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Flüchtling Abdisamed Mohamud bedient ein pneumatisches Stellgerät. Er ist im ersten Lehrjahr bei der Firma Samson.

Jungen Menschen eine Chance geben

Integration von Flüchtlingen: Frankfurter Unternehmen leistet Beachtliches

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Bei der Integration vin jungen Flüchtlingen geht die Frankfurter Samson AG: Das Unternehmen hat seit dem vergangenen Jahr 30 Arbeitsplätze zusätzlich zur Verfügung gestellt. Und keiner der Verantwortlichen bereut die Entscheidung. Solch ein Engagement wünscht man sich bei Samson auch von anderen Unternehmen.

Die Glocke ertönt schrill. Die Mittagspause ruft. In der Lehrwerkstatt der Frankfurter Samson AG herrscht plötzlich Trubel. Die 40 Auszubildenden verlassen flugs ihren Arbeitsplatz, gehen in den Pausenraum oder machen sich auf den kurzen Weg in die Firmenkantine. Pause ist Pause. Auch in der Lehrwerkstatt.

Einer von den Auszubildenden hat es nicht so eilig. Ehab Saleh heißt der junge Mann. Er räumt seine Arbeitswerkzeuge zur Seite und lässt Mittagspause Mittagspause sein. Er konzentriert sich lieber auf das Gespräch mit dem Reporter. 22 Jahre ist Ehab alt, er kommt aus Somalia und ist im Grenzgebiet zwischen Jemen und Saudi-Arabien aufgewachsen. Aus „politischen Gründen“ floh er 2013 mit seinen Eltern nach Deutschland. Es war keine beschwerliche Route, die er auf seiner Flucht bewältigen musste. „Wir sind mit dem Flugzeug gekommen“, sagt er lächelnd. Nach einer Odyssee, die ihn nach Frankreich, Dortmund und ins Erstaufnahmelager für Flüchtlinge nach Gießen führte, fand Ehab schließlich in Friedrichsdorf eine dauerhafte Bleibe. Und in dem Taunusstädtchen traf ihn dann auch das große Los. Über die Jugendberufsagentur des Hochtaunuskreises (Juba) fand er Kontakt zu Samson. Nach einem 14-tägigen Betriebspraktikum hat der Somalier seit 1. September einen Fördervertrag in der Tasche, der dann später einmal in einen klassischen Ausbildungsvertrag umgewandelt werden kann.

Möglich wurde das alles, weil das Technikunternehmen Samson ein wohl in Deutschland einzigartiges Projekt ins Leben gerufen hat. Zu seinem klassischen Ausbildungsprogramm hat es nämlich 30 zusätzliche Stellen für geflüchtete Menschen geschaffen. „Auslöser für dieses gemeinsame Projekt von Geschäftsleitung und Betriebsrat war das schreckliche Bild von dem syrischen Jungen, der auf der Flucht ertrunken war und an der türkischen Küste gefunden wurde. Unser Vorstandsvorsitzender Andreas Widl hat daraufhin die 30 zusätzlichen Arbeitsplätze für jugendliche Flüchtlinge mit der Genehmigung des Aufsichtsrates ins Leben gerufen“, erläutert Matthias Ganz, Personalchef bei Samson.

Da es sich um „zusätzliche Arbeitsplätze“ handele, wollte Samson eine „Konkurrenzsituation“ zu den regulären 45 Ausbildungsplätzen vermeiden, erläutert Ganz.

Die Erfahrungen, die das Unternehmen mit den jungen Flüchtlingen gemacht habe, seien durchweg positiv. „Die meisten haben sich in den wenigen Monaten des Aufenthaltes bei uns deutsche Sprachkenntnisse angeeignet, die mir die Sprache verschlagen“, lobt Ausbildungsleiterin Andrea Schmidt. Der feste Wille und gesunder Ehrgeiz, möglichst bald den Anschluss an die deutschen Kollegen ihrer Altersgruppe zu finden, zeichne alle aus, so die Erfahrung von Schmidt. In der Lehrwerkstatt selbst werden die Flüchtlinge von Hendric Jacoby betreut. Auch seine Erfahrungen mit seinen Schützlingen sind positiv. „Sie sind alle sehr motiviert“, sagt Jacoby. Einige hätten die Ausbilder mit Hausaufgaben überrascht, die diese sich in der Berufsschule oder im Rahmen der beruflichen Ausbildung selbst gestellt hätten. „Die Ergebnisse sollten wir dann begutachten“, freut sich Ausbildungsleiterin Schmidt.

Doch bevor die Flüchtlinge im Unternehmen Fuß fassten, stand eine intensive Suche nach geeigneten Bewerbern an. „Hierbei halfen uns die Kontakte zu ehrenamtlichen und behördlichen Stellen der Flüchtlingshilfe“, erläutert Ganz. Besonders intensive Partnerschaften seien dabei zum Beispiel mit der Hochtaunusschule in Oberursel, der Frankfurter Hans-Böckler-Schule und dem Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft entstanden.

Schmidt sagt, schnell hätten sich dadurch Interessierte für ein Praktikum zur Berufsorientierung gefunden, das Aufschluss darüber gegeben habe, ob ein Industrieberuf den persönlichen Neigungen und Fähigkeiten entsprochen habe. „Bei diesen haben wir dann einen Fördervertrag nach dem ,Tarifvertrag zur Integration von Jugendlichen in der Berufsausbildung‘ geschlossen, der die Brücke zu einem Berufsausbildungsverhältnis schlägt“, erklärt Ganz das Prozedere. In dieser Zeit werde dann auch der aufenthaltsrechtliche Status der meist unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge geklärt und diese darüber hinaus intensiv auf die mögliche Lehre vorbereitet.

Was beim Samson-Personalchef und seinen Ausbildern Verwunderung hervorruft, ist der Umstand, dass nach der ersten großen Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen jetzt eine „Zurückhaltung“ in der Politik, der Verwaltung und auch der Wirtschaft zu erkennen sei. „Das Integrationsnetzwerk ,Wir zusammen’ verzeichnet zwar knapp 100 Unternehmen, die sich für geflüchtete Menschen engagieren. Schaut man aber hinter die Kulissen der gesamten Unternehmenslandschaft, dann erkennt man schnell, dass keine oder nur kurzfristige Integrationsbemühungen bestehen. So kommen zum Beispiel alle Dax-Unternehmen auf 54 Festeinstellungen für Flüchtlinge. Wir als mittelgroßes Industrieunternehmen haben dagegen schon 24 langfristige Verträge mit Flüchtlingen geschlossen“, sagt Ganz.

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