Kommentar

Gier frisst Ethos

  • Cornelie Barthelme
    VonCornelie Barthelme
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„Diese Wirtschaft tötet.“ Nein, Papst Franziskus kommentiert nicht die VW-Affäre. Da sind ja auch alle Protagonisten noch am Leben, allenfalls unter Anwachsen ihrer Privatkonten um weitere Millionenbeträge

„Diese Wirtschaft tötet.“ Nein, Papst Franziskus kommentiert nicht die VW-Affäre. Da sind ja auch alle Protagonisten noch am Leben, allenfalls unter Anwachsen ihrer Privatkonten um weitere Millionenbeträge – gerne zweistellig – in die Ferien geschickt. Nächstens werden die Herren anderswo Chefs anderer Unternehmen sein, also deren und vor allem ihre eigenen Gewinne steigern. Und man wird sie nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer ganz speziellen Fähigkeit engagieren. Der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann beschreibt diese Qualifikation so: Die globalisierte Ökonomie fordere – und honoriere – Manager, die ausschließlich in Chancen und Risiken denken und denen die Verantwortbarkeit ihres Handelns vollkommen egal ist.

Und ja, ehe nun Martin Winterkorn zum dunklen Fleck auf der blütenweißen Made-in-Germany-Weste vereinzelt wird und VW oder gleich die ganze Republik zu seinem Opfer: Es gibt da auch die Deutsche Bank und ihre Bosse und deren Hintersassen, die sich, unter anderem, ihre Zinssätze selbst herbeibetrogen haben. Es gibt die Telekom, die ihre eigenen Manager und Aufsichtsräte bespitzelte, dazu Journalisten. Es gibt Daimler und Siemens, die auf der ganzen Welt ihre Geschäfte mit Schmiergeld am Laufen hielten – und man kann in all diesen Fällen nur hoffen, dass die Vergangenheitsform zutrifft; wissen kann man es nicht. Und dann war da ja auch Peter Hartz, der mit Luxusreisen und Prostituierten den Betriebsrat seines Konzerns auf Linie brachte. Wie hieß die Firma noch gleich? Ach ja, VW…

Getrickst und betrogen wird auch anderswo, miese Technik für teures Geld verkauften auch Toyota und General Motors. Und ehe sie in Japan und in Detroit die Hinweise überhaupt ernst nahmen – gab es Tote.

„Diese Wirtschaft tötet.“ Nein, Papst Franziskus hat nicht die Opfer klemmender Gaspedale gemeint und die Lenkung blockierender Zündschlösser, als er diesen Satz in seine erste Enzyklika schrieb. Es ging ihm darum, dass Konkurrenzfähigkeit der Gott der globalisierten Welt ist. Und „der Mensch an sich wie ein Konsumgut betrachtet wird, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann“.

Man ahnt, was geschähe, träfen der Boss der Katholischen Kirche und einer wie Winterkorn oder Anshu Jain aufeinander. Nichts. Weil Ethiker und Ökonomen seit je nicht dieselbe Sprache sprechen. Oder ganz praktisch: Weil Gier in der Welt der Einen eine Sünde ist – und im Universum der Anderen das erste Gebot.

„Diese Wirtschaft tötet.“ Und doch leben die Republik, Europa, die ganze Welt mit und von ihr. Und noch immer am allerbesten gerade die, die am lautesten auf Verantwortung pfeifen und auf Werte. Die Wirtschaftsethiker können erklären, warum das so ist, nicht mehr. Dass es so bleibt, wenn kein Wunder geschieht, weiß die Welt auch ohne sie.

politik@fnp.de

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