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Konstruktionsfehler: Der Auftraggeber war die Kirche selbst.

Interview

Jesuitenpater Klaus Mertes über die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche

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Mit dem Jesuit und Direktor des Kollegs St. Blasien, Klaus Mertes, sprach unser Reporter Dieter Hintermeier über die Missbrauchsstudie der katholische Kirche, deren Versäumnisse und Verdienste.

Herr Mertes, schon vor der Veröffentlichung gab es Kritik an der Missbrauchsstudie der katholischen Kirche. Wie gehen Sie damit um?

KLAUS MERTES: Die Studie reflektiert ja selbst, dass es sich hierbei um eine Auftragsarbeit handelt. Trotzdem finde ich es gut, dass diese in Auftrag gegeben wurde. Stellen Sie sich einmal vor, was wäre, wenn die polnische Kirche eine solche Studie in Auftrag geben würde.

Pauschale Kritik ist nicht angebracht?

MERTES: Das Konsortium hat meiner Ansicht nach seriös gearbeitet. Und zwar unter den Prämissen, die vorgegeben waren, und es wusste wo die Grenzen der Studie liegen.

Wo sehen Sie positive Ansätze?

MERTES: Man sollte würdigen, dass hierbei Tausende Priester es erlaubt haben, dass man in ihre Personalakten schaut. Was für einen Aufschrei gäbe es an deutschen Schulen, wenn die Bildungsbürokratie eine Untersuchung in Auftrag geben würde, bei der nach Aktendurchsicht die Zahl der schulischen Wanderpokale ermittelt werden soll. Da wären sicher sämtliche Personalräte sofort auf „180“ gewesen. Insofern ist die Missbrauchsstudie durchaus auch Beitrag der Kirche zur Aufklärung.

Also alles in bester Ordnung?

MERTES: Nein. Es gibt ein Konstruktionsproblem bei der Studie, das allen Beteiligten klar ist: Sie ist von der Kirche selbst, und nicht von einer anderen Instanz in Auftrag gegeben worden. Damit steht ihre Unabhängigkeit zur Debatte. Nur: Wer hätte diese andere Instanz sein können?

Welche Institutionen wären in Frage gekommen?

MERTES: Die eine wäre zum Beispiel der Deutsche Bundestag gewesen. Dieser könnte beschließen und die Kirche verpflichten, dass sie alle Akten zu möglichen Missbrauchsfällen herausgibt. In einem solchen Fall müsste der Staat sich aber darüber im Klaren sein, dass alle Persönlichkeitsrechte der Betroffenen, natürlich auch die der Opfer, gewahrt werden. Dann müsste sich der Staat selbst mit dieser diffizilen Problemlage auseinandersetzen.

Gibt es jemanden, der in die Verantwortung genommen werden könnte?

MERTES: Denkbar wäre auch, dass die Kirche sich mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, an einen runden Tisch setzt und einen gemeinsamen Auftrag an eine unabhängige Person vergibt. Auch in einem solchen Fall müsste klar sein, dass und wie die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen geschützt werden.

Was müsste bei einer weiteren Studie noch besser gemacht werden?

MERTES: Es müsste innerkirchlich eine interne Gewaltenteilung etabliert werden. Besonders wichtig ist aber, dass man bei einer solchen Untersuchung von der Täterfixierung wegkommt und dagegen die Vertuschungen, die bei den Missbrauchsfällen mit Sicherheit gegeben waren, in den Fokus nimmt. Dabei muss dann herausgearbeitet werden, wo die Verantwortungsketten liegen. Das ist das eigentliche Schlüsselthema.

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