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Ulrich Wagner

Sozialpsychologe Ulrich Wagner zum Terror

Jede Tat motiviert Nachahmer

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Der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Uni Marburg warnte bereits nach dem Amoklauf von Würzburg vor Nachahmungs-Taten. Im Interview plädiert er nun für wirksame Prävention und intensive Betreuung gefährdeter Personengruppen.

Herr Wagner, erst vor wenigen Tagen, als wir über den Amoklauf von Würzburg sprachen, warnten Sie vor Nachahmungs-Taten. Diese sind nun in rascher Folge eingetreten. Lässt sich diese Spirale stoppen oder müssen wir mit weiteren Anschlägen rechnen?

ULRICH WAGNER: Meine Befürchtung ist tatsächlich, dass wir uns für eine kurze Zeitperspektive auf weitere Nachahmungs-Taten einstellen müssen. Das lässt sich bei der Struktur der Taten auch mit polizeilichem Aufwand nicht verhindern. Mittelfristig müssen wir sehr stark auf Prävention setzen. Dazu ist es erforderlich, dass wir uns intensiv mit den Hintergründen dieser Taten beschäftigen. Die Täter fühlen sich benachteiligt, ungerecht behandelt und sehen sich häufig ausgeschlossen. Alle Täter der vergangenen Tage galten zudem als Einzelgänger, die Kontakte fast ausschließlich über das Internet pflegten. Zudem haben die Täter nun Modelle von ihren Vorgängern erhalten, die sie animierten.

In wenigen Tagen kam es zu mehreren Anschlägen mit ähnlichem Strickmuster. Von einer islamistischen Radikalisierung ist wenig bis nichts bekannt. Wie lässt sich die Gefahr dieser lawinenartigen Tatmotivation bannen?

WAGNER: Ein wichtiger Punkt, der in diesem Zusammenhang eine große Rolle spielte, war die intensive Mediendarstellung – vor allem im Fernsehen und Internet. Im Zusammenhang mit Selbstmord spricht man auch vom Werther-Effekt. Daher ist mein dringender Appell an die Medien, die Bürger zwar zu informieren, aber die Art der Darstellung zu verändern. Am Freitagabend, als die Bilder aus München durch die Tagesschau gingen, war das einfach schlecht gemacht. Dort waren viele verwackelte Bilder von panischen Menschen und umher hastenden Polizisten zu sehen. Jemand, der für Macht- und Gewaltphantasien empfänglich ist, fühlt sich dadurch extrem motiviert, einen Polizei-Apparat mit über 2000 Beamten an der Nase herumzuführen und eine ganze Stadt in Panik zu versetzen. Der Informationsgehalt erhöht sich durch die Einspielung solcher Amateurvideos nicht, wohl aber der Modell-Charakter, der potenzielle Täter motiviert.

Sind junge Flüchtlinge empfänglicher für solche Taten?

WAGNER: Das Ausmaß an Gewaltbereitschaft ist bei jungen Männern – völlig unabhängig von ihrer Herkunft – ausgeprägter als bei Frauen und älteren Männern. Diese Form von erhöhter Gewaltbereitschaft hat mit Identitätsvorstellungen von jungen Männern zu tun, die sich oft über Gewalt definieren. Das ist auch meine Erklärung dafür, warum junge Männer im Zusammenhang mit Terror auffälliger sind.

Doch nach Würzburg haben nun auch in Reutlingen und Ansbach Asylsuchende Anschläge verübt. Wie stark ist der gruppendynamische Aspekt, der aus Hilfesuchenden Tätern macht?

WAGNER: Ich vermute nicht, dass Asylbewerber sich besonders von Attacken anderer Asylbewerber anstecken lassen. Dass solche Vorbild-Effekte auftauchen können, will ich nicht abstreiten. Ich würde aber eindringlich davor warnen, so zu tun, als wäre diese Zielgruppe anfälliger. Selbst wenn es so wäre, bewegen wir uns hier im Promille-Bereich. Von über 1,1 Millionen Menschen, die binnen eines Jahres zu uns kamen, wurden nun drei Taten verübt. Das ist rational betrachtet nicht sonderlich viel.

Aufgrund der jüngsten Ereignisse droht die Stimmung gegenüber jungen Flüchtlingen zu kippen. Wie sähe ein tragfähiger Kompromiss aus, um Sicherheit und Freiheit aller zu gewährleisten?

WAGNER: Diese Täter hatten ja gerade die Absicht, uns alle in Angst und Schrecken zu versetzen. Wir müssen uns das genau vor Augen halten: Terrorismus zielt darauf ab, die demokratische Struktur einer Gesellschaft durcheinander zu bringen. Ich kann nur empfehlen, eine Trotzreaktion zu zeigen und sich zu verdeutlichen, wie gering das Risiko, selbst zum Opfer zu werden, weiterhin ist. Niemand spricht darüber, wie viele Menschen seit Freitagabend mit dem Auto ums Leben gekommen sind. Wir dürfen jetzt nicht glauben, dass jene 20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen, die über einen Migrationshintergrund verfügen, alle potenzielle Täter sind. Wichtig ist auch, dass die Politik sachlich mit dieser Situation umgeht.

In Deutschland leben Zehntausende Flüchtlinge, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, die aber noch nicht abgeschoben werden. Zu welcher Form der Betreuung raten Sie, um weitere Bluttaten zu verhindern?

WAGNER: Wir haben eine bestimmte Gruppe von Geflüchteten, die in Deutschland unter äußerst prekären Verhältnissen lebt. Man muss sich in deren Lage versetzen. Die haben keine Zukunftsperspektive, Sanktionen sind hier allerdings auch nicht wirkungsvoll. Hier muss der Rechtsstaat greifen. Andererseits wäre es auch wichtig, diesen Menschen eine Perspektive zu bieten. Denn jemanden ohne jegliche Perspektive hier leben zu lassen, führt genau zu solchen Taten. Wenn jemand wie der Täter von Ansbach, bereits vorbestraft ist, muss das auch Konsequenzen haben. Die Menschen einfach so vor sich hinvegetieren zu lassen, ist keine Lösung. Erst durch intensive Betreuung und präventive Arbeit kann dies vermieden werden. Dieser dritte Weg sollte nicht aus Mitleid, sondern aus rationalen Gründen und gesellschaftlichem Eigeninteresse eingeschlagen werden.

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