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Szene aus dem ZDF-Mehrteiler ?Bad Banks?: Nachwuchsbankerin Jana (Paula Beer, 2.v.r.) und ihr Team ? Thao Hoang (Mai Duong Kieu, l.), Adam Pohl (Albrecht Schuch, 2.v.l.) und Shanti Bhardevej (Utsav Agrawal, r.) legen sich ins Zeug, um einen lukrativen Auftrag an Land zu ziehen.

Interview mit Gesellschaftswissenschaftler

Wie tickt die „Finanzklasse“ in Frankfurt?

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Wie tickt die „Finanzklasse“ in Frankfurt? Das verrät der Gesellschaftswissenschaftler und Soziologe Sighard Neckel im Gespräch mit unserem Reporter Dieter Hintermeier.

Herr Neckel, in einer Studie haben Sie und ihre Mitarbeiter sich der sogenannten Finanzklasse gewidmet. Was verbirgt sich hinter dieser „Klasse“?

SIGHARD NECKEL: Hiermit meinen wir die gut ausgebildeten Menschen im Finanzwesen. Hier insbesondere die Investmentbanker, die sich auf den internationalen Finanzmärkten bewegen und sich von der beruflichen Ausbildung bis zur Weltanschauung immer ähnlicher werden.

Aus welchem sozialen Umfeld stammt diese „Finanzelite“?

NECKEL: Das ist unterschiedlich. Früher rekrutierte sich diese Berufsgruppe im angelsächsischen Raum aus der sozialen Oberschicht. In Deutschland spielte dagegen die Berufsausbildung in der Bank eine große Rolle. Heute ist entscheidend, dass die Absolventen bestimmte Business Schools besucht und mit einem MBA abgeschlossen haben müssen. Vorwiegend stammen diese junge Menschen aus akademischen Haushalten der oberen Mittelschicht.

Warum haben diese Top-Leute zum Beispiel nicht eine klassische Manager- oder Richterlaufbahn eingeschlagen?

Sighard Neckel

NECKEL: Geld spielt für diese Berufswahl eine zentrale Rolle. In der Finanzbranche können die höchsten Einkünfte erzielt werden. Investementbanker haben das Gefühl, dass sie zu einer Elite gehören. Nach deren Logik muss sich das dann auch auszahlen.

Wo wir schon einmal beim „Auszahlen“ sind. Was wird in der Branche verdient?

NECKEL: Die durchschnittlichen Jahresgehälter zum Beispiel für Analysten am Finanzplatz Frankfurt liegen nach dreijähriger Berufserfahrung bei 125 000 bis 145 000 Euro. Hinzu kommen Bonuszahlungen und Erfolgsprämien. Rund 300 angestellte Banker in Deutschland verdienen sogar über eine Million Euro im Jahr.

Und wie sieht es im angelsächsischen Raum aus?

NECKEL: Hier wird noch mehr verdient. Am Finanzplatz Sydney, den wir ebenfalls untersucht haben, bekommen die jungen Investmentbanker rund 180 000 Euro jährlich. Die absoluten Spitzengehälter liegen hier bei 19 Millionen Euro. In London konnte ein Investmentbanker 2014 sogar 34 Millionen Euro verdienen.

Viel Geld, was wird dafür als Gegenleistung erwartet?

NECKEL: Erwartet wird von den Investmentbankern die Maximierung von Renditen. Und das jährlich. Folglich steht diese Berufsgruppe unter einem starken finanziellen Erfolgsdruck. Die Kunden dieser Banker erwarten eine permanente Steigerung ihrer Rendite. Auch die Konkurrenz innerhalb dieser Gruppe ist hart.

Warum ist das so?

NECKEL: Es gibt derzeit weltweit viel vagabundierendes Kapital, das nach Veranlagung sucht, das macht diese Berufsgruppe interessant. Investmentbanker müssen deshalb neben hervorragenden Kenntnissen im Finanzwesen auch eine gewisse Weltläufigkeit an den Tag legen, damit sie überall in der Welt mit Kunden auf Augenhöhe sprechen können.

Wie flexibel müssen die Banker in ihrem Berufsleben sein?

NECKEL: Flexibilität wird in der Branche geschätzt. Auch wenn viele Institute ihre Mitarbeiter gerne länger halten würden, gilt es bei diesen dennoch als Leistungsbeweis, wenn sie alle eineinhalb bis drei Jahre den Arbeitgeber wechseln. Im umgekehrten Fall könnte ja der Schluss gezogen werden, dass sich niemand für sie interessiert. Klar ist auch, dass jeder Wechsel mit einem höheren Gehalt verbunden ist.

Diese Berufsgruppe scheint die Erfolgsspur zu suchen. Wird das auch von der „Außenwelt“ goutiert?

NECKEL: Seit der Finanzkrise 2008 hat die „Fremdwahrnehmung“ dieser Berufsgruppe stark gelitten. Die Banker sehen das anders. Sie halten diese Vorwürfe für ungerechtfertigt, denn sie sehen sich als Mitglieder einer hochqualifizierten Berufsgruppe mit hervorragenden Kompetenzen. Und schließlich wären nicht sie für die Finanzkrise verantwortlich, sondern die Anleger, die Druck ausgeübt hätten.

Gibt es denn in dieser Branche auch Frauen, die ihren „Mann stehen“?

NECKEL: In der Finanzbranche arbeiten sehr viele Frauen. Aber das Investmentbanking ist eine Männerdomäne. Die Frauen halten es dort nicht lange aus. Sie stört hier die Ruppigkeit des Umgangs, die vielen Machtspiele und der ausgeprägte Sexismus, der dort an der Tagesordnung ist. Frauen finden sich eher in den Back-Office-Bereichen der Banken, in der Vermögensverwaltung. Die männlichen Investmentbanker bezeichnen sich hingegen gerne als „Krieger“ und „Kämpfer an der Front“.

Welches Weltbild schätzen diese„Krieger“?

NECKEL: Das Weltbild folgt liberalen Auffassungen. Für Banker sind die Märkte die beste Organisationsform wirtschaftlichen Handelns. Dabei seien die Finanzmärkte am effektivsten, wenn es keine Regelung von außen gebe.

Lassen Sie uns über das Privatleben der Banker sprechen. Wo wohnen sie? Was schätzen sie als Statussymbole?

NECKEL: Die ältere Generation Frankfurter Banker schätzt den Taunus als Wohnumfeld, während die jüngere und mittlere Generation die angesagten innerstädtischen Lagen schätzt. Zum Beispiel das Frankfurter Nordend oder Sachsenhausen. Hier zählen die jungen Investmentbanker zu den zahlungskräftigsten Käufergruppen für sehr teure Eigentumswohnung.

Wie sieht es mit den Statussymbolen aus?

NECKEL: Diese sind bekanntlich die erkennbaren Insignien des eigenen Erfolgs. Darauf wird in dieser Berufsgruppe Wert gelegt. Von den gewöhnlichen Statussymbolen, wie zum Beispiel einer Rolex-Uhr, wird aber eher Abstand genommen. Viel mehr soll die persönliche Besonderheit demonstriert werden. Das können dann der erlesene Weinkeller, der teure Maßanzug, die handgenähten Business-Schuhe und die edlen Manschettenknöpfe sein. Kulturell schätzt die ältere Generation der Banker die Hochkultur wie Oper und Theater, während die Jüngeren eher „kulturelle Allesfresser“ sind. Diese sind in der Oper genauso zu sehen wie in der angesagten Bar.

Auf was wird in der Finanzbranche noch geachtet?

NECKEL: Sehr wichtig ist ein durchtrainierter Körper. Dieser muss Gesundheit und Kraft ausstrahlen. Deshalb sind sportliche Aktivitäten ein Muss für diese Berufsgruppe. Würde ein Investmentbanker ein ungesundes Erscheinungsbild abgeben, wäre das ein falsches Signal für seine Umgebung. Erwartet werden Power, Dynamik und Schnelligkeit.

Zum Privatleben gehört auch ein Partner oder eine Partnerin. Welche Vorlieben haben hier die Banker?

NECKEL: Sie heiraten untereinander, das heißt in derselben oberen Berufsgruppe, es muss aber nicht das gleiche Berufsfeld der Banken sein. Es befindet sich aber vielfach in der Nähe des eigenen beruflichen Umfeldes. Hierzu gehören Rechtsanwaltskanzleien, Unternehmensberatungen oder der Backoffice-Bereich von Banken.

Buchhinweis: Sighard Neckel, Lukas Hofstätter, Marco Hohmann, Die globale Finanzklasse. Business, Karriere, Kultur in Frankfurt und Sydney. Campus-Verlag, 250 Seiten, 29,95 Euro.

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