Vor dem Start in den Beruf ist für viele Flüchtlinge erst einmal Pauken der deutschen Sprache gefragt.
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Vor dem Start in den Beruf ist für viele Flüchtlinge erst einmal Pauken der deutschen Sprache gefragt.

Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt

Integration: Es gibt noch viel zu tun

  • Dieter Hintermeier
    vonDieter Hintermeier
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Mit Sprachkursen und gemeinnützigen Arbeiten versuchen die Bundesagentur für Arbeit und die Kommunen Flüchtlinge und Migranten ins Arbeitsleben zu integrieren.

„Uns ist nicht bekannt, dass schon jemand im Handwerk arbeitet.“ Oliver Dehn, Sprecher der Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main, fasst die aktuelle Situation für Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt in den Handwerksbetrieben der Rhein-Main-Region zusammen.

Dehn macht für diese Situation die „kurze Verweildauer“ der Flüchtlinge in Deutschland als auch die langwierigen Asylverfahren verantwortlich. Bekanntlich können bis zum Abschluss eines Asylverfahrens bis zu eineinhalb Jahre ins Land ziehen. Erst mit der Anerkennung des Aufenthaltstatus könnte ein Flüchtling eine dreijährige Ausbildung im Handwerk beginnen. „Die Betriebe brauchen ein sicheres Zeitfenster“, betont Dehn in diesem Zusammenhang.

Und noch etwas kann den Flüchtlingen die Integration auf dem deutschen Arbeitsmarkt erschweren: Mangelnde deutsche Sprachkenntnisse und berufliche Qualifikationen. Bei letzterem setzt das Handwerk, so Dehn weiter, auf eine berufliche Kompetenzfeststellung des Flüchtlings. „Unser duales Ausbildungssystem hat eine Ausnahmestellung. Vor diesem Hintergrund ist es zum Beispiel schon schwierig, Vergleichbarkeitsmerkmale zwischen einem britischen und einem deutschen Elektriker zu finden“, sagt Dehn.

Nach Ansicht des Handwerkssprechers kann sich die Integration der Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt als sehr schwierig gestalten. Für „ökonomische Migranten“, die auf schnellen und hohen Verdienst hofften, biete der Arbeitsmarkt für schlecht qualifizierte Menschen wenig Perspektiven. „Klassische Hilfsarbeitertätigkeiten, die für Unqualifizierte in Frage kommen, gibt es immer weniger in den Betrieben. Das ist eine Tendenz, die sich seit den 1980er-Jahren immer weiter entwickelt hat“, weiß Dehn.

Auch bei der Frankfurter Industrie- und Handelskammer (IHK) kommt man bislang zu dem Schluss, „dass die ganz große Welle der Flüchtlinge, die in IHK-Berufen ausgebildet werden, bei uns noch nicht angekommen ist“, wie die IHK-Sprecherin Anne Waldeck feststellt.

In Ausbildung käme frühestens 2017 eine nennenswerte Anzahl Flüchtlinge und die große Welle wahrscheinlich erst 2018. Die Deutschkurse für 16- bis 20-jährige an Beruflichen Schulen sind für zwei Jahre angelegt und starteten erst im Schuljahr 2014/2015, sagt Waldeck und ergänzt: „Deutschkenntnisse möglichst auf dem Niveau B2 sind die Voraussetzung, um erfolgreich beruflich ausgebildet zu werden. Tatsächlich könnte es schon eine Herausforderung werden, mit nur den geplanten zwei Schuljahren das Niveau B1 zu schaffen“.

Das Niveau B2 setzt unter anderem voraus, dass „jemand die Hauptinhalte zu komplexen und konkreten Themen sowie Fachdiskussionen versteht und er sich spontan und fließend verständigen kann“.

Waldeck hält es darüber hinaus für möglich, dass im Frühsommer eine nennenswerte Anzahl an interessierten Flüchtlingen in Praktika, die einer Berufsausbildung vorgeschaltet werden können, kommen.

Generell gelte, dass derzeit den Arbeitsagenturen und den Bildungsdienstleistern – hierzu gehörten auch die Schulen – längst noch nicht alle Flüchtlinge überantwortet sind. „Denn diese sind noch nicht in unseren Strukturen angekommen. Ein Großteil der dauerhaft in Frankfurt angekommenen Flüchtlinge hat noch nicht einmal seinen Antrag auf Asyl abgeben können“, sagt Waldeck. Insofern sei ein genereller Zeitverzug zwischen Ankommen, Unterkommen und Einstieg in Arbeit oder Ausbildung vorhanden.

Derzeit gibt es in Frankfurt laut Angaben der Zentralen Vermittlung von Unterkünften 3500 zugewiesene Flüchtlinge. Hierbei handele es sich um erwachsene Alleinreisende und Familien. Diese zugewiesenen Flüchtlinge verblieben voraussichtlich länger in Frankfurt. Darüber hinaus seien noch etwa 800 minderjährige alleinreisende Flüchtlinge in der Mainmetropole, von denen aber nur knapp 300 dauerhaft in Frankfurt verblieben. Vom Land Hessen seien darüber hinaus noch bis zu 2000 Flüchtlinge in der Außenstelle der Landeserstaufnahme im ehemaligen Neckermann-Gebäude untergebracht.

Diese Flüchtlinge blieben nur eine sehr kurze Zeit in Frankfurt. Von der ersten Gruppe der 3500 Flüchtlinge seien etwa 80 Prozent alleinreisende Männer unter 30 Jahre. Es gebe nur sehr wenige alleinreisende Frauen. Von den zugewiesenen Flüchtlingen seien 30 Prozent aus Eritrea, 21 Prozent aus Afghanistan, 20 Prozent aus Syrien, 5 Prozent aus Äthiopien sowie jeweils 4 Prozent aus Somalia, Iran und dem Westbalkan, 3 Prozent stammten aus dem Irak.

Wer von diesen Flüchtlingen in Arbeit kommen möchte, kommt in der Regel an der Bundesagentur für Arbeit (BA) nicht vorbei. Deutsch- und Integrationskurse fördert nämlich die Agentur. In „speziellen beruflichen Maßnahmen“ der Regionaldirektion Hessen der AA sind derzeit 69 Flüchtlinge unterge bracht, angestrebt sind 1360, wie BA-Sprecherin Angela Köth erklärt. „Bis die Flüchtlinge aber als Arbeitssuchende bei uns landen, muss erst einmal ihr Aufenthaltsstatus geklärt sein. Hier ist die Agentur davon abhängig, wie schnell das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge diese Anträge bearbeitet“, erklärt Köth.

Neben dem Aufenthaltsstatus seien für die Integration der Flüchtlinge im deutschen Arbeitsmarkt auch deren Deutschkenntnisse von entscheidender Bedeutung, um einen qualifizierten Job zu finden. „Sprachkenntnisse sind das A und O“, betont Köth. Ob Flüchtlinge und Migranten später einmal bestimmte Lücken bei gesuchten Fachkräften schließen, steht für Köth noch in den Sternen, wenn sie sagt: „Nicht jeder Flüchtling ist zum Altenpfleger oder Erzieher geeignet.“

Und offenbar gilt generell, dass es mit der beruflichen Qualifikation nicht immer zum besten gestellt ist, wie das Münchner Ifo-Institut ermittelt hat. Der Anteil von Analphabeten in den Herkunftsstaaten sei meist hoch, in Afghanistan etwa liege er bei mehr als 50 Prozent bei den 14- bis 29-Jährigen. Der Anteil der Hochschulabsolventen betrage selbst im vergleichsweise hoch entwickelten Syrien nur sechs Prozent. Zudem seien in vielen Fällen die Abschlüsse nicht gleichwertig.

Und die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner erklärte kürzlich: „Inzwischen wissen wir, dass fast 90 Prozent der Flüchtlinge keine ausreichende Qualifikation mitbringen, um direkt in den deutschen Arbeitsmarkt integriert zu werden.“

Apropos Sprachkurse für Flüchlinge: Hier legen sich auch die Kreise mit entsprechenden Angeboten ins Zeug. „Wir haben derzeit insgesamt rund 2800 Flüchtlinge im Main-Taunus-Kreis. Arbeitsförderung für diese bedeutet für uns vor allem Sprachförderung, weil die deutsche Sprache in aller Regel eine zentrale Voraussetzung ist, qualifizierte Arbeit zu finden. An den Sprachkursen, die über unsere Volkshochschulen angeboten werden, nehmen derzeit 200 bis 300 Flüchtlinge teil“, so Kreis-Sprecher Dr. Johannes Latsch.

Ein weiterer praktischer Schritt für Flüchtlinge in Richtung Arbeitsleben sei die gemeinnützige Arbeit beim Kreis und den Kommunen. Darunter fiele die Assistenz von Schulhausmeistern der kreiseigenen Schulen und der Einsatz auf Bauhöfen der Kommunen wie derzeit in Hattersheim, Bad Soden, Flörsheim und Kriftel. „In diesen Arbeitsgelegenheiten sind derzeit rund 20 Asylbewerber eingesetzt“, sagt Latsch.

Auf die Arbeitslosenzahlen in Hessen wirkte sich die große Zahl der Flüchtlinge noch nicht aus. „Im Vorjahresvergleich sank die Zahl arbeitsloser Menschen aus den europäischen Asylzugangsländern (Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Russische Föderation, Serbien, Ukraine) um Minus 4,5 Prozent auf 4941. Der Anstieg aus den außereuropäischen Asyl-Zugangsländern (Eritrea, Nigeria, Somalia, Afghanistan, Iran, Pakistan, Syrien) liegt bei 28,6 Prozent auf 9920 Personen. Das sind etwa 2200 mehr als noch vor einem Jahr.

Im Jahresdurchschnitt 2015 waren in Hessen rund 53 860 Ausländer arbeitslos“, rechnet AA-Sprecherin Köth vor.

Die Bundesagentur für Arbeit geht generell davon aus, dass die Eingliederung von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt ein langwieriger Prozess sein wird. „Wir sollten nicht zu hohe Erwartungen haben“, sagte das neue BA-Vorstandsmitglied Detlef Scheele der „Süddeutschen Zeitung“. „Wenn es gut läuft, werden im ersten Jahr nach der Einreise vielleicht zehn Prozent eine Arbeit haben, nach fünf Jahren ist es die Hälfte, nach 15 Jahren 70 Prozent.“

Die Bundesagentur kalkuliert 2016 mit 350 000 Flüchtlingen, die auf die staatliche Grundsicherung angewiesen sein werden.

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