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Am Tag des weltweiten Klimastreiks am 20. September gab es rund um den Globus Demonstrationen für besseren Klimaschutz.

Greta Thunberg und „Fridays for Future“

Wie radikal wird der Klima-Protest? Jugendforscher sieht Bewegung am Scheideweg

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Der Erfolg der Klima-Proteste, die von der Initiative der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg ausgehen, ruft auch radikale Gruppen auf den Plan. Forscher sehen die Bewegung am Scheideweg.

München – Für Beobachter ist die Klimabewegung ein überraschender Erfolg. Aus Sicht der Aktivisten hat sie in der Sache aber noch nicht viel erreicht. Neben streikenden Schülern treten nun auch andere Gruppierungen auf den Plan. Radikalisiert sich die Bewegung?

Vor etwas mehr als einem Jahr setzte sich erstmals ein damals 15-jähriges Mädchen vor den schwedischen Reichstag statt in ihre Schulbank. Bald folgten weltweit Schüler dem Beispiel dieses „Schulstreiks für das Klima“. Was die von Greta Thunberg angestoßene „Fridays for Future“-Bewegung (FFF) bewirkte, ist für Forscher eine Sensation. Doch der eigene Erfolg setze die Bewegung nun unter Druck, sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Sie stehe an einem Scheideweg.

Greta Thunberg spricht bei einem Klima-Marsch im kanadischen Montreal.

„Es ist ein außergewöhnlicher Erfolg, dass es Schülern gelingt, ein Thema so in die Gesamtbevölkerung zu tragen und Wahlthemen zu setzen“, findet Hurrelmann, der jahrelang an der Shell-Jugendstudie mitarbeitete. Der Bewegung schlug viel Sympathie entgegen. Doch aus ihrer eigenen Sicht ist inhaltlich bislang kaum etwas erreicht. Das Klimapaket der Bundesregierung ist für die Sprecher der deutschen „Fridays for Future“-Bewegung „kein Durchbruch, es ist ein Skandal“. So formulierte es FFF-Aktivistin Luisa Neubauer vorletzte Woche auf Twitter. Für die Schüler stellt sich die Frage, ob sie ihren Weg so weitergehen oder sich neuen, weitergehenden Formen des Protestes anschließen.

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Klima-Proteste: Wird Bewegung nach Greta Thunberg jetzt immer radikaler?

Getragen wird die FFF-Bewegung von der Annahme, dass nur wenige Jahre bleiben, um den Ausstoß von Treibhausgasen radikal zu senken. Greta Thunberg sagte in ihrer Wutrede bei den Vereinten Nationen, sie bezweifle, ob das im derzeitigen Wirtschaftssystem möglich sei. „Auf der anderen Seite riskiert die Bewegung den Verlust von viel Sympathie, wenn sie wirklich einen radikalen Systemwechsel fordern würde“, glaubt Hurrelmann. „Das ist ein Dilemma, eine Gratwanderung.“

Andere Aktivisten-Gruppierungen treten bereits in Erscheinung. Die Gruppierung „Extinction Rebellion“ (kurz XR, zu Deutsch: „Aufstand gegen die Ausrottung“), die in London mit Straßenblockaden auf sich aufmerksam machte, plant für den 7. Oktober mit der Besetzung von Kreuzungen in mehreren Städten ihren ersten größeren Auftritt in Deutschland. Die Verfassungsschutzbehörden des Bundes und mehrerer Länder sehen Verbindungen zwischen Klimaschutz-Aktivisten und Linksradikalen. Anonyme Täter zündeten Anfang vergangener Woche Kabel an einer Berliner S-Bahn-Strecke an, offenbar, um den Verkehr zum Flughafen zu beeinträchtigen – laut einem Bekennerschreiben im Namen des Klimaschutzes. In München beklebten Unbekannte Geländewagen mit „Du stinkst“-Zetteln – nicht abwaschbarer Leim, der Staatsschutz ermittelt. Die Frage, die sich aufdrängt: Radikalisiert sich die Klimabewegung?

Soziologe: „Fridays for Future ist nicht fundamental oppositionell“

Protestforscher sehen so einen Trend in Deutschland bisher nicht. „Fridays for Future ist enttäuscht von der Regierung, aber nicht fundamental oppositionell“, sagt Oskar Fischer, Soziologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Jugendforscher Hurrelmann sagt: „Es gab auch bei Fridays for Future Diskussionen über die künftige Richtung. Aber die Gruppe, die auf die bisherigen Aktionsformen setzt, ist die weitaus stärkere.“

In linken Bewegungen seien in Deutschland einige Pflöcke eingeschlagen worden, die die Grenzen von Protest markieren, sagt Simon Teune, Protestforscher an der Technischen Universität Berlin. Auch für „Extinction Rebellion“ sei klar, dass es nicht legitimierbar sei, wenn durch Aktionen Menschen verletzt würden. Die Bewegung, die in Deutschland etwa 50 Ortsgruppen hat – und der sich auch die als Kapitänin des Seenotretters „Sea Watch 3“ bekannt gewordene Carola Rackete zurechnet –, beruft sich auf Mahatma Gandhi und lehnt schon Beleidigung als Form der Gewalt ab.

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Berührungspunkte mit anderen Strömungen gibt es, wenn auch ungewollt. „In einer sozialen Bewegung kann man kaum kontrollieren, wie andere handeln“, sagt Simon Teune. „Man kann nur die eigenen Grenzen benennen.“ 

So sieht etwa der bayerische Verfassungsschutz Versuche der Vereinnahmung der Klimabewegung durch linksextreme Gruppen, die den Kapitalismus als vermeintlichen Urheber der Klimakrise bekämpfen würden. Sie seien an Störaktionen gegen Braunkohle-Tagebaue im rheinischen Revier beteiligt gewesen. Bei Fridays for Future hätten solche Vereinnahmungsversuche bisher aber keinen Erfolg, heißt es vom bayerischen Verfassungsschutz. Auch XR beobachte man nicht.

In seiner eigenen TV-Show zieht Dieter Nuhr die Klimaaktivistin Greta Thunberg und deren globale Bewegung Fridays For Future durch den Kakao. Die Reaktionen darauf fallen heftig aus. Angela Merkel spricht über Greta Thunbergs Auftritt beim Klimagipfel in New York. Sie findet Positives, übt aber auch Kritik. Dafür kriegt sie einen Shitstorm ab.

Die SPD und die Union haben ein neuesKlimapaket auf den Weg gebracht. Im Vergleich zur ursprünglichen Version kommt es aber abgeschwächt. Das sorgt für Entsetzen bei der Opposition.

Greta Thunbergs ehemalige Lehrerinerzählte indes Details auf Gretas Schulzeit. Derweil steht eines der Gründungsmitglieder von Extinction Rebellion in der Kritik. In einem Interview leugnete Roger Hallam den Holocaust. Eine Aussage mit raschen Folgen.

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