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„Die Hilfe stößt an ihre Grenzen“

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Von: Dieter Hintermeier

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Auch in Afrika leiden noch immer Millionen Menschen und vor allem Kinder an Hunger und Unterernährung.
Auch in Afrika leiden noch immer Millionen Menschen und vor allem Kinder an Hunger und Unterernährung. © Stringer (EPA)

Mit dem Deutschland-Chef des World Food Programmes der Vereinten Nationen, Ralf Südhoff, sprach Dieter Hintermeier über die globalen Wetterdesaster und den Hunger in den Entwicklungsländern. Im Gespräch verrät Südhoff auch, was dagegen getan werden kann.

Herr Südhoff, in der kommenden Woche beginnt die Weltklimakonferenz in Marrakesch. Ein Thema, das Ihnen auf den Nägeln brennt. Was hat der Klimawandel mit Hunger zu tun?

RALF SÜDHOFF: Sehr viel. Der Klimawandel sorgt dafür, dass es viermal so viele Wetterdesaster auf der Welt gibt, als vor 20 Jahren. Faktisch kommt es einmal am Tag auf der Welt zu einer Wetterkatastrophe. Davon erfahren wir meist gar nichts mehr. Afrikanische Bauern müssen mittlerweile alle zwei bis drei Jahren mit einer Dürreperiode rechnen, die ihre Ernte in Mitleidenschaft zieht. Früher traten solche Ereignisse nur alle sechs bis sieben Jahre ein. Wenn wir nichts gegen den Klimawandel unternehmen, werden die globalen Ernten in absehbarer Zeit um 30 Prozent sinken und 100 Millionen Menschen mehr weltweit an Hunger leiden.

Kann der Klimawandel auch an Zahlen festgemacht werden?

SÜDHOFF: Ja. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Kosten für Nothilfeprogramme –auch durch Großkonflikte – weltweit unsere Organisation von 2 Milliarden auf heute über 20 Milliarden US-Dollar erhöht.

Welche Folgen solche Wetterdesaster haben können, hat die Öffentlichkeit jetzt einmal mehr in Haiti gesehen. Das Land wurde vor knapp einem Monate vom Hurrikan „Matthew“ heimgesucht.

SÜDHOFF: Auch jetzt ist in diesem Land, einem der ärmsten Länder der Welt, die Situation immer noch sehr schwierig. Derzeit leiden auf Haiti noch schätzungsweise 800.000 Menschen Hunger. Knapp 350.000 Haitianer werden derzeit von unserer Organisation unterstützt. Hier kann ich nur feststellen, dass die humanitäre Hilfe an ihre Grenzen stößt.

Warum ist das so?

SÜDHOFF: In den letzten zehn Jahren ist Haiti schon fünf Mal von solchen Wetterdesastern heimgesucht worden. Jedes Mal waren die Menschen nach diesen Katastrophen auf fremde Hilfen angewiesen. Wenn sich das immer wieder nach diesem gleichen Schema wiederholt, dann stimmt etwas mit der Hilfe nicht. Denn so muss es nicht sein: Wir verfügen heute über wesentlich bessere Wetterprognosen, um genauere Vorhersagen treffen zu können, wann zum Beispiel mit solchen Hurrikanen zu rechnen ist. Das ist von unschätzbarem Wert, denn wir können dadurch viel früher Hilfe für die betroffenen Ländern ankaufen. Lastwagen und Nahrungsmittel können beispielsweise bereitgestellt werden. Die Luftversorgung nach einer Naturkatastrophe ist übrigens etwa sieben Mal so teuer, wie die Hilfe im Vorfeld.

Wie sieht es denn generell mit dem Bedarf an Nahrungsmittel aus?

SÜDHOFF: Es gibt Prognosen, die zu dem Ergebnis kommen, dass die Nahrungsmittelproduktion in den nächsten Jahrzehnten um 50 Prozent und mehr gesteigert werden muss, damit der Bedarf der Weltbevölkerung gedeckt werden kann. Das liegt aber nicht nur am vielzitierten demografischen Faktor. Hier spielen auch die veränderten Ernährungsgewohnheiten der Menschen eine große Rolle. So wird zum Beispiel heute viel mehr Fleisch gegessen als früher. Das heißt im Umkehrschluss, dass große Flächen für Viehfutter notwendig sind und nicht für den Getreideanbau genutzt werden können. Darüber hinaus werden potenzielle Anbauflächen zum Beispiel für Produkte zur Herstellung Bioenergie und Kosmetik genutzt.

Hilft es da, wenn der „Norden“ seine Nahrungsmittelproduktion hochfährt, um die Überproduktion dann im „Süden“ der Welt abzuliefern?

SÜDHOFF: Wir müssen nicht die Nahrungsmittel im Norden hochfahren, damit wir dem Süden helfen können. Wir müssen die Menschen im Süden befähigen, sich selbst zu ernähren. Drei von vier hungernden Menschen auf der Welt leben auf dem Land. Viele sind davon selbst Bauern. Was diese nicht brauchen ist eine hochtechnisierte Landwirtschaft. Diesen Menschen wäre viel mehr geholfen, wenn sie Zugang zu Kleinstkrediten hätten, um sich mehr Saatgut zu kaufen. Darüber hinaus brauchen sie zuverlässige Landrechte und eine Ausbildung, damit sie wissen, was bei einer Trocken- und Dürreperiode zu tun ist, um eine Ernte einzufahren.

Kann eigentlich der Markt helfen, um die Nahrungsmittelproduktion zu steigern?

SÜDHOFF: Nach dem in den USA die Immobilienblase geplatzt war, investierten viele Anleger in Weizenfonds. Damit erhöhte diese Spekulation künstlich die Nachfrage nach Weizen, ohne dass ein wirklicher Bedarf da war. Generell gilt aber, dass die steigenden Weizenpreise auch die Produktion von Weizen ankurbeln können.

Ist Landwirtschaft schon eine Zukunftsbranche?

SÜDHOFF: Vor 20, 30 Jahren haben viele noch gedacht, dass die Landwirtschaft eine sterbende Branche ist. Die Zeiten der sogenannten „Milchenseen“ und „Butterberge“ ist aber mittlerweile vorbei. Die Landwirtschaft als Produzent von Nahrungsmitteln ist aber heute, wo die Bedarfe der Menschen immer größer werden, immer mehr gefragt. Insofern hat sich die Landwirtschaft zu einer Zukunftsbranche gewandelt.

Lassen Sie uns noch einen Blick auf einen Krisenherd werfen, bei dem der Hunger ebenfalls eine große Rolle spielt oder spielen wird. Im Irak tobt der Kampf um Mossul, wo die Anti-IS-Koalition die Stadt von der Terrormiliz befreien will. Was bedeutet das für die Menschen?

SÜDHOFF: Da schon seit längerem bekannt war, dass es einen Kampf um Mossul geben wird, konnten wir vorsorgen. So konnten wir Nahrungsmittel für zwei Millionen der dort lebenden Menschen bevorraten. Das sollte für einen Monat reichen. Derzeit sind schon zehn Millionen Menschen von unserer Hilfe abhängig. Nach der Offensive auf Mossul werden es 12 bis 13 Millionen Frauen, Kinder und Männer sein, die auf fremde Hilfe angewiesen sind.

Hat die Bundesregierung das Problem des weltweiten Hungers mittlerweile auf der Agenda?

SÜDHOFF: Ja. Dieses Thema hat eine Priorität bekommen. So werden mittlerweile eine Milliarde Euro des Entwicklungsetats für das Thema „Hunger“ bereitgestellt. Aktuell hat die Bundesregierung 25 Millionen Euro für die Vertriebenen im Irak bereitgestellt.

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