+
Foto: dpa

Umstrittener Flughafen

Kassel-Calden: Es geht weiter

  • schließen

Die hessische Landesregierung hat sich auf einen Weiterbetrieb des umstrittenen Flughafens Kassel-Calden geeinigt. Gutachter hätten eine deutliche Reduzierung des Defizits attestiert und eine günstige Prognose abgegeben. Doch das sehen nicht alle so optimistisch.

Der Flughafen Kassel-Calden ist immer wieder negativ in den Schlagzeilen. „Millionengrab“, „Steuerverschwendung“ oder „Geisterflughafen“, heißt es oft über den kaum angeflogenen und höchst defizitären Regionalflughafen in Nordhessen. Dennoch ist der Betrieb bis auf weiteres gesichert. Er „überlebte“ jetzt eine Evaluation der Landesregierung.

„Kassel Airport bleibt Flughafen“, lautet die Überschrift der mit Spannung erwarteten Botschaft, die Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) gestern in Wiesbaden verkündeten. Aber beide machten deutlich: „Nicht alles ist gut am Flughafen: Der Start war holprig, es gab immer wieder Rückschläge, und die Passagierzahlen sind von dem, was einst prognostiziert wurde, weit entfernt.“

Die Regierungsparteien CDU und Grüne hatten in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, die Entwicklung des Flughafens im Jahr 2017 umfassend zu überprüfen, und dessen Fortbestand an Bedingungen geknüpft. Zum einen sollte das dem Land Hessen entstehende Defizit Jahr für Jahr um mindestens zehn Prozent sinken, zum anderen eine Entwicklungsperspektive für den Flughafen absehbar sein. Beide Voraussetzungen sieht Schwarz-Grün jetzt erfüllt.

Nach dem von der Kanzlei WilmerHale erstellten Evaluierungsbericht ist das Defizit von gut acht Millionen Euro im Jahr 2014 auf aktuell rund sechs Millionen Euro gesunken, von denen das Land mit seinem 68-Prozent-Anteil rund 4,1 Millionen zu tragen hat. Damit würden die Einsparvorgaben sogar übererfüllt, hieß es.

Zudem liege der Steuervorteil des Landes durch den Weiterbetrieb des Flughafens über der Summe der Subventionen. Gestiegen ist auch die Zahl der Passagiere, allerdings auf niedrigem Niveau von 47 088 im ersten Jahr nach dem Ausbau von 2013 auf voraussichtlich knapp 70 000 in diesem Jahr. In ihrer Prognose erwarten die Gutachter bis 2020 dann gut 149 000 Passagiere.

Würde der Flughafen zum reinen Verkehrslandeplatz degradiert (wie mancher erwartete hatte), ergäbe sich laut der Studie keine weitere relevante Reduzierung der Zuzahlung des Landes. Dafür entfiele der nur für Flughäfen zwingend vorgeschriebene „große Bauschutzbereich“, was Sicherheitsprobleme verursachen würde.

Verworfen wird von den Gutachtern auch die weitere Alternative, Kassel-Calden als Flughafen auf den Stand vor dem Ausbau 2013 zurückzuversetzen, also das Passagierterminal abzureißen und den Flugbetrieb einzuschränken. Dann würde sich das Defizit um 1,6 Millionen Euro verringern, doch entstünden noch hohe Einmalkosten für die Abfindung ausscheidender Mitarbeiter.

In beiden Fällen würden die bereits investierten rund 280 Millionen für den Flughafenausbau nicht zurückfließen, sagten die beiden Minister. Der Grüne Al-Wazir betonte, er habe diesen Ausbau nicht gewollt und halte die Entscheidung dafür immer noch für falsch. „Das Geld zurückholen können wir allerdings nicht“, fügte er hinzu. Da eine Rückstufung zum Verkehrslandeplatz kaum zusätzliche Entlastung bringe, halte er den Weiterbetrieb jetzt für vertretbar. Al-Wazir und Schäfer hoben hervor, die Einsparvorgaben der Koalition hätten Erfolge gezeitigt.

Der Bund der Steuerzahler nannte dagegen „die Verlängerung des Subventionsdramas absurd“. Die Linke warf der Landesregierung vor, Warnungen des Landesrechnungshofs zu ignorieren. Die FDP vermisste ein Entwicklungskonzept für Kassel-Calden, die SPD nannte das Bekenntnis zu dem Flughafen „überfällig“.

Auch wenn die Fortführung des Flughafens erst mal gesichert ist, steht fest: Die heftigen Diskussionen rund um den Frankfurter Flughafen um Lärmpausen, Lärmobergrenze, Bau eines dritten Terminals sind aus nordhessischer Sicht Luxusprobleme, von denen Kassel-Calden nur träumen kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare