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Lukas Schauder

Landtagswahl 2018

Von jungen Kandidaten, die plötzlich zu Siegern wurden

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Bei der Landtagswahl in Hessen gab es in einigen Wahlkreisen unerwartete Entscheidungen. Wir listen Sieger, aber auch Verlierer auf.

Der hessische Grünen-Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir hat in seinem Wahlkreis Offenbach-Stadt das Direktmandat geholt. Al-Wazir setzte sich mit 27,5 Prozent der Wahlkreisstimmen gegen die Bewerber von CDU und SPD durch. Vor fünf Jahren hatte die CDU das Direktmandat geholt. Die zweite grüne Spitzenkandidatin Priska Hinz, die in der Regierung Umweltministerin ist, konnte sich im Lahn-Dill-Kreis hingegen nicht durchsetzen.

Die AfD liegt in beiden Hochtaunus-Wahlkreisen mit 11,6 Prozent und 10,5 Prozent unter dem Landesergebnis, obwohl die Partei ja in Oberursel gegründet wurde und der Hochtaunuskreis als eine Hochburg galt.

Stark wird der Main-Taunus-Kreis (MTK) im neuen Landtag vertreten sein, nämlich mit sechs Abgeordneten. Dabei ist der MTK Hessens kleinster Wahlkreis. Neu in Wiesbaden ist der Grüne Lukas Schauder aus Bad Soden, der über die Landesliste zum Zuge kam. Der 21-Jährige wird wohl der jüngste Abgeordnete im Landtag sein. Schauder sagte, er brauche wohl ein paar Tage, bis er seinen Erfolg fassen könne. Nun könnten die Grünen selbstbewusst in Koalitionsgespräche gehen.

Die Grünen sind landesweit zweitstärkste Kraft geworden, mit 94 Stimmen Unterschied zur SPD. In der Gemeinde Egelsbach – seit diesem Jahr mit grünem Rathaus-Chef – lagen die Grünen vor. Al-Wazir und Co. bekamen dort 25 Prozent der Stimmen und sind damit klarer Wahlsieger vor den beiden Volksparteien (CDU 23,2 Prozent, SPD 20,1 Prozent). njo

Die Stadt Frankfurt plant einen neuen Stadtteil mit Wohnraum für bis zu 30 000 Menschen. An dem Vorhaben gibt es Kritik von Bürgern, die in der Nähe des vorgesehenen Areals im Nordosten der Mainstadt wohnen. Bei der Landtagswahl hat das Thema keinen sichtbaren Effekt gehabt. Für das Großprojekt setzt sich die SPD ein, der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef hat es auf den Weg gebracht. In den Stadtteilen rund um das anvisierte Gebiet verlor die SPD zwar an Stimmen, aber nicht stärker als im Durchschnitt. In Steinbach, an dessen Rand die Josefstadt vorrücken soll und das am stärksten betroffen wäre, erzielten die Sozialdemokraten mit 18,5 Prozent sogar das beste Ergebnis im Wahlkreis Hochtaunus II.

Ihretwegen müsste man die Geschichtsbücher wälzen. Womöglich ist ihr rasanter Sprung in den hessischen Landtag historisch, weil bundesweit einmalig. Die Grüne Miriam Dahlke (29) hat überraschend den Frankfurter Wahlkreis 35 gewonnen – und wird nun Berufspolitikern. Dabei hat die im Ortsbeirat aktive Rödelheimerin nicht einmal für einen Listenplatz kandidiert gehabt. Volkswirtin ist sie, ist in der Entwicklungshilfe tätig und dachte sich: „Ich bin noch jung, ich kann mit einem Listenplatz noch warten.“ Nun wird sie sich von den Kollegen verabschieden müssen, sie tut’s mit Wehmut. Die Kollegen aber nehmen ihr den plötzlichen Absprung nicht krumm. Im Gegenteil: „Die sind mächtig stolz auf mich.“

Die CDU hat in ihrer Hochburg Limburg-Weilburg noch mehr verloren als im Landesdurchschnitt: 14,1 Prozent im Wahlkreis 21 (rund um Limburg) und 12,4 Prozent im Wahlkreis 22 (Bad Camberg und Oberlahn-Gebiet). 2013 war die CDU lediglich in Fulda stärker als in Limburg-Weilburg, am Sonntag ist der Kreis in dieser parteiinternen Rangliste auf Platz neun abgerutscht. Die beiden Landtagsabgeordneten Joachim Veyhelmann und Andreas Hofmeister verteidigten dennoch ihre Direktmandate. hei

Im Wahlkreis Wetterau III verteidigte Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU) sein Direktmandat mit 31,2 Prozent der Stimmen. 2013 hatte er noch 46,3 Prozent der Stimmen eingefahren. Damit folgte er zwar dem Landestrend. Doch dürfte noch ein andere Ereignis für die Einbußen verantwortlich sein. Denn beim Parteitag der Wetterauer CDU im Februar war es zum Streit gekommen. So wurde hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dass Kartmann im Falle seiner Wiederwahl seine Amtszeit nicht erfüllen werde. Deswegen sollte der frühere Bürgermeister von Bad Nauheim, Armin Häuser, als Ersatzkandidat aufgebaut werden, der im Falle des Rückzugs den Posten übernehmen sollte. Der hatte sich aber zuvor mit seiner Bad Nauheimer Stadtverordneten-Fraktion zerstritten. Es kam beim Parteitag zum offenen Lagerkampf, als Ergebnis wurde der Bad Nauheimer CDU-Fraktionsvorsitzende Manfred Jordis, Widersacher von Häuser, als Ersatzkandidat ernannt. Ob der 69-jährige Kartmann nun doch die nächste Legislaturperiode beendet, ist nicht bekannt. kop

Als einziger Sozialdemokrat hat Bijan Kaffenberger bei der Landtagswahl in Hessen von der CDU ein Direktmandat erobern können. „Dabei hatte ich die Hoffnung darauf nach der Bayernwahl relativ aufgegeben“, sagte der 29-Jährige nach nur rund zweieinhalb Stunden Schlaf am Montag. Darmstadt-Stadt II war seit 2009 in der Hand der CDU. Kaffenberger ist Youtuber und hat rund 60 Folgen „Touretikette“ gedreht – außerdem hat er das Tourette-Syndrom (TS). Das ist eine neuropsychiatrische Erkrankung mit sogenannten Tics – unwillkürlichen, raschen Bewegungen. Ungefähr 40 000 Menschen sind der Tourette-Gesellschaft zufolge in Deutschland davon betroffen. „Tourette ist Teil meiner Persönlichkeit und gehört zu mir“, sagt Kaffenberger, der überzeugt ist, dass „Authentizität den Leuten total wichtig ist“. Das Landtagsmandat empfindet der Sozialdemokrat als „große Aufgabe und große Ehre“. Er ist aber auch überzeugt: „Die kochen doch auch nur mit Wasser.“ Er hat Erfahrung als Kommunalpolitiker vorzuweisen.

(mak)

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