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Andrea Nahles, SPD-Bundesvorsitzende, spricht bei der Landesvertreterversammlung der SPD Rheinland-Pfalz.

Regierung

Groko hat Angst vor dem Beben

„Eine neue Dynamik für Deutschland“ – so ist der Koalitionsvertrag von Union und SPD überschrieben. Eine Dynamik gibt es gerade vor allem beim Abwärtstrend der Volksparteien. Vor der Schicksalswahl in Hessen kämpfen Angela Merkel und Andrea Nahles auch um ihre Jobs.

Gerhard Schröder kann der SPD immer noch einiges vormachen in Sachen Volksnähe und Gespür. Die Hochzeitsreise mit seiner fünften Frau Soyeon Kim führte beide gerade bewusst nach Ostdeutschland. Zu den Stätten deutscher Klassik in Weimar, in die Dresdner Semperoper, nach Meißen in die Porzellanmanufaktur.

Der Altkanzler setzte so ein symbolisches Zeichen angesichts der Debatten um rechtsextreme Übergriffe wie in Chemnitz, dass die ostdeutschen Länder und besonders Sachsen ein kulturell wichtiger Teil Deutschlands sind. SPD-Chefin Andrea Nahles hingegen besucht auf ihren Touren durch das Land häufig verbliebene SPD-Hochburgen, in Chemnitz oder anderen Brennpunkten war sie nicht.

Wer derzeit führende Sozialdemokraten trifft, stößt auf fast verzweifelte Menschen, die die Welt nicht mehr verstehen. Jenseits schriller Schlagzeilen läuft der Regierungsapparat, Gesetz um Gesetz wird verabschiedet, vieles wird ab 2019 bei den Bürgern ankommen - von besseren Kitas über mehr Kindergeld und Steuerentlastungen.

Aber gerade die SPD wird zur Volkspartei ohne Volk. Doch auch die Union erreicht Tiefstand um Tiefstand – die letzten Zahlen: Union 25 bis 27 Prozent, SPD 14 Prozent. Das ist nun keine große Koalition mehr. Ein Schalter lässt sich nicht einfach umlegen. Ein Neustart wird beschworen – die tektonischen Platten der politischen Landschaft verschieben sich, womöglich war es eine große Koalition zu viel.

In Zeiten, da Fakten und Inhalte weniger zählen, Gefühl dafür umso mehr, sind die Umfragegewinner erst die AfD, nun die Grünen, die besonders der müden SPD und auch der Union mit ihrem frischen Wind und dem Führungsduo Robert Habeck/Annalena Baerbock Wähler abjagen.

Alle hatten zunächst auf ein Bayern-Beben gewartet. Doch durch die Konstellation mit einer zwei Wochen später stattfindenden Wahl in Hessen, wo die CDU mit Volker Bouffier an der Macht ist und die SPD ihre frühere Bastion zurückerobern will, blieb es in Bayern (zunächst) ruhig. Aber nach Hessen könnte auch dort CSU-Chef Horst Seehofer sein Amt verlieren. Besonders aber drohen Turbulenzen bei CDU und SPD.

Es wäre eine

Ironie der Geschichte

, wenn die „Flüchtlingskanzlerin“ Merkel über einen Grünen-Ministerpräsidenten mit arabischen Wurzeln stürzen würde. Tarek Al-Wazir, Sohn einer Deutschen und eines Jemeniten, könnte im Zweikampf zwischen Volker Bouffier und Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) der lachende Dritte sein. Aktuell liegt die CDU bei 26 und die SPD bei 20 bis 21 Prozent, die Grünen pendeln bei 20 bis 22 Prozent.

Eine Woche vor der Wahl versuchten Kanzlerin und SPD-Chefin am Wochenende, den Kampfesmut bei ihren Parteien zu wecken. Ungewöhnlich für Merkel: Sie schlägt fast alarmistische Töne an. Wenn man sich weiter so stark damit beschäftige, was in der Flüchtlingspolitik vielleicht anders hätte laufen müssen, „dann werden wir den Charakter einer Volkspartei verlieren“, warnt Merkel beim Landesparteitag der Thüringer CDU.

Sie fordert mehr Zukunftsoffenheit, Optimismus, Mut. „Mit Griesgram gewinnt man die Menschen nicht.“ Merkel würde sicher viel lieber mehr über die Herausforderungen durch künstliche Intelligenz oder die Verschiebungen im weltpolitischen Gefüge diskutieren. Ihr kann aber ein Scherbengericht drohen, sollte Hessen richtig in die Hose gehen.

Am ersten November-Wochenende kommen die Spitzen von CDU und SPD zu separaten Klausurtagungen zusammen. Dann wird es bei der CDU darum gehen, ob Merkel wie geplant beim Parteitag im Dezember wieder für den Vorsitz kandidiert. Sie glaubt, dass es Schröders großer Fehler und der Anfang vom Ende der Kanzlerschaft war, den SPD-Vorsitz abzugeben.

Sollte es eine unkontrollierte Reaktion geben, könnte womöglich Wolfgang Schäuble (CDU) als Übergangskanzler einspringen. Bei der SPD hat Nahles das „Glück“, dass es bislang keine Alternativen für den Vorsitz gibt – und Neuwahlen wären gerade womöglich Selbstmord für die SPD. Aber eine Trendwende mit dem gleichen Personal und den Fesseln der Koalitionsdisziplin scheint auch irgendwie kompliziert.

Auf die Frage, wie sie den unglaublichen Druck und die triste Lage ihrer siebenjährigen Tochter erkläre, sagt Nahles der „Bild am Sonntag“: „Ella war diese Woche zum ersten Mal in der Geisterbahn und hat sich schwer gegruselt. Das war für sie wesentlich schockierender als SPD-Wahlergebnisse und was Mama gerade alles an den Hacken hat.“

Ein Aspekt des Grünen-Höhenflugs: Es wird mehr um Zukunftskonzepte gerungen als während des AfD-Höhenflugs, wo der Streit um die Flüchtlingspolitik alles überlagerte. Nahles sagt fast zeitgleich zu Merkel bei einem Europa-Parteitag der rheinland-pfälzischen SPD: „Ich bin entschlossen, den Rücken gerade zu machen, die Ärmel hochzukrempeln, zu kämpfen“.

In der Partei wird zunehmend die Frage gestellt, ob man noch Volkspartei sein will – gerade durch den Kaufhaus-Charakter, wo man für jeden ein Angebot hat, wird die Partei zerrieben. Zwischen Interessen der Dieselfahrer und der Autokonzerne, zwischen Mietern und Immobilienlobby, zwischen mehr Europa und weniger Europa.

So wird der Kern diffus – eine Sowohl-als-auch Politik. Dabei ist die SPD von den Milieus her schon längst keine Volkspartei mehr – sie ist weit mehr Akademiker- als Arbeiterpartei. Abgeordnete wie einen Toni Schaaf, der vor der Bundestagskarriere (2002-2013) bei der Müllabfuhr in Mülheim malochte, sucht man heute vergeblich.

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