Integrationsmonitor des Landes Hessen

Gleiche Chancen für Muslime

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Muslimische Jugendliche haben weniger Bildungschancen als andere, und es fehlt ihnen häufig die gesellschaftliche Teilhabe. Daran sind sie manchmal selbst schuld. Aber es gibt andere, positive Beispiele.

Der jüngste Integrationsmonitor des Landes Hessen hat das Problem überdeutlich gemacht: Schüler mit Migrationshintergrund schaffen weitaus seltener das Abitur als diejenigen ohne. Prozentual gesehen sind es gerade die Hälfte. Außerdem haben Migranten oder ihre Nachkommen seltener einen Job als Menschen mit nur deutschen Vorfahren. „Das müssen wir dringend ändern“, sagte Professorin Susanne Schröter, Islam-Expertin von der Frankfurter Goethe-Universität. Sie hatte gestern viele Experten zu einer Konferenz im Historischen Museum der Mainstadt versammelt. Thema der Tagung: die muslimische Jugend.

Der jüngste Integrationsbericht hat gezeigt, das die Rate der Abiturienten mit Migrationshintergrund langsam ansteigt. Gleiche Chancen wie andere haben sie aber noch lange nicht. Muslimische Jugendliche gehören zu dieser Gruppe. Ihnen mangelt es auch an einer gesellschaftlichen Teilhabe. Manchmal sind sie daran selbst schuld.

Professor Schröter spricht von einer neuen Frömmigkeit, die einen Teil der Muslime erfasst habe. Gerade unter jungen Leuten sei plötzlich der ultrakonservative Islam modern, und Moscheegemeinden schotteten sich ab. Der Sozialarbeiter Wolfgang Malik, der seit 30 Jahren mit Jugendlichen arbeitet und durch sein Engagement in Offenbach vielfach ausgezeichnet wurde, bestätigt dies: „In den 80er und 90er Jahren hat Religion bei Muslimen keine Rolle gespielt, Jetzt gewinnt sie an Bedeutung.“

Wie schwierig unter solchen Voraussetzungen der Dialog mit muslimischen Verbänden sein kann, schilderte der Islamwissenschaftler Hussein Hamdan. Er hat über muslimische Jugendarbeit geforscht und sieht bei vielen Verbänden den Wunsch „zum Kontakt nach außen“. Hamdan arbeitet für die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. In dieser Funktion habe er „gut“ mit den Jugendorganisationen der türkischen Verbände Ditib und Milli Görüs zusammengearbeitet. Aber er warnte vor „falscher Toleranz und faulen Kompromissen“.

Als Knackpunkt sieht Hamdan die strikte Geschlechtertrennung in den Moscheen. Diese gilt auch in den Jugendorganisationen. Junge Musliminnen und Muslime bleiben unter sich, ein Austausch unter den Geschlechtern ist unerwünscht. Hamdan sagt: „Unsere Empfehlung bei der Zusammenarbeit ist: Man sollte die Geschlechtertrennung nicht akzeptieren, weil sich die Mädchen dann nicht so gut entfalten können wie die Jungen.

Hamdan nannte als gutes Beispiel den Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland. „Dort gibt es keine Geschlechtertrennung“, sagte er. Der Verband mit etwa 30 000 Mitgliedern engagiere sich im Bundesjugendring, dem Zusammenschluss deutscher Jugendverbände. „Das wurde möglich durch die Hilfe der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend. Diese Zusammenarbeit kann Modellcharakter haben.“

Den Austausch mit anderen Konfessionen sucht auch der Bund Moslemischer Pfadfinder und Pfadfinderinnen in Deutschland. Im vergangenen Jahr hat der Verband ein Sommerlager mit den katholischen Pfadfindern von Sankt Georg in Nordrhein-Westfalen organisiert. „Gemeinsam leben“ war das Motto. „Wir müssen uns anderen gegenüber öffnen“, sagte Projektleiter Taoufik Hartit. „Wir müssen etwas tun, und dürfen nicht nur in der Opferrolle bleiben.“

Die muslimischen Pfadfinder, 2010 in Rüsselsheim gegründet, wollen nach den Worten Hartits die Integration fördern und den Kindern „ihre deutsche Heimat näherbringen“. Ziel sei es auch, die Teilhabe von Muslimen an der Gesellschaft zu verbessern und ihre Persönlichkeit zu fördern. „Das wirkt auch gegen eine Radikalisierung.“ Gesprochen wird Deutsch.

In vier Bundesländern sind die Pfadfinder bislang aktiv, und das Interesse ist laut Hartit riesig. „Teilweise kommen Moscheegemeinden auf uns zu.“ Die Politik erkennt das Engagement der Pfadfinder an. Hessens Ministerpräsident Bouffier schrieb als Dank für eine Weihnachtsspende der Pfadfinder im vergangenen Jahr: „Die Institution leistet durch ihre Arbeit einen wichtigen Beitrag für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.“

Hartit wünscht sich auch eine finanzielle Unterstützung. Bislang arbeiteten die Pfadfinder mit Ehrenamtlichen. „Um das Ganze in die Fläche zu tragen, braucht es mehr.“

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