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Dieser Zuschauer (r.) zeigte bei „Hart aber Fair“ eine eindeutige Geste.

Talk-Show über rechten Terror

„Hart aber fair": Studio-Gast empört mit pikanter Geste

Die Talkshow „Hart aber fair“ hat AfD-Mann Uwe Junge eingeladen. Etliche Zuschauer zeigen sich entsetzt über Frank Plasbergs Umgang mit ihm. Außerdem sorgt ein Nazi-Symbol für Diskussionen. 

Update vom 3. Juli 2019, 20.11 Uhr: In der Sendung „Hart aber fair“ ging es ordentlich zur Sache. Nach der Sendung diskutierten die Zuschauer im Netz - der Vorwurf vieler: Der AfD sei zu viel Sendezeit eingeräumt worden. Doch noch ein Ärgernis bahnte sich für den WDR und Moderator Frank Plasberg an: Einige Zuschauer hatten bei der Sendung ganz genau hingeschaut und im Publikum einen Mann entdeckt, der der Kamera gleich zweimal ein eindeutiges Zeichen mit seinen Fingern präsentierte. Drei ausgestreckte Finger für ein „W“, dazu ein „P“ aus Daumen und Zeigefinger - das Symbol für „White Power“, der Vorherrschaft der „Weißen Rasse“. 

Christchurch-Massenmörder Brenton Tarrant zeigte dieses Symbol beispielsweise vor Gericht - er hatte in zwei Moscheen 51 Menschen erschossen. 

Dieser Zuschauer (r.) zeigte bei „Hart aber Fair“ eine eindeutige Geste.

Der fragliche Publikumsgast wurde rasch ausfindig gemacht - und gab sich überrascht und entsetzt. Er erklärte dem WDR auf Nachfrage, dass er das Symbol zwar bewusst gezeigt hätte, er aber keine rassistischen oder nationalsozialistischen Botschaften damit senden habe wollen. Er habe sich lediglich mit einem Freund verabredet, mit dem er das sogenannte „Kreis- und Brunnenspiel“ spiele. Schaue einer in den Kreis des anderen, bekomme dieser eine „Nackenschelle“. Mit diesem Freund habe er verabredet, dass er das Zeichen machen wolle, sollte er im Fernsehen gezeigt werden.

Im ZDF-Talk von „Markus Lanz“ sorgten am Mittwoch Aussagen zu einem verwandten Thema für Aufsehen: Ein Berliner Oberstaatsanwalt warnte vor dem Niedergang des Rechtsstaats. Für die AfD kam es am Freitag richtig dick. Der sächsische Landeswahlausschuss kassierte große Teile der AfD-Liste für die Landtagswahlen.

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„Hart aber fair“ (ARD): Kritik an Frank Plasberg

Update vom 3. Juli 2019, 17.18 Uhr: Ohje, jetzt bekommt es der ansonsten als sehr kompetent und beliebt geltende ARD-Talker Frank Plasberg auch von anderer - für ihn vielleicht sogar gewichtigeren - Stelle ab.

Nachdem Zuschauer via Twitter Plasberg bereits vorgehalten hatten AfD-Mann Jung nicht kritisch genug hinterfragt zu haben (s.u.), schlugen seine Chefs in dieselbe Kerbe: Junge sei von Plasberg „nicht aggressiv genug“ angegangen worden, hieß es am Dienstag aus der Runde der ARD-Chefredakteure nach Bild-Informationen.

Laut dem Blatt erhielt Junge tatsächlich vor 2,4 Millionen Zuschauern von den 75 Minuten die meiste Redezeit. Kritisch sah auch Sendungsgast und Grünen-Politikerin Irene Mihalic den Auftritt: „Es ist sehr viel Sendezeit für Fragen an Herrn Junge verwandt worden. Ich glaube aber, dass er zur eigentlichen Frage, wie wir den Rechtsextremismus erfolgreich bekämpfen können, nichts beitragen konnte.“ 

Überraschend deutlich sprach CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer über Junges einstigen Tweet: Er sei ein „Beispiel dafür, wie mit Sprache der Boden für Extremisten bereitet werden kann“. Über die Plasberg-Sendung: „Ich hatte nicht den Eindruck, dass es gelungen ist, dies zu entlarven. Man hat dagegen eine zusätzliche Bühne geboten“, schimpft sie in der Bild.

Und weitere Konsequenzen drohen: Der Auftritt des AfD-Politikers Uwe Junge wird aller Voraussicht nach den WDR-Rundfunkrat in seiner nächsten Sitzung am Freitag beschäftigen. "Ich gehe sehr stark davon aus, dass das Thema in der Sitzung angesprochen wird", sagte die Geschäftsführerin des Kontrollgremiums, Claudia Reischauer, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND, Mittwochsausgaben). An der Rundfunkratssitzung werde auch WDR-Intendant Tom Buhrow teilnehmen.

Der WDR wies die Kritik an Junges Einladung zurück. Die zentrale Frage bei der Einladung von Gästen laute stets: "Wer hat Relevantes zu diesem Thema zu sagen?", teilte eine Sendersprecherin dem RND mit. "Beim aktuellen Thema war die größte Oppositionspartei im Bundestag von besonderer Relevanz. Und Herr Junge wiederum ist als Vorsitzender eines Landesverbands eine relevante Person innerhalb seiner Partei."

Doch es gibt auch andere Stimmen. Kirchentagspräsident und SZ-Journalist Hans Leyendecker hält es für notwendig, dass politische Talksendungen auch AfD-Vertreter zu Wort kommen lassen. Eine Talkshow sei kein Kirchentag, schreibt Leyendecker in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung: „Eine Talkshow, die niemals einen Vertreter der größten Oppositionspartei einladen würde, wäre eine noch komischere Veranstaltung, als sie es in den Augen vieler Kritiker ohnehin schon ist.“ Der Journalist äußert sich in dem Beitrag zu der Debatte um die Einladung des AfD-Politikers Uwe Junge in die ARD-Sendung „Hart aber fair“ am Montag.

„Hart aber fair": Plasberg empört ARD-Zuschauer

Nachbericht vom 2. Juli 2019: Aus Hass, Parolen und Morddrohungen seien Taten geworden, sagt Frank Plasberg zu Beginn seines ARD-Talks „Hart aber fair“ am Montag. Das Thema der Sendung, „Aus Worten werden Schüsse: Wie gefährlich ist rechter Hass?“, hat mit Blick auf den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke grausame Aktualität. Der Titel spielt auch auf die Rhetorik von Rechtspopulisten an. Nicht nur von rechts drohe Gefahr, relativiert der Vorsitzende der AfD-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz, Uwe Junge.

Dass ein AfD-Politiker bei diesem Thema eine Plattform erhält, hat bereits im Vorfeld der Sendung im Netz zu massiver Kritik geführt. Auch nach der Sendung wird der Moderator Plasberg stark kritisiert: Er sei mit dem AfD-Politiker auf Kuschelkurs gegangen. Habe kaum nachgehakt und Junge extrem viel Raum gegeben, um die AfD von jeglicher Schuld an der Verrohung der Debatte freizusprechen. 

Uwe Junge von der AfD bei „Hart aber fair“

Auch er sei angegriffen worden, erinnert Junge in der Show. Er erlitt dabei ein Hämatom unter einem Auge und an einem Schienbein. „Menschen mit Meinung leben gefährlich“, so Junges Konklusion. „Das kann ja jedem von uns passieren. Das ist doch egal, ob der Täter ein Rechts- oder Linksextremist war. Das ändert ja erst einmal nichts an der Tat.“ Gewalt sei nicht zu rechtfertigen. Aber es gebe ja auch Linksextremismus. Die politische Motivation hinter dem Mord blieb von Junge somit unbehandelt. 

Empörung im Netz: AfD-Politiker Junge zu Gast bei „Hart aber fair“. 

Plasberg verweist auf den AfD-Post, der vor vier Jahren als Reaktion auf Lübckes Verteidigung von Merkels Politik der offenen Grenzen veröffentlicht worden war. Darin schrieb die Partei: „Noch ist es unser Land, Herr Lübcke!" Vier Jahre später stehen etwa 1400 Kommentare unter dem Post. Darunter Beleidigungen, Morddrohungen und der Aufruf, den Regierungspräsidenten zu erschießen. Selbst nach dem Tod Lübckes wurde der Post vorerst nicht gelöscht. 

Frage bei „Hart aber fair“: Hat die AfD Mitschuld an dem Anstieg rechter Gewalt?

Erst nachdem ein Twitter-Nutzer auf den Post und die Gewaltaufrufe darunter hingewiesen hatte, hakte Der Spiegel nach und schließlich entfernte die Partei den Post samt der Hasskommentare. Diese Handhabung sei „nicht zu goutieren“, sagt Junge. Auch wenn Lübckes Äußerungen schon heftig gewesen seien, sagte Junge. Plasberg bleibt im Umgang mit dem AfD-Politiker vorsichtig. Er führt ihn an die Frage heran, ob solche Posts und deren Handhabung dafür eingesetzt werde, um eigene Klientel zu halten. Junge verneint, bezeichnet die Kommentatoren als „Spinner“ und behauptet, dass man innerhalb der Partei konsequent gegen solche Positionen vorgehe.

Die rhetorisch starken Gäste wie Strafverteidiger Mehmet Daimagüler, der Journalist Georg Mascolo oder Irene Mihalic von den Grünen greifen immer wieder ein und stellen die „Verharmlosungen“ des AfD-Politikers infrage. Wie Junge denn dann argumentiere, dass er selbst auf Twitter „Befürworter der Willkommenskultur zur Rechenschaft ziehen“ wolle, fragt Mihalic.  

Frank Plasberg empfängt in seiner Sendung am Montagabend auch den AfD-Politiker Uwe Junge. 

Vor der Schwerpunktverlagerung auf die Eigenverantwortung des Politikers rettet Plasberg, er bremst Mihalic aus und geht zurück zum Thema Lübcke. Die Frage bleibt: Trägt die AfD Mitschuld an rechter Radikalisierung? „Nein“, findet Junge. Im Fall Lübcke gebe es eine Mitverantwortung der Partei, darin sind sich die weiteren Plasberg-Gäste einig. Die AfD schreite nicht ein, wo Gewalt befürwortet werde, sagt Mascolo. Alle Parteien würden dort Grenzen ziehen, nicht aber die AfD. Er fordert die AfD auf, künftig konsequent gegen Androhung von Gewalt auf den eigenen Kanälen im Netz vorzugehen. Denn, so argumentiert Daimagüler auf die Verharmlosung der AfD von Rhetorik: „Zu jeder Form von Gewalt gehört auch eine Form von gewalttätiger Rede.“

AfD-Politiker bei „Hart aber fair“: Kritik im Netz  

Auch die Haltung der AfD in der Trauerstunde des Bayerischen Landtags kritisiert Daimagüler: „Die Präsidentin kondoliert der Familie. Alle stehen, bis auf Ihr Mann, der bleibt sitzen. Das ist nicht bürgerlich, das ist nicht konservativ, das ist einfach nur schäbig.“ Im Studio gibt es da lauten Applaus.

„Ich hoffe, Sie haben nicht das Gefühl gehabt, an einem Tribunal teilgenommen zu haben“, verabschiedet sich Plasberg von Junge. Auch im Anschluss der Sendung gibt es noch viel Kritik an der Gästewahl für den Talk. Nutzer bezeichnen Junge als Hassprediger, Plasberg wird für seinen Interview-Stil kritisiert - und auch der Sender mache sich mitschuldig, wenn man solchen Menschen eine Plattform gebe.

Die AfD hat unterdessen wenige Tage nach der Ausstrahlung von „Hart aber fair“ den nächsten Aufreger produziert - diesmal in Sachsen.

„Hart aber fair“: Zuschauer fassungslos vor der Sendung über Plasbergs Gast

Vorbericht vom 1. Juli 2019: Berlin - „Aus Worten werden Schüsse - wie gefährlich ist rechter Hass?“ Unter diesem Motto stand die Talk-Show „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg am Montagabend. Seine Gäste sollten um unter anderem auch die Gemütslage in Deutschland nach dem Mord an dem Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke zu diskutieren. Zu den Personen, die der WDR ins Studio eingeladen hat gehören unter anderem der Strafverteidiger Mehmet Daimagüler, der Journalist Gerog Mascolo, sowie CDU-Politiker Herber Reul und Irene Mihalic von den Grünen.

„Hart aber fair“: Umstrittener AfD-Politiker Uwe Junge zu Gast - mehrere verbale Entgleisungen

Für Aufregung im Netz sorgt aber vor allem der fünfte Gast im Bunde: Uwe Junge, seines Zeichens Vorsitzender der AfD-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz. Der 61-Jährige ist auch innerhalb seiner Partei nicht unumstritten und sorgte immer wieder mit verbalen Entgleisungen für Aufsehen. So schrieb Junge beispielsweise Ende 2017 im Hinblick auf die Willkommenskultur in Deutschland: „Der Tag wird kommen, an dem wir alle Ignoranten, Unterstützer, Beschwichtigen, Befürworter und Aktivisten der Willkommenskultur im Namen der unschuldigen Opfer zur Rechenschaft ziehen werden!“

Zum TV-Talk vom Montag gibt es auch eine TV-Kritik von fr.de*: „Hart aber fair“: Ärgerlicher Aussetzer von Plasberg und seiner Redaktion

Aber auch gegen die anderen Parteien teilte der 61-Jährige ordentlich aus. Die SPD bezeichnete er unter andrem als „dahinsiechende Sekte“. Viele Nutzer auf Twitter sind deshalb erschüttert darüber, dass Plasberg sich gerade Uwe Junge in eine Sendung einlädt, in der es unter anderem über Hass und Hetze im Netz gehen soll. 

„Hart aber fair“: Netz tobt wegen AfD-Mann Uwe Junge - „Hört auf, solche Nazis einzuladen“

So schreibt der User SanchiSuarez: „‘Hart aber fair‘ lädt Uwe Junge zum Thema Lübcke in die Sendung ein. Geschmackloser geht es kaum. Wenn ihr wissen wollt, wie zukünftige Brandstiftungen verhindert werden können, dann fragt verdammt noch mal nicht den Oberpyromanen!“ „Ladet Uwe Junge aus! Hört auf, solche Nazis einzuladen und ihnen damit Gehör und Reichweite zu verschaffen. Das ist eure Verantwortung“, fordert ohhellokathrina. Auch die Nutzerin RitaWerner7 beschuldigt die Talk-Show schwer: „Morgen vor einem Monat wurde Walter Lübcke von einem Faschisten vor seinem Haus hingerichtet. Ein Faschist darf sich heute öffentlich bei ‚Hart aber fair‘ darüber erbrechen. Ich bezichtige euch der Mittäterschaft.“

„Hart aber fair“: ARD reagiert auf Kritik

So dominiert der Hashtag „hartaberfair“ am Montagabend auch die deutschen Twitter-Trends und sorgt für ordentlichen Zündstoff. Auch die ARD  hat sich zu den lautstarken Anschuldigungen geäußert: „Hart aber fair ist eine Diskussionssendung, in der je nach Thema die demokratisch gewählten Parteien zu Wort kommen. Die AfD ist die größte Oppositionspartei im Bundestag und gerade bei unserem aktuellen Thema von besonderer Relevanz.“

Viele User fordern dennoch dazu auf, die Sendung am Montagabend zu boykottieren und Uwe Junge so eine möglichst kleine Plattform zu bieten. Der 61-Jährige hat sich selbst noch nicht zu der Thematik geäußert, sondern lediglich seine Teilnahme an er Sendung via Twitter angekündigt.

In der vergangenen Woche wurde in der Talk-Show unter anderem Katharina Schulze von den Grünen hart angegangen. 

Carola Rackete, die deutsche Kapitänin der „Sea Watch 3“, ist nach ihrer Festnahme vorläufig wieder freigekommen. Jetzt äußerte sie sich erstmals selbst. Thema war sie auch in der Talk-Runde zu Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin.

Kapitänin Carola Rackete gehört nach Angaben ihres Anwalts nicht mehr zur aktuellen Crew des Rettungsschiffs "Sea-Watch 3".

fd

*fr.de ist Teil der Ippen-Digital-Zentralredaktion

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