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Hoffnung hinter Masken

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Schuputzer in La Paz, Bolivien, Reportage von Sebstian Wenz
Schuputzer in La Paz, Bolivien, Reportage von Sebstian Wenz © Sergio Salomon Irazoque Guillenn

In der bolivianischen Hauptstadt La Paz arbeiten Hunderte Schuhputzer. Die meisten von ihnen vermummt – ihre Arbeit halten sie geheim, denn Schuhputzer werden als minderwertig angesehen und diskriminiert. Unter den Schuhputzern sind auch viele Kinder, die einen Teil zum Familieneinkommen beitragen.

Von SEBASTIAN WENZ UND VALENTIN SCHWEIZER

Die dunklen Hände Ricardos fliegen über die schwarzen Lederschuhe. Erst entstaubt er sie, dann entfernt er mit schwarzer Tinktur den hartnäckigeren Dreck. Kaum abgetrocknet, trägt er vorsichtig Schuhcreme auf. Jetzt wird poliert, bis das Paar Schuhe glänzt wie neu.

Es ist 7 Uhr, ein Samstagmorgen auf einem der großen Plätze in La Paz, Boliviens Regierungssitz auf über 3500 Metern Höhe. Ricardos erster Kunde an diesem Tag reicht ihm 1,50 Bolivianos, was gut 20 Eurocent entspricht. Das ist der Standardpreis für ein schlichtes Paar Lederschuhe. Der 28-Jährige arbeitet als Schuhputzer. Von diesen gibt es in La Paz Schätzungen zufolge bis zu 1000.

Nicht nur deshalb fallen sie sofort ins Auge. Sie sind auch vermummt. Sie möchten nicht erkannt werden. Denn die Arbeit der Schuhputzer ist schlecht angesehen. Weite Teile der Bevölkerung halten sie für minderwertig und dreckig. Ricardo sagt: „Diskriminierung gehört für uns zum Alltag. Es gibt weit verbreitete Vorurteile, zum Beispiel, dass wir alle Alkoholiker sind, Drogen nehmen und auf der Straße leben.

Das trifft aber nur auf einen sehr kleinen Teil von uns zu.“ Drei Viertel der Schuhputzer vermummen sich. Zusätzlich zur Maske tragen sie meist auch Kappen, so dass auch ihre Augen nicht zu sehen sind. Denn während ihrer Arbeit sitzen die Schuhputzer auf kleinen Schemeln – zu Füßen ihrer Kunden.

Es ist fürs Studium

So bleiben sie unerkannt – von Freunden, Studienkollegen und Bekannten. Oftmals ist nur der engste Familienkreis eingeweiht; die Schuhputzer leben zwei Leben. „Wenn ich die Maske auf- oder abnehme, ist das jedes Mal ein Identitätswechsel“, betont Ricardo. Schuhe putzen ist nicht Ricardos Hauptbeschäftigung, sondern Mittel zum Zweck. Mit dem Geld, das er durch das Schuheputzen verdient, finanziert er sein Studium der Linguistik und Sprachen. Er spricht fließend Englisch und Französisch und lernt gerade Deutsch. Solche Fremdsprachenkenntnisse sind in Bolivien außergewöhnlich. Sein Plan: „Mit diesem Studium kann ich eines Tages als Sprachlehrer arbeiten oder in die Sprachforschung gehen. Gleichzeitig nehme ich an Fortbildungen im Bereich Tourismus teil. Das Wichtigste ist jetzt, dass ich bald meinen Abschluss bekomme, um einfacher Arbeit zu finden.“.

Dass junge Erwachsene Schuhe putzen, um ihre Ausbildung zu finanzieren, ist kein Einzelfall. Alleine die 19- bis 25-Jährigen machen unter den Schuhputzern ein Fünftel aus, wie eine Studie aus dem Jahr 2011 ergab, die von der Organisation „Vamos Juntos“ durchgeführt wurde.

Diese arbeitet in La Paz mit Schuhputzern und setzt sich für ihre Interessen ein. Als Schuhputzer ist man unabhängig und kann seine Arbeitszeiten den Stundenplänen in der Universität anpassen. Außerdem ist kein großes Startkapital notwendig; die Ausstattung besteht neben dem kleinen Schemel aus einer „caja“, in der die Bürsten, Tücher und Cremen aufbewahrt werden.

Diese Faktoren führen dazu, dass auch schon Kinder und Jugendliche der Arbeit nachgehen. Zwar gibt es heute nur noch wenige Kinder unter zwölf, die Schuhe putzen gehen; gleichzeitig sind laut der Studie 14 Prozent der Schuhputzer in La Paz jünger als 19 Jahre.

Einer von ihnen ist der 13-jährige Pablo. Im September vergangenen Jahres hat er angefangen, Schuhe zu putzen – mit 12. Sein Vater hat es ihm beigebracht, und so trägt der Junge schon zum Familieneinkommen bei. „Was ich verdiene, brauchen, wir um meine Schulsachen zu bezahlen – Uniform, Bücher und andere Materialien. Der Rest wird gespart. Ich gebe einen Teil des Geldes meinem Vater – damit er mir etwas zu Weihnachten kaufen kann.“

Das ist die bittere Realität in Bolivien, einem der ärmsten Länder Südamerikas. Kinderarbeit ist hier noch weit verbreitet. Offiziellen Angaben zufolge arbeiten in Bolivien 850 000 Minderjährige – und das meist legal.

Denn im Juli 2014 trat unter der Ägide des sozialistischen Präsidenten Evo Morales ein neues Gesetz in Kraft, das auch die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren legalisiert. Schon ab zehn dürfen Kinder nun arbeiten, wenn sie keinen Dienstherrn haben; ab zwölf auch mit Vorgesetztem. Aufmerksamkeit erregten im Vorlauf des Gesetzgebungsprozesses Kindergewerkschaften, die sich gegen die Kriminalisierung von Kinderarbeit einsetzten und forderten, dass ihre Arbeit anerkannt und fair reguliert werde.

„Wir brauchen das Geld“

Es waren die Kinder selbst, die argumentierten, wenn Kinderarbeit legal sei, könne man besser gegen Ausbeutung vorgehen. Morales schloss sich dieser Argumentation an und erklärte, Kinderarbeit sei Teil der bolivianischen Kultur und fördere ein soziales Bewusstsein. Allerdings wurde das Gesetz auch kritisiert, beispielsweise von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Kinderarbeit dürfe kein Mittel zur Armutsbekämpfung sein, hieß es.

Der 13-jährige Pablo sagt: „Natürlich wäre es schöner, wenn Kinderarbeit nicht nötig wäre. Aber hier in Bolivien, in meiner Familie zum Beispiel, brauchen wir das Geld.“ Die Arbeit verhindert nicht, dass er zur Schule geht, sondern ermöglicht ihm den Schulgang. Unter der Woche sitzt er von 6 bis 11 Uhr morgens auf seinem Hocker und putzt Schuhe. Sein Unterricht findet nachmittags statt. „Am Wochenende putze ich nicht. Die Zeit brauche ich, um meine Hausaufgaben zu machen“, erklärt Pablo, der in seiner Freizeit gern liest.

Auch Pablo putzt mit Maske. Nur seine Eltern und sein Bruder wissen, dass er Schuhe putzt: „Es ist wirklich schwierig, das geheim zu halten. Meine Schulfreunde fragen mich manchmal, woher ich Geld habe. Dann muss ich lügen und sagen, meine Eltern würden es mir geben. Für viele ist Schuheputzen eine Schande. Viele denken, dass wir Schuhputzer schlechte Menschen sind“.

Die Wirtschaft wächst

Mehr Einsatz gegen Diskriminierung von Seiten der Regierung erhofften sich viele Schuhputzer von Präsident Morales. Der 56-Jährige führt die Partei „Movimiento al Socialismo“ (MAS), zu Deutsch Bewegung zum Sozialismus, und regiert Bolivien seit 2006. Morales ist der erste bolivianische Präsident indigener Abstammung und wurde 2009 und 2014 mit absoluten Mehrheiten wiedergewählt. Der Einsatz für die indigene Bevölkerung und die unteren Schichten hat die Bevölkerung zu seinen Gunsten an die Wahlurnen getrieben.

Ricardo zieht heute eine gemischte Bilanz: „Konkret für uns Schuhputzer hat Evo nichts getan. Aber er hat dafür gesorgt, dass die Wirtschaft wächst; er stärkt die Industrie. Deswegen gibt es weniger Schuhputzer und der Preis für ein Paar ist seit 2007 von 0,50 auf 1,50 Bolivianos gestiegen. Ich würde mir von Evo mehr finanzielle Unterstützung für die Jugendlichen wünschen. Für das Studium und die Verpflegung. Aber insgesamt macht Evo seine Sache gut. Er hilft den armen Menschen auf dem Land, die oftmals noch ärmer als wir Schuhputzer sind. In ihm fließt unser Blut.“ Dieses Gefühl macht Morales so beliebt. Die indigene Bevölkerung, die in Bolivien die Mehrheit stellt, hat das Gefühl, dass nun endlich „einer von ihnen“ die Geschicke des Landes führt.

Für die Schuhputzer wie Pablo bleibt der Alltag trotzdem hart. Er wird erstmal weiterhin jeden Morgen früh aufstehen, um die Schuhe der besser Betuchten zum Glänzen zu bringen. Sein ganzes Leben will er so aber nicht verbringen: „Ich hoffe, dass ich nach meinem Schulabschluss studieren kann. Eines Tages will ich Ingenieur oder Anwalt werden!“

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