehen und muss als Lehre aus diesem Jahr die Wachsamkeit vor unheilvollen Anfängen bleiben. Doch wir haben auch Grund zur Zuversicht.

So gibt es viele positive Entwicklungen, die bei der Berichterstattung über aktuelle Ereignisse oft in den Hintergrund geraten. „News is what’s different“ lautet ein Kriterium für die Nachrichtenauswahl – Nachricht ist, was sich unterscheidet. Deswegen ist es wichtig und notwendig, über Konflikte, Verbrechen, Unglücke, Hungersnöte zu berichten – zumal weil sich daraus in einer eng vernetzten Welt schnell Handlungskonsequenzen ergeben.

Nachrichten sind das Abweichende, nicht der Normalzustand

Es bedeutet aber auch: Diese Fälle sind das Abweichende, nicht der Normalzustand. Insgesamt geht etwa die Kriminalität in Deutschland zurück, gibt es auf der Welt weniger Hunger und Armut, ist Fliegen sehr sicher. Die Gesellschaft wird älter, aber ist im Schnitt auch viel länger fit.

Dennoch erwachsen Ängste, vor allem aus Unsicherheit und Abstiegsangst. Vieles scheint ungewiss. Doch wenn heute weniger Gewissheit darüber besteht, was etwa „konservativ“ bedeutet, ist das nicht unbedingt negativ. Sondern ein Zeichen dafür, dass komplexe Fragen der Digitalisierung, des Klimaschutzes oder der medizinischen Ethik mit dem alten Rechts-Links-Lagerdenken nicht mehr zu lösen sind. Dass in demokratischen Prozessen und um die Demokratie immer wieder gerungen werden muss. Diese war 1919 in Deutschland sehr jung und ist auch heute keine Selbstverständlichkeit.

Bei Migration scheinen die Fronten klar

Pia Rolfs

Einzig in der Frage der Migration scheinen die Fronten heute noch klar, vielleicht hat das Thema auch deswegen so großes Gewicht. Doch mag hier auch eine Spaltung der Gesellschaft zutage treten, sind politische Morde doch glücklicherweise – anders als 1919 – die absolute Ausnahme. Der Hass tobt im Internet, aber sich da oft auch aus. Das bedeutet nicht, ihn zu tolerieren oder die Spaltung hinzunehmen. Aber die meisten Menschen leben friedlich miteinander.

Weil die Medien den Fokus jedoch auf das Abweichende, Negative richten, fordern manche inzwischen einen „konstruktiven Journalismus“, der auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Doch das hat schnell einen Beigeschmack des Schön- und Kleinredens von Problemen. Wo Nachrichten zu positiv sind, ist die Unterdrückung unbequemer Wahrheiten nicht fern – das sind die Lehren aus jeder Diktatur.

Deswegen kann es dem mündigen Bürger nicht erspart bleiben, schlechte Nachrichten zu verkraften, sie aber doch im Gesamtkontext seiner Erfahrungen zu relativieren. Sich zu vergegenwärtigen, dass ein Überfall, ein Verbrechen, ein Geisterfahrer nur ein Einzelfall ist, muss nicht bedeuten, den Vorfall zu verharmlosen und gefährliche Entwicklungen unter den Tisch zu kehren. Zwischen Naivität und Panikmache ist die Vernunft manchmal ein schmaler Grat, aber ein gangbarer.

Heute erscheinen die 80er übersichtlich und geordnet, damals hatten alle Angst vor AIDS

Wenn aber dennoch das Gefühl aufkommt, früher sei alles besser gewesen, spielt auch ein weiterer Faktor eine Rolle: Wir wissen, welche unserer damaligen Befürchtungen nicht eingetreten sind. In meiner Jugend in den 80ern hatten wir Angst vor dem Atomkrieg, Waldsterben und davor, dass jeder an Aids stirbt. Heute ist das verblasst, erscheint uns diese Epoche vor dem Internet übersichtlich und geordnet. Vielleicht lässt sich auch erst später erkennen, wie gut wir es heute haben.

Distanz zum Geschehen einzunehmen, ist daher in unserer aufgeregten Zeit mit dem schnellen Herzschlag des Internets wichtiger denn je. Wie sehr das zur Zuversicht beitragen kann, zeigt mir meine wunderbare Großmutter, die 1919 geboren wurde und im Juni hoffentlich 100 Jahre alt wird. Sie hat ein turbulentes Jahrhundert durchgemacht, viele geliebte Menschen verloren, zwei Diktaturen und eine Flucht erlebt. Dennoch sagt sie heute rückblickend: „Ich hatte ein schönes Leben. Denn immer, wenn es schwierig war, hatte ich liebe Menschen um mich.“ Was uns die Zukunft mit größter Wahrscheinlichkeit bringt, ist das Älterwerden. Und wenn das hohe Alter eine solch positive Perspektive ermöglicht, sollte es nicht nur als Verfall begriffen werden. Sondern auch als Chance.

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