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Alles im Griff? Kanzlerin Merkel, hier bei einem Termin vor wenigen Tagen in Berlin, versucht Stärke zu zeigen, obwohl es in ihrer Partei gärt.

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Die Kanzlerin als Feuerwehr

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Ein Sonderparteitag, das Versprechen, „Personen Chancen zu geben“ – und die Drohung, weitere vier Jahre im Amt zu bleiben: So lässt sich die CDU von Angela Merkel besänftigen.

Selbstverständlich hat Angela Merkel Humor, Barack Obama ist Kronzeuge. In der Öffentlichkeit allerdings, urteilte der vorige US-Präsident vor knapp zwei Jahren, da bleibe sie lieber ernst. Am Sonntagabend aber beliebte die Kanzlerin vor den Augen und Ohren der Fernsehnation zu scherzen.

Ausgerechnet denen aber, die den Witz auf Anhieb erkannt haben müssen, könnte das Lachen bitter geworden sein. Friedrich Merz beispielsweise oder auch Roland Koch. Denn es sagte Merkel: „Das ist immer meine Art gewesen in all den Jahren, Menschen, die ich für politisch erfahren, die ich für klug, die ich für . . . Ähem . . . hoffnungsvoll halte, eine Chance zu geben – und das soll auch weiter so sein.“

Merz, Koch und ein paar weitere, Wolfgang Bosbach beispielsweise, haben nun also den Beleg, dass Angela Merkel sie zu keiner Zeit für erfahren, klug oder wenigstens hoffnungsvoll hielt. Dem Rest der politischen Klasse gelten sie, parteiübergreifend, als die politisch Hochbegabten der Ära Merkel. Aber mit ihrer Karriere ist es nicht wirklich etwas geworden. Dafür nehmen die drei gerade ein bisschen Rache.

Das große Publikum kann die kleine Szene nicht nur zum Beleg nehmen, dass Sinn für Spaß grundsätzlich sehr individuell ist. Es kann außerdem, zum einen, lernen, dass die Kanzlerin Sätze von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt sagen kann, ohne die Miene auch nur ein Millimeterchen zu verziehen. Zum zweiten, dass Angela Merkel genau verstanden hat, dass sie nicht weitermachen kann wie die vergangenen zwölf Jahre. Und zum dritten, dass sie es aber versucht – und so tut, als wäre alles gut und unverändert.

Schon, dass die Kanzlerin überhaupt ins Fernsehen geht aber bedeutet: Es brennt. Wie sehr, ist seit Tagen zu lesen und zu hören. Mit dem Ende der Koalitionsverhandlungen begann in der CDU der Aufruhr. Nur kommen die Christdemokraten – die, anders als die Genossen von der SPD, zu bedingungslosem Gehorsam neigen – eher langsam auf Touren. Und auch nach sechs Tagen ist der Protest nicht in der allerersten Reihe angekommen.

Die Erklärung ist schlicht: Noch könnte man oder Frau sich mit offenen Worten um ein Minister- oder Staatssekretärsamt reden. Folglich hat es zuallererst dem Dauer-Kanzlerinnenkritiker Jens Spahn die Sprache verschlagen.

Aber er hat so etwas wie ein Sprachrohr: den Vorsitzenden der Jungen Union. Wo auch immer sich Paul Ziemiak eine Chance bietet, gibt der über Tage zu Protokoll, dass „die Basis“ höchst unzufrieden sei, weil die Kanzlerin so schlecht verhandelt habe – und dass jetzt also etwas fällig sei von ihr.

Wirklich mutig ist zunächst keiner – also muss Merkel zunächst auch nicht reagieren. Erst als Chef-Mittelständler Carsten Linnemann den „Anfang vom Ende der CDU als Volkspartei“ beschwört und niemand das überzogen nennt, erkennen die Merkelschen Hintersassen: Die Chefin wird wohl diesmal mit Aussitzen allein nicht davonkommen. Bis dahin hat die Kanzlerin auf die Kritik reagiert wie üblich: gar nicht. Das ist außerhalb ihrer Partei auch kaum aufgefallen, weil die SPD mit ihren tollen Tagen mal wieder fast alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Nun aber erkennt man im Kanzlerinnenamt, dass der Zorn nicht einfach so verrauchen wird. Also Fernsehen. Also eine der Mutti-Merkel-Shows, die bislang immer funktioniert haben. Und so serviert die Kanzlerin der Nation Sonntagabend vor „Lilith und die Sache mit den Männern“ ihre „Herzkino“-Version.

Die ist nicht ganz so schmalzig – aber ein bisschen schon. Zum binnen Tagen um alle Macht gekommenen Martin Schulz sagt Merkel: „Ich wünsch’ ihm einfach menschlich erst mal alles Gute.“ Selbstverständlich wäre das einzig Interessante, wie sie sich die Zusammenarbeit in der Koalition nun ohne Schulz vorstellt. Und deren Zukunft überhaupt – falls sie zustande kommt.

Und dann ist da ja ihre eigene persönliche Gegenwart. Roland Koch wirft ihr nicht nur öffentlich vor, zu feige für eine Minderheitsregierung gewesen zu sein und die CDU heruntergewirtschaftet zu haben zu einer Partei, die „fast alles mit sich machen lässt“.

Er fordert sie außerdem auf, ihr Amt deutlich vor der nächsten Bundestagswahl zur Verfügung zu stellen. Kochs Interview mit der „FAZ“ ist nicht nur noch vor Merkels Fernsehauftritt online. Es beweist auch, dass das in der CDU lange Undenkbare plötzlich laut sagbar ist.

Man kann, nein, man muss das Autoritätsverlust nennen – selbst wenn die wirklich klaren Es-reicht-jetzt-Ansagen von einst Abservierten kommen. So ist das immer, wenn die Macht zu schwinden beginnt. Aber noch setzt Merkel auf ihre so lange so erfolgreiche Strategie: Am besten gar nicht reden – und wenn es doch sein muss, das Offensichtliche leugnen. Auf die Frage nach dem Verlust ihrer Autorität antwortet sie also: „Nein, das empfinde ich nicht so.“ Und kündigt an, selbstverständlich vier Jahre im Amt bleiben zu wollen, falls die SPD-Mitglieder die Groko absegnen. Und falls nicht, „dann geh’ ich zum Bundespräsidenten“ und dann müsse der „jemanden vorschlagen und dafür steh’ ich zur Verfügung“.

Übersetzt heißt das: Ich zieh’ das durch, egal wie. Der Partei gewährt sie einen Sonderparteitag zum Absegnen der Vertrags – und verspricht, bis dahin mitzuteilen, wer Minister werden darf und wer Staatssekretär.

Und es funktioniert. „Ein gutes Zeichen“, sagt brav Spahn-Adlatus Ziemiak am Montagmorgen. Und Volker Bouffier: „Die Kanzlerin hat verstanden.“ Und: „Das allgemeine Gegacker sollte jetzt mal eingestellt werden“, so Niedersachsens CDU-Chef Bernd Althusmann.

So einfach geht das. Bei der CDU. Immer noch. Bei der SPD müssen sie grün werden vor Neid.

dfg f dgh tg

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