Deutschland „Klima-Bösewicht“

Klimastreik: Vorfall um Greta Thunberg in Berlin - Männer-Gruppe bedrängt Aktivistin

  • VonAstrid Theil
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  • Anna-Katharina Ahnefeld
    Anna-Katharina Ahnefeld
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Kurz vor der Bundestagswahl mobilisiert Fridays for Future. Der Klimastreik findet in mehr als 350 deutschen Orten statt. Und weltweit.

  • Weltweit hat die Klimabewegung Fridays for Future zu Demonstrationen und Kundgebungen aufgerufen.
  • In Berlin wird die schwedische Aktivistin Greta Thunberg an der Demonstration teilnehmen.
  • Annalena Baerbock (Grüne) tauchte in Köln auf (siehe Update vom 24. September, 12.39 Uhr), Olaf Scholz* (SPD) bezeichnete den Klimastreik als richtig (siehe Update vom 24. September, 14.20 Uhr).
  • Alle Informationen zum Klimastreik in unserem News-Ticker.

Update vom 24. September, 17.30 Uhr: In hunderten deutschen Städten fanden heute kurz vor der Bundestagswahl Demonstrationen der Bewegung Fridays for Future statt. Nach Angaben der Bewegung selbst wurde an fast 500 Orten bundesweit für einen konsequenteren Klimaschutz demonstriert. In den Städten Berlin, Hamburg und München kamen jeweils tausende Teilnehmer zusammen.

Auch Prominente wie Jan Delay oder die Band AnnenMayKantereit unterstützten die Demonstrationen. Darüber hinaus nahmen auch andere Organisationen wie Amnesty International und die Evangelische Kirche in Deutschland an den Demonstrationen teil. Fridays for Future bezifferte die Gesamtzahl der Demonstrierenden auf 620.000. Die Schätzungen der Polizei zur Zahl der Teilnehmenden wich allerdings teils stark von denen der Veranstalter ab.

Trotz starker Kritik: Kanzlerkandidaten Scholz (SPD) und Laschet (CDU) unterstützten Fridays for Future

In Berlin zogen besonders junge Menschen mit Plakaten durch die Stadt, auf denen Aussagen wie „Naturgesetze unterliegen keiner Legislative“ oder „Wofür Abi wenn ich eh keine Zukunft habe!?“ standen. An allen Demonstrationsorten wurde dafür demonstriert, Klimaschutznahmen durchzusetzen, die einen weltweiten Temperaturanstieg noch auf eineinhalb Grad Celsius begrenzen - dieses Ziel wurde 2015 im Klimaschutzabkommen von Paris international vereinbart.

Die deutschen Parteien standen im Zuge der heutigen Demonstrationen in der Kritik. Kein Wahlprogramm reiche aus, um die Klimaziele zu erreichen. Die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD) und Armin Laschet (CDU) drückten ihre Unterstützung für die Demonstrationen aus, kamen bei diesen aber nicht gut weg. In Berlin wurden Plakate mit Aufschriften wie „Moin Olaf, 9, 5Milliarden Euro Steuervorteil für Diesel - willst Du das nicht mal anpacken?“ durch die Stadt getragen. Auf einer Aufblasfigur mit den Gesichtszügen Laschets stand außerdem: „Klimaschutz bei CDU/CSU? Nichts als heiße Luft.“ Annalena Baerbock gesellte sich derweil am Rande der Fridays for Future-Demonstration in Köln zu den Umweltaktivisten und sprach mit diesen.

Luisa Neubauer: „Die kommende Legislaturperiode ist historisch“

Die hohe Bedeutung der Bundestagswahl an diesem Sonntag wurde von den Demonstranten betont - so zum Beispiel von der bekannten Aktivistin Luisa Neubauer: „Die kommende Legislaturperiode ist historisch“. Für eine konkrete Partei wurde jedoch keine Werbung gemacht. Neubauer verwies lediglich darauf, dass es wichtig sei, klimabewusst zu wählen und erwähnte die jüngste Wahlprogramm-Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Diese sieht die Grünen in der Gesamtbewertung zu den Klimaschutz-Plänen auf den ersten Platz und die FDP auf den letzten Platz

Regierungssprecher Seibert verwies derweil angesichts der Proteste auf Fortschritte. Die Regierung habe seiner Aussage nach ihre Anstrengungen verstärkt, um neue Klimaziele zu erreichen. Insgesamt gebe es eine neue Dynamik in Deutschland und auf europäischer Ebene. Die heutigen Demonstrationen in Deutschland waren Teil eines weltweiten Klimastreiks von Fridays for Future in mehr als hundert Ländern. Seit 2019 fanden insgesamt acht solcher globaler Klima-Streiks statt. 

Update vom 24. September, 16.14 Uhr: Die schwedische Initiatorin von Fridays for Future, Greta Thunberg, hat Deutschland kurz vor der Bundestagswahl als „einen der größten Klima-Bösewichte“ bezeichnet. „Deutschland ist der viertgrößte Kohlenstoffdioxid-Emittent in der Geschichte, und das bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen“, sagte Thunberg am Freitag vor dem Bundestag. „Deutschland ist objektiv gesehen einer der größten Klima-Bösewichte.“

In ihrer Rede, die von Applaus und Zustimmung begleitet wurde, forderte sie eine Veränderung des „Systems“. Man könne sich aus der Krise nicht „herausinvestieren, bauen oder kaufen“, so Thunberg. „Und je länger sie so tun, als könnten wir die Krise innerhalb des heutigen Systems lösen, desto mehr Zeit verlieren wir.“

Tausende Demonstrantinnen und Demonstranten versammelten sich am Freitag auf der Wiese vor dem Reichstag, auch die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer sprach. Thunberg verließ am Nachmittag gemeinsam mit Neubauer unter Polizeischutz den Platz vor dem Reichstagsgebäude, wie eine dpa-Reporterin berichtete. Zuvor hatten drei Männer die Klimaaktivistin bedrängt und beleidigt.

Klimastreik in Deutschland: Laschet wendet sich an Fridays For Future - „Herzlicher Gruß“

Update vom 24. September, 15.31 Uhr: Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet* hat angesichts der Demonstrationen der von Fridays for Future mehr Tempo beim Klimaschutz versprochen. Laschet sagte am Freitag in einer Botschaft auf Instagram, Fridays for Future sei heute an vielen Orten für das Klima unterwegs. „Für die CDU ist ganz klar, nicht erst seit heute: Deutschland muss beim Klimaschutz schneller und besser werden.“ Das Ziel sei, weltweit so schnell wie möglich Klimaneutralität zu erreichen. Dies sei eine Aufgabe, die nur global gelöst werden könne.

„Wir in Deutschland müssen zeigen, dass wir die schnellsten sind, dass wir die besten sind, dass wir die besten Technologien haben, um unsere gesamte Wirtschaft umzustellen auf Klimaneutralität.“ Zugleich müssten Arbeitsplätze erhalten werden. Laschet verwies außerdem darauf, dass Deutschland aus der Braunkohle aussteige. Im nächsten Jahr würden weitere Kraftwerke abgeschaltet. „Auch hier brauchen wir mehr Tempo.“

CO2 einsparen sei die Aufgabe dieses Jahrzehnts, sagte Laschet kurz vor der Wahl. Er wolle als Bundeskanzler diesen Prozess vorantreiben, Arbeitsplätze erhalten und Klimaneutralität erreichen. „Damit wir eine Welt haben, die auch für künftige Generationen lebenswert ist.“ Lachet schloss sein kurzes Statement mit einem „herzlichen Gruß“ an alle, die nun draußen seien.

Klimastreik in Deutschland heute/Scholz: „Dass heute Klimastreik ist, ist richtig“

Update vom 24. September, 14.20 Uhr: SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat die Proteste für mehr Klimaschutz als richtig bezeichnet. „Ich bin dankbar für das Engagement von Fridays For Future. Sie haben mitgeholfen, dass Klimaschutz oben auf der Agenda steht. Ich sage ausdrücklich: Dass heute Klimastreik ist, ist richtig. Klimapolitik gehört zu den wichtigen Themen, über die bei dieser Wahl entschieden wird!“, schrieb er auf Twitter.

In ganz Bayern sind am Freitag bereits Tausende Menschen für mehr Klimaschutz auf die Straße gegangen. Allein in München kamen nach Angaben der Polizei etwa 12.000 Menschen zu der Protestaktion der Bewegung Fridays for Future. „Wir sind sehr viel mehr als wir erwartet haben“, sagte die Sprecherin der Organisatoren, Cosima Schaaf. Man sei positiv überrascht. Ursprünglich hatte Fridays für Future nur mit etwa 5000 Teilnehmern in der bayerischen Landeshauptstadt gerechnet. Auch in etlichen anderen Städten im Freistaat und im Rest der Bundesrepublik sind am Freitag zwei Tage vor der Wahl noch Protestzüge geplant, um der Forderung nach raschen und entschlossenen Maßnahmen für den Klimaschutz Nachdruck zu verleihen.

Auch in Baden-Württemberg zieht es viele auf die Straßen: In Freiburg seien geschätzt mehr als 10.000 Teilnehmer bei den Protesten dabei, erklärte ein Polizeisprecher. Es könnten im Laufe des Nachmittags aber noch deutlich mehr werden. Auch in Stuttgart zogen laut Polizei mehrere Tausend durch die Innenstadt. Die Veranstalter sprachen von 15.000 Teilnehmern.

Baerbock beim Klimastreik vor Bundestagswahl - Tausende vor Reichstagsgebäude

Update vom 24. September, 12.39 Uhr: Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock* wird an diesem Freitag auch bei einer Klima-Demo (siehe Erstmeldung) mitlaufen. Die Grünen-Kanzlerkandidatin kam unangekündigt zu einem der Treffpunkte der Umweltaktivisten in Köln, berichtet die Nachrichtenagentur dpa.

Am Nachmittag wird Baerbock zum bundesweiten Wahlkampfabschluss ihrer Partei in Düsseldorf erwartet.

Am Mittag versammelten sich laut der Nachrichtenagentur AFP Tausende Menschen auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude, in dem der Bundestag seinen Sitz hat. Geplant war ein Zug durch das Regierungsviertel und am Nachmittag eine Kundgebung vor dem Reichstagsgebäude. Als Rednerin ist auch die schwedische Initiatorin von „Fridays for Future“, Greta Thunberg (18), angekündigt. Hier ist sie mit der ihrer deutschen Mitstreiterin Luisa Neubauer (25) zu sehen:

Die „Fridays for Future“-Aktivistinnen Luisa Neubauer (l.) und Greta Thunberg beim Klimastreik in Berlin.

Fridays for Future: Lehrerverband kritisiert Teilnahme von Schülern an Klimastreik

Update vom 24. September, 7.28 Uhr: „Wir lehnen es ab, dass die Schulpflicht zugunsten politischer Aktionen - etwa im Rahmen eines so genannten Klimastreiks - aufgehoben wird“, sagte Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger den RND-Zeitungen vom Freitag.

„Es stellt sich ansonsten die Frage, für welche politischen Aktionen man schulfrei bekommen würde und für welche nicht“, sagte Meidinger den Zeitungen weiter. „Darf man dann auch bei einer Demo gegen den Welthunger, für den Frieden in der Welt, für die Befreiung Palästinas oder gegen ‚Überfremdung‘ schulfrei nehmen?“, fragte Meidinger. Die Schule dürfe nicht zwischen „guten“ und „schlechten“ Aktionen unterscheiden.

Klimastreik vor Bundestagswahl: Lehrerverband kritisiert Teilnahme von Schülern

Meidinger verwies laut dem Bericht darauf, dass auch in der Schule Zeichen gegen den Klimawandel gesetzt werden könnten, „ „ohne dafür den Unterricht zu schwänzen“. Als Beispiel nannte er das Engagement von Kindern und Jugendlichen in schulischen Arbeitsgruppen, Aktionen im Unterricht und Schuldebatten. „Schule und Engagement für eine bessere Umwelt sind also keine Gegensätze“.

Meidinger plädierte allerdings für Besonnenheit bei der möglichen Bestrafung von Klimastreikenden. „Bei einmaligen Verstößen gegen die Schulpflicht im Rahmen von Fridays for Future sollte nicht überzogen, sondern angemessen reagiert werden“, sagte er dem RND. „Etwa, indem die betroffenen Schülerinnen und Schüler den versäumten Unterricht nachholen müssen“.

Greta Thunberg kurz vor Bundestagswahl in Berlin: Riesige „Fridays for Future“-Proteste in ganz Deutschland

Erstmeldung vom 23. September: Deutschland – Die Bundestagswahl* steht an – und die Klimakrise ist das Damoklesschwert, das über ihr schwebt. Zwei Tage vor dem Stichtag am Sonntag (26. September) macht „Fridays for Future“ nochmal ordentlich Stimmung. In mehr als 350 Orten in Deutschland wird dazu aufgerufen, an Demonstrationen und Kundgebungen teilzunehmen und gegen die Klimakrise zu mobilisieren.

Die Demonstrationen in Deutschland sind Teil eines globalen Klimastreiks in mehr als tausend Städten. Laut einem Bericht des Tagesspiegels wird Greta Thunberg* in Berlin an einer Demonstration teilnehmen. Die schwedische Aktivistin betonte der Zeitung zufolge, der Protest sei nicht als Werbung für eine bestimmte Partei gedacht. „Wir sind keine Lobbyisten für die Grünen*.“ In Deutschland behandle „kein Politiker, keine Politikerin, keine Partei die Klimakrise wie einen Notfall“. So komme etwa ein Kohleausstieg 2038 zu spät.

„Lang lebe das Klima“ steht auf dem Transparent eines Demonstranten, der mit vielen weiteren Klimaschützern über die Oberbaumbrücke geht.

Klimastreik kurz vor Bundestagswahl: Greta Thunberg kommt nach Berlin

Nach Angaben von Fridays for Future ist es der achte weltweite Klimastreik. Deren zentrale Forderung ist eine Begrenzung der Erderwärmung auf höchstens eineinhalb Grad Celsius, was dem Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015 entspricht. Dazu soll der Ausstoß von Treibhausgasen so schnell wie möglich sowie „sozial verträglich“ gesenkt werden.

Auch die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer beklagte im Tagesspiegel zu wenig Einsatz für den Klimaschutz von allen deutschen Parteien. Allerdings spiele das Thema im derzeitigen Wahlkampf eine bedeutend größere Rolle als noch vor zwei Jahren. „Wir sehen also schon, wohin wir als Klimabewegung die Parteien gebracht haben und was sich verändert hat“, sagte sie dem Blatt.

Die Vereinten Nationen hatten erst am Donnerstag in einem neuen Bericht gewarnt, dass das 1,5-Grad-Ziel nur noch mit drastischen Maßnahmen zu erreichen sei. Dieser wurde von UN-Organisationen gemeinsam mit wissenschaftlichen Partnern veröffentlicht und stellt fest, dass sich der Klimawandel und seine Auswirkungen beschleunigen. Die kurzzeitige Abnahme der CO2-Emissionen wegen der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr habe daran nichts geändert.

Rubriklistenbild: © John MacDougall/AFP

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