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CSU kämpft mit sich selbst

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Von: Cornelie Barthelme

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Knapp vor dem Bundestagswahlkampf behauptet die CSU, sie kämpfe gegen einen „Linksrutsch“ der Republik. Aber ihr Parteitag erweist: In Wahrheit kämpfen die Christsozialen gerade vor allem mit sich – und auch mit ihrem Vorsitzenden.

Eine Stunde bevor Horst Seehofer reden soll, antwortet Erwin Huber auf die Frage, wie es ihm geht: „gut.“ Und schiebt hinterher: „Persönlich wie politisch.“ Und weil das „politisch“ nach zweifelnder Wiederholung geradezu schreit, sagt Huber noch: „Sie haben nach mir gefragt. Wenn Sie etwas zur CSU hören wollen...“

Jeder will das hier in München, beim Parteitag. Die Journalisten, die Gäste, klar, aber – und das ist das im Wortsinn Verrückte – auch die Delegierten. Dabei sind ja sie die Partei. Aber zugleich sind sie Publikum. Zunächst staunend, dann verwirrt und zum Schluss zutiefst verunsichert hat die CSU betrachten dürfen, wie ihr Vorsitzender sich als Gegnerin die Chefin der Schwesterpartei und Kanzlerin herausgesucht hat, wie er sich mit ihr zerstritten hat, besser: zerkriegt – und zwar so arg, dass die CSU irgendwann nicht mehr wusste, wer nun eigentlich Freund ist und wer Feind für sie.

Der größte Feind...

Es gibt Christsoziale, die glauben, der größte Feind der CSU im Moment sei Horst Seehofer selbst. Mit dieser Überzeugung sind sie zum Parteitag gereist, mit ihr hören sie Seehofers Rede, und nach gefühlten drei Stunden – die in Wirklichkeit nur 102 Minuten sind – tragen diese Christsozialen ihre Überzeugung schrammenfrei aus der Halle hinaus; manche sind schon früher gegangen. Es sei, sagt einer, einfach nicht mehr zum Aushalten.

So wie der Mann davoneilt, bleibt offen, ob er die Rede Seehofers meint oder die Verfassung der Partei oder beides.

Optisch ist alles perfekt, wie stets bei den Christsozialen, bis ins Kleinste. Vor den Delegierten liegen neben Notizblock und Stift Schlüsselanhänger, transparent mit dem blauen „CSU“ aufgedruckt. Gut daumenlang und breit sind sie – und sehr flexibel. Ziemlich bald während Seehofer spricht, beginnt Erwin Huber diese an sich schon sehr bewegliche CSU zu bearbeiten. Er drückt und knetet sie, nur zum Applaus legt er sie kurz beiseite. Aber Huber – der vor Seehofer und nach Edmund Stoiber Parteivorsitzender war, sehr kurz nur und ohne Fortune – klatscht kaum.

Man kann das für Unversöhnlichkeit halten; und vielleicht ist es das auch ein wenig. Aber selbst wenn er und Seehofer sich abgrundtief nicht mögen – die CSU liebt Huber. Von ihr lässt er sich fast alles zumuten, für sie würde er fast alles tun. Und um sie macht er sich große Sorgen. Er sieht sie in Spaltung, nach innen wie nach außen. „Wir müssen wieder mehr zusammenhalten“, findet Huber.

Das heißt, übersetzt, dass Seehofer die CSU auseinandertreibt. Und die Union. Ein Teil der Christsozialen hält gleiches Angela Merkel vor. Schon diese Schuldzuweisungen kann die Partei kaum noch aushalten. Dazu aber kommen die Verunsicherung und die Angst: Im Bund ist die Regierungsmacht gefährdet, in Bayern die absolute Mehrheit. Seehofer sagt, ob man Merkel noch einmal als Kanzlerin wolle, sei nicht sicher – Huber in Interviews, wie andere auch: „Wir werden nur mit Merkel erfolgreich sein.“

Des Krachs müde

Nach mehr als einem Jahr scheint die CSU des ständigen Krachs nun müde. Es ist nicht so, dass Seehofer nicht all das sagte, was die Partei gerne hört. „Ich bin der einzige in der Bundesrepublik, der mit absoluter Mehrheit regiert.“ Kein Beifall. „Wir stellen die kleinen Leute in den Mittelpunkt und nicht ins Abseits.“ Ganze Delegiertenreihen rühren keine Hand. „Wir werden die verlorenen Stimmen von Demokraten zurückholen.“ Null Applaus.

Mehr als eine Stunde geht das so. Oben redet Seehofer, unten schlafen sie mit offenen Augen – und einer aus der Parteispitze holt erst tief Luft und sagt dann: „Wir sind die Mitmach-Partei... Da machst’ was mit.“ Immerhin bringt er ein kurzes Lachen zustande.

Vielleicht hat die CSU so kurz vor der Bundestagswahl einfach zu viele Baustellen. Im Bund und in Bayern die AfD im Nacken, die unausgesetzten Seehofer-Nachfolge-Rangeleien, der Zoff, den Merkel und Seehofer angeblich seit Wochen beizulegen sich bemühen. „Dissens auf offener Bühne auszutragen“, sagt plötzlich Seehofer, „wäre ein grober politischer Fehler – ich habe da so meine Erfahrungen.“ Und dass es „auch nicht verkehrt ist, wenn man in höherem Alter klüger wird“.

Für Seehofer-Verhältnisse ist das fast eine Art Entschuldigung Richtung Kanzleramt. Im Saal werden ein paar Reihen etwas munterer, so wie eben schon, als Seehofer die Stimme gehoben hat, nach mehr als einer Stunde, als er lauter geworden ist, als hätte er endlich begriffen, wie sie da unten von ihm und seinem Reden gar nicht berührt werden. Und wie er auch laut ist, als er ihnen sagt, was sie antworten sollen, wenn sie nach der Flüchtlingspolitik der CSU gefragt werden: „Sagt zwei Dinge: Humanität ist das Wichtigste. Und: Begrenzung ist notwendig, damit wir die Humanität leisten können.“ Und dann fügt er noch hinzu: „Ich werde in dieser Frage die Seele der CSU nicht verkaufen.“

Mehr muss Merkel nicht wissen. Es bleibt also schwer.

Ganz am Ende sagt Seehofer, „mit Humanität, Integration und Begrenzung“ sei er „2015 alleine“ gewesen – „aber die Realität hat uns Recht gegeben“. In Wahrheit meint er: mir. Und dann fordert er von der CSU „Grundvertrauen“ ein. „Ich muss bitten“, sagt er – und das „muss“ darf man wörtlich nehmen.

Zusammenhalten als Ziel

Vielleicht ist das der wichtigste Satz der 102 Minuten. Ganz sicher zeigt er, warum Erwin Huber die CSU zum Zusammenhalten mahnt.

Für den Moment reißt sie sich zusammen, wenigstens das. Nötigt sich knapp fünf Minuten Applaus ab. War es die Rede, die die CSU gebraucht hat? „Offenbar“, sagt Erwin Huber. „Der Beifall. Und im Stehen...“ Ist es auch die gewesen, die er von Seehofer erwartet hat? Ihm hat, sagt Huber, „das Kämpferische“ gefehlt. Er liebt die CSU. Er sagt nicht, dass seine Partei gerade beweist, wie wunderbar sie sich kneten lässt. Auch im Großen.

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